Kosovo: Über Begegnungen mit Serben und Albanern am Rand des Krieges: Wie kann man vergessen, was war? Und was geschieht, wenn das nicht möglich ist?

Eine Profil-Reportage aus Heft 26/1999

 In Mitrovica gibt es eine Brücke. Sie trennt die Stadt. Die Häuser auf der einen Seite sind verwüstet und ausgebrannt, die Häuser auf der anderen Seite stehen noch. Auf der einen Seite leben Albaner, auf der anderen Serben. Vor dem Krieg war das noch nicht so klar getrennt – jetzt schon, und die französischen Soldaten auf der Brücke helfen dabei. Es gibt nur eine Geschäftsstraße, auf der man einander begegnet, aber man begegnet einander dieser Tage nicht so gern.    

Meli Nebahat, 26 und bildhübsch, war Verkäuferin bei „Tiffany“, im schicksten Jeansshop der Stadt. Der Jeansshop ist leer, aber das ist Meli ziemlich egal. Drei Monate lang hat sie sich mit ihrer kranken Großmutter daheim verbarrikadiert. Wie alle Albaner, die blieben, mußte sie sich von der Polizei einen grünen Ausweis holen, ohne den durfte man nicht auf die Straße. Alle paar Tage durchsuchten maskierte serbische Paramilitärs die Wohnung, jedesmal wollten sie Geld, „Deutschmark, keine Dinar“, aber Deutschmark hatte Meli nicht. Einmal trugen sie die Kochtöpfe davon, einmal sperrten sie die Tür zu und rissen ihr den Pullover vom Leib, aber darüber, was dann war, will Meli nicht reden, auch ihrer Mutter hat sie es nicht erzählt.    

Es ist jetzt, seit wenigen Tagen, „ein neues Leben“ – und doch nicht ganz. Meli hat die serbischen Lieder noch im Kopf, die durch die Straßen hallten, als der albanische Teil der Stadt brannte. „Die Serben“, sagt sie, denn das waren nicht nur Soldaten, sondern die ganz normalen Leute von nebenan. Vorhin schon ist ein Mädchen vorbeigegangen – „die gelbe Jacke ist aus unserem Laden“, sagt Meli. Und dann zuckt sie zusammen: Dort, das ist Mira. Mira stand, mit einem Stock oder Regenschirm in der Hand, oft auf der Brücke und nahm den ängstlich vorbeihastenden Albanern die Einkaufstüten ab. „Manchmal schlug sie zu“, sagt Meli, „aber meistens gaben wir auch so alles her, weil Soldaten daneben standen.“    

Dann will Meli nicht weitergehen. Wir stehen an der für Fremde unsichtbaren Linie, die Mitrovica teilt. „Sie sind alle noch da, dort drüben“, sagt sie.   

 „Drüben“ steht eine Gruppe älterer Frauen und Männer. „Eine Tragödie“, sagen sie, aber sie meinen nicht dasselbe wie Meli. „Eine Tragödie“ sei, daß jetzt immer mehr Serben weggehen aus Mitrovica, daß sie sich fürchten müssen, obwohl sie doch gar nichts Falsches getan haben. „Schauen Sie doch, keiner tut den Albanern etwas“, sagt einer und deutet hinüber auf die andere Seite der Linie: „Die Frau dort hat zehn Brote gekauft. So viel kann kein normaler Mensch essen. Die bringt sie sicher der UCK. Und niemand hindert sie daran.“    

Die albanische Opferpose sei „eine grosse Inszenierung“, sagen sie, denn die Albaner seien reich und raffiniert genug, die ganze Welt in die Irre zu führen. Und die Hunderten, Tausenden verbrannten Häuser? „Die haben die Albaner selbst angezündet“, sagt einer. „Wenn ich von hier wegginge, würde ich mein Haus auch anzünden.“    

Am Abend brennt in Mitrovica ein Haus, ein großes, serbisches, im albanischen Teil der Stadt. Mit einer Schubkarre wird in der Finsternis die Waschmaschine weggeschleppt, auf einem Pritschenwagen liegen der Luster und die Nachtkästchen. Jemand hat in der Hast eine Kaffeekanne im Schlamm verloren. Französische Soldaten fuchteln nervös, aber hilflos mit ihren Gewehren herum. Die Flammen lodern weithin sichtbar, beißender Rauch liegt in der Luft.   

 Ist das dasselbe, was vorher mit den albanischen Häusern geschah? Es ist ein großes Feuer. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie es gelodert haben muss, als das wirklich große Feuer war.   

 *    

Nebojsa Mihailovic ist Chirurg, Isa Kalicani ist Orthopäde. Sie sind beide gute Ärzte. Aber wichtiger ist hier und jetzt, dass Mihailovic Serbe und Kalicani Albaner ist. Das Krankenhaus von Pec (albanisch: Peja), wo beide jahrelang arbeiteten und einander schätzen lernten, hatte einen ausgezeichneten Ruf und beschäftigte einst 500 Menschen. Als der Krieg vorbei war und das Team der Hilfsorganisation “Ärzte ohne Grenzen“ das Eingangsportal aufbrach, war es ein Geisterhaus.    

Drei verstörte, abgemagerte Krankenschwestern, eine serbische, eine katholisch-albanische und eine moslemische, hatten gemeinsam mit dem alten Putzmann und drei verwirrten chronischen Patienten bis zuletzt die Stellung gehalten – ohne Licht, beinahe ohne Essen. „Wir haben uns eingesperrt, weil wir nicht wussten, was wir tun sollten“, sagen sie. Alle anderen waren weg.    

Doktor Kalicani hatte, über die Jahre hinweg, alle behördlichen Schikanen ignoriert, die viele seiner albanischen Kollegen zum Auswandern bewegten. Aber nach den ersten NATO-Bomben musste auch er gehen – „nicht freiwillig“, wie er betont. Über Nacht wurde das Krankenhaus unter Militärverwaltung gestellt. In einer Versammlung teilte der Direktor den albanischen Angestellten mit, sie sollten nicht mehr zur Arbeit erscheinen. Dann, am Sonntag, wurden die Albaner von Peja auf dem Hauptplatz zusammengetrieben und deportiert. „Isa kam am Montag nicht zum Dienst“, sagt Mihailovic, „aber ich weiß nicht, was geschehen ist.“   

 „Jeder weiß, was geschehen ist“, sagt Kalicani. Während er im albanischen Flüchtlingslager saß, operierte Mihailovic. Es war Krieg, es gab viele Verletzte und für Ärzte viel zu tun. Dann ging der Krieg verloren, die NATO rückte ein, und die serbischen Schwestern, Ärzte und Patienten verließen Hals über Kopf das Spital. Mihailovic blieb als letzter Arzt, dann ging auch er – in den Garten des serbisch-orthodoxen Klosters, wo bereits Hunderte andere Serben aus Peja Schutz suchten. “Überall Entführungen, Racheakte – ich fühle mich nicht mehr sicher“, sagt er dort.    

Am Morgen, an dem Mihailovic im Spital seine Sachen packte, brachte die KFOR zwei UCK-Soldaten – der eine mit einer Kugel in der Schulter, der andere mit einer abgerissenen Hand. „Ich habe Terroristen operiert“, sagt der Chirurg, und es schwingt sowohl Stolz als auch Bitterkeit mit. Als er fertig war, stand Kalicani auf der Schwelle – als erster Heimkehrer aus Albanien. Die beiden Kollegen umarmten einander, wie früher. Aber außer „Guten Tag“ gab es nicht viel zu sagen. Mihailovic übergab Kalicani die Schlüssel, dann ging der eine ins Kloster, der andere, zum ersten Mal seit drei Monaten, in sein verwüstetes Sprechzimmer.    

„Ich habe Nebojsa gebeten zu bleiben“, sagt Kalicani, „er ist ein guter Arzt und war einer der wenigen Korrekten hier. Aber es geht wohl nicht.“ Es geht wohl auch ohne ihn. Kalicani ist in Eile. Er muss die versprengten albanischen Krankenschwestern von früher zusammensuchen, Essen für die Patienten organisieren, das Medikamentenlager sichten, wo – in großen Haufen am Boden – die Pillen aus den geplünderten albanischen Apotheken liegen.    

Es war Krieg, es gibt viele Verletzte – und viele Albaner mit unbehandelten Wunden und verschleppten Krankheiten, die sich seit Monaten nicht ins Spital gewagt haben. Es gibt viel zu tun für einen Arzt.   

 *   

 Junik ist ein albanisches Dorf. Es war lange Zeit das Hauptquartier der Kosovarischen Befreiungsarmee und ist ein historischer Ort: Hier hockte, vor genau einem Jahr, US-Vermittler Richard Holbrooke in Socken am Boden eines Bauernhauses und traf erstmals mit UCK-Kommandanten zusammen, um einen möglichen Frieden auszuhandeln.   

 Heute zeugen Einschußlöcher und Narben von Granatsplittern an jeder Hauswand von den vielen Offensiven, die über Junik hinwegfegten; man watet durch Scherben, in den Ruinen plätschert das Wasser aus offenen Rohren. Zwei Esel tollen auf der Straße, ein Schwarm Krähen zieht über den Himmel. Sonst ist nur einer da: Sali Gjota, 50 Jahre alt.    

Er sitzt, auf einer leeren Coca-Cola-Kiste, vor seinen Krücken und dem, was einst sein Gemischtwarenladen war. Er hat nur ein Bein. Er ist auf dem linken Auge blind, auf der rechten Seite seiner Brille hat er das Glas verloren, also hat er die Brille verkehrt herum aufgesetzt und festgebunden. Gjota weiß nicht mehr, wie er hierhergekommen ist. Er weiß nur noch, dass sein Flüchtlingstreck beschossen und er verletzt wurde. Irgend jemand muss ihn nach Hause gebracht haben.    

Junik gibt es nicht mehr. Statt Holbrookes Frieden kam die letzte, vernichtende Runde im grossen Krieg. Das Bauernhaus, in dem Holbrooke saß, ist ausgebrannt; er saß im ersten Stock, aber statt der Zimmerdecke sieht man jetzt vom Erdgeschoß aus den blauen Himmel.   

 Vielleicht lebt Gjotas Frau noch, vielleicht nicht. Der Mann weiß nicht, wen er danach fragen könnte und auch nicht, was es sonst für ihn zu tun gäbe. Auf der Hauswand gegenüber steht eine mit Spraylack gemalte serbische Botschaft: „Wenn ihr wollt, könnt ihr das noch einmal haben.“ Gjota sieht zu schlecht, um sie lesen zu können.   

 *   

 Belo Polje ist ein serbisches Dorf. Es ist bewohnt, aber gespenstisch still. Plötzlich ein Kopf hinter einer Mauer: „Kommen Sie, schnell, es ist etwas passiert.“ Hinter Steinen, Zäunen und Heuhaufen ringsum tauchen weitere Köpfe auf, und neben jedem eine Hand mit einem Gewehr. Die Männer führen die fremden Besucher, sich hastig umblickend, zu einem Bauernhof. Ein Mann liegt tot auf der Straße, ein weiterer, von Hühnern und Schweinen umringt, in einer Blutlache im Hof, ein dritter oben im ersten Stock auf dem Boden neben dem Bett: Rade Stosic, sein Onkel Stevo Stosic und Filip Kostic. Momcilo Pavlovic, das vierte Opfer, lebt noch. Die Kugel, werden die Ärzte später sagen, ist zwischen seinen Augen steckengeblieben.   

 „Die NATO muss kommen, schnell“, sagen die schwerbewaffneten, aber angstschlotternden Männer. Vor einer dreiviertel Stunde sei die UCK hiergewesen, zehn uniformierte Männer in drei Autos. Sie haben sich die Zeit genommen, auszusteigen und den Serben die Schüsse direkt in die Stirn zu jagen – es sieht nach einer gezielten Hinrichtung aus. Zwischen sechs und sieben Uhr, hätten sie gedroht, würden sie wiederkommen. Es ist halb sieben.    

Es dauert noch eine volle Stunde, bis die NATO kommt, fünf Panzer, zwei Busse und italienische Soldaten mit Federn an den Helmen. Die Männer von Belo Polje haben plötzlich keine Waffen mehr, die Frauen sind aus ihren Verstecken gekrochen, in der Abenddämmerung wird das Dorf evakuiert. Wer will, kann bleiben, sagen die Soldaten, aber für Schutz könne man nicht garantieren. Dann knattern Schüsse vom Hügel herunter. Eine halbe Stunde lang kauern sich alle in Deckung. Keiner will in Belo Polje bleiben.   

 An der Hauptstraße, wo der Weg hinauf ins Dorf beginnt, steht Nurie Jefkaj, eine 55jährige Zigeunerin, auf dem Balkon ihres Hauses. Von hier aus hat sie nicht nur die Evakuierung beobachtet, sondern auch das meiste, was in den vergangenen Wochen geschah.   

 Sie kennt die Männer von Belo Polje, auch die Ermordeten. „Sie waren alle immer in paramilitärischer Uniform“, sagt sie. „Ich habe sie jeden Tag gesehen, wie sie in albanische Häuser hineingingen. Sie haben geschossen und geprügelt. Am Tag, bevor die NATO kam, brannte hier die ganze Straße.“   

 Für den nächsten Tag ist das Begräbnis angesetzt. Die Toten liegen den ganzen Tag über noch im Bauernhaus, neben der offenen Tür unterm Küchentisch; niemand hat sich hergetraut, um sie aufzubahren oder auf dem Friedhof ein Grab auszuheben. Nur zehn Dorfbewohner kommen mit den Priestern unter KFOR-Schutz zur Seelenmesse. Hastig wirft man die blutverkrusteten Leichen im Hof auf einen Gartentisch, zwischen schnuppernden Schweinen wird der Segen gesprochen. Es muss schnell gehen.    

Auch die Fernsehkameras sind heute da. „Was hätten wir denn tun sollen?“ sagt Rade Stosics Sohn und weint. „Wir sind hilflose Zivilisten. Wir haben doch keine Waffen.“ Nein, er habe keine Ahnung, warum sein Vater starb.

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