USA. Der sechsjährige Elian Gonzalez war einmal ein kubanisches Flüchtlingskind. Dann machte man ihn zum Heiligen in einem politischen Kreuzzug.

Eine Profil-reportage aus Heft 16/2000

Miami, Little Havanna, 2nd Street Northwest. Ein grauer, ebenerdiger Bungalow mit heruntergelassenen Jalousien. Das Gartentor am Haus Nummer 2319 trägt ein Schild: „Nicht vor der Einfahrt parken“.    

Man verrät mit der Adresse kein Geheimnis, es sind nämlich schon längst alle da, und deswegen mutet das Schild unter den gegebenen Umständen auch eher grotesk an. Die Umstände: oben – Sonnenschein und ein knatternder Hubschrauber.    

Links – Tretgitter, hinter denen einige hundert Menschen abwechselnd Parolen schreien, beten oder tratschen. Fahnen zum Schwenken, kubanische oder amerikanische, kosten drei Dollar; T-Shirts fünf.    

Rechts – Polizeiautos hinter gelben Absperrungsbändern. Die berittene Truppe hält ein bisschen Abstand: Vor dem Burger King, zwei Straßen weiter, knabbert ein Dutzend Polizeipferde an den Hecken.   

 Gegenüber auf dem Trottoir schließlich – das Gitter für die Reporter. Die Fernsehstationen, die ganze Logistikabteilungen für das Wohlergehen ihres rasenden Personals unterhalten, haben sich auf vier Quadratmeter pro Sender geeinigt und diese mit Campingstühlen, Laptops und Taschenbuch-Romanen bestückt. Die von vier Monaten Belagerung noch nicht genervten Nachbarn verkaufen gekühltes Cola, die genervten mähen mit steinerner Miene ihren Rasen, und die armdicken Kabelwülste schlängeln sich um mehrere Blocks zu den Übertragungswagen, die höher sind als die Häuser.    

Wo besonders viele Trittleitern für die Fotografen stehen und wo die frisch gekämmten Reporter täglich kurz vor fünf ihre Aufsager für die Abendnachrichten machen – dort ist jene schmale Stelle, von der aus man die gelbe Rutsche im Garten von Nr. 2319 ins Bild bekommt.    

Manchmal in diesen vier Monaten ist ein Kind aus dem Haus gekommen und die gelbe Rutsche hinuntergerutscht. Manchmal hatte es dabei eine amerikanische Fahne in der Hand. Normale Sechsjährige unter normalen Umständen täten so etwas nicht. Aber das war Elian.    

Elian Gonzalez ist erstens ein hübscher, schmaler, dunkelhaariger Bub. Er besitzt ein Hundebaby und ein Meerschweinchen, eine Pilotenuhr, die für sein Handgelenk ein bisschen zu groß ist, sowie mehrere Garnituren Power-Rangers. Er trägt seine Baseball-Kappe verkehrt herum und isst am liebsten Hot Dogs und Eierspeise.    

Elian Gonzalez ist zweitens ein kubanischer Flüchtling. Seine Mutter ertrank, als im November das Boot kenterte, das sie und ihren Sohn aus Havanna nach Florida tragen sollte. Elian selbst wurde aus dem Wasser gefischt, vorübergehend bei seinem Großonkel Lazaro in der 2nd Street untergebracht und sollte vergangene Woche seinem Vater übergeben werden, der ihn wahrscheinlich demnächst nach Kuba zurückbringen wird.    

Drittens jedoch ist Elian so etwas wie Jesus. Und deswegen zählen erstens und zweitens nicht.    

Jesus? Es wurde viel gebetet in diesen Monaten. Es war nicht immer klar, ob für Elian oder zu ihm. „Elian ist ein Geschenk Gottes“, rief der Priester, der vor dem Gartenzaun eine Rede mit der Verve eines Fernsehpredigers hielt: „Wir alle sind Elianisten.“   

 „Sie werden ihn uns nicht wegnehmen“, antwortete die Menge, zerknitterte alte Männer, Frauen mit billigen Dauerwellen, Kinder in Military-Hosen und Kriegsbemalung, die ihnen die Eltern sorgfältig auf die Gesichter geschmiert hatten.   

 Die Saga: Ein Kind ist aus dem Wasser gestiegen. Es ist dem Reich des Bösen entkommen, sogar die Haie haben es verschont. Rundherum waren Delfine, die es beschützten, während es sich an einem Autoreifen festklammerte – so hat es der Bub selbst erzählt. Delfine sind heilige Tiere, und das alles muss etwas bedeuten.   

 Jede Heiligensaga hat ihre Märtyrerinnen, diese hat zwei: die Mutter, die ihr Leben gab, damit ihr Sohn in Freiheit aufwachsen kann. Und Marisleysis, Elians 21-jährige Kusine im Haus Nummer 2319, die sich für die Ersatzmutter hält, der man das Kind nun mit Gewalt entreißt. Elfmal wurde die junge Frau bereits mit Nervenzusammenbrüchen und Essstörungen ins Spital eingeliefert.   

 Jede Heiligensaga benennt aber auch das Böse, und da die Elian-Saga eine politische ist, fällt die Identifikation nicht schwer: Fidel Castro, der Mann, dem die Exil-Kubaner in der 2nd Street nicht verzeihen können, dass er immer noch regiert und bei guter Gesundheit ist.   

 „Fidel ist Saddam Hussein“, steht auf dem Plakat an der Gartentür. Außerdem gibt es die an eine Straßenlaterne gefesselte Castro-Puppe: Sie trägt einen weißen wattierten BH über dem Tarnanzug, was wohl irgendetwas Schmutziges bedeuten soll. Es kursieren Verschwörungstheorien („Amerikas Oberstaatsanwältin Janet Reno ist Castro verfallen“, „Präsident Clinton hat längst einen Deal zur Aufhebung der Sanktionen ausgehandelt“, „War nicht Hillary in Havanna?“).   

 Aber hinter all der verbissenen Rhetorik blitzt noch etwas anderes auf: Verzweiflung, Bitterkeit und die vage Ahnung, dass der Kampf längst geschlagen ist.    

Die 800.000 Exil-Kubaner in Miami haben sich jahrzehntelang an ihrem Ausnahmezustand festgeklammert, so als halte der sie am Leben. Sie haben sich in Little Havanna ihr Havanna aufgebaut: keine maroden Paläste, sondern endlose Reihen Bungalows, manche knapp diesseits, andere knapp jenseits der Schäbigkeitsgrenze. Keine rostzerfressenen Oldtimer, sondern brave Automobile der Marke Dodge, die man von Al Bundy kennt. Little Havanna ist Arbeiterklasse, Alltag, ein bisschen Wohlstand; ganz sicher jedenfalls keine Projektionsfläche für Armuts- und Revolutionsromantik.    

Die ältere Generation hier hat bei der Flucht Verwandte zurückgelassen, und sie hatte es schwer. Damit das alles einen Sinn gehabt hat, muss Elian bleiben, so wie sie geblieben sind. Und darf bloß eines nicht einkehren: Normalität.    

Dann aber steigt in Washington ein ganz normaler Mann aus dem Flugzeug. Muskulös, schüchtern und seinem Sohn wie aus dem Gesicht geschnitten. Juan Miguel Gonzalez, der Vater, hat für die Reise nach Amerika neue Kleider bekommen und wurde von Fidel Castro persönlich verabschiedet. Er hat seine zweite Frau an der Seite und sein Baby Hianny auf dem Arm. Er zieht ihm zärtlich die Kapuze über den Kopf, blinzelt irritiert in die Kameras und sagt: „Ich liebe Elian, und ich will ihn nach Hause mitnehmen.“   

 In zwei Erscheinungsformen hätte der Vater in die Saga gepasst: entweder als finsterer Apparatschik, der seinen Miami-Verwandten den Krieg erklärt; oder als verschreckter Untertan, der, kaum dass er seinem Diktator entwischt, die erste Gelegen- heit nützt, um abzuspringen.   

 Juan Miguel jedoch ist schlicht ein Wachebeamter in einem Touristenklub am östlich von Havanna gelegenen Strand von Varadero. Das ist ein Job, der Dollars bringt. Er sieht gut aus, ist geschieden und wieder verheiratet. Ein liebevoller Vater. Er ist mit Elian immer gemeinsam zum Friseur gegangen, hat ihm Hot Dogs gekauft und sich, trotz Trennung von dessen Mutter, um die Hausaufgaben gekümmert. Er will das, einfach so, freiwillig, auch weiterhin tun. Zu Hause in Kuba.   

 Ist in diesem Augenblick, mit diesem Bild, der jahrzehntelange heilige Krieg der Exil-Kubaner in sich zusammengebrochen? Hat Juan Miguel dem verteufelten Kuba plötzlich ein ganz normales Gesicht gegeben? Die Umfragen verraten genau das: Überwältigende 92 Prozent der nicht-hispanischen Bevölkerung Floridas halten Elians Heimkehr für das passende Happyend. Weil, wie die Linken sagen, Kuba gar nicht so schrecklich ist. Weil, wie die Rechten sagen, die Einwanderungsgesetze gelten müssen und ein Kind zu seinem leiblichen Vater gehört.    

So allein waren die Exil-Kubaner mit ihrem Weltbild noch nie.    

Elian, schon ganz Medienprofi, hat keck aus seiner grünen Regenjacke hervorgelächelt und den Demonstranten zugewunken, als er am vergangenen Mittwoch an der Hand seines Großonkels den grauen Bungalow verließ. Es schüttete in Strömen – zum ersten Mal seit Wochen. Gut möglich, dass auch das etwas bedeutet.   

 „Vielleicht hat es einen Sinn, wenn er zurückgeht“, seufzt eine Frau mit Tränenin den Augen. Nein, sagt sie, das ist kein ganz normaler, hübscher, schmaler Sechsjähriger, der da ins Auto steigt. Vielleicht ist Elian jener Mensch, der die Kraft hat,in Kuba die Verhältnisse zu ändern. Immerhin hat er hier, in Little Havanna, das Licht gesehen.

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