Vor zwanzig Jahren wurde Karlheinz Böhm wiedergeboren: als Helfer in Äthiopien. Von einem, der auszog, er selbst zu werden.

Eine profil-Reportage aus Heft 16/2001

Äthiopien, wie es meistens ist: sonnig und warm. „Schauen Sie“, befiehlt Karlheinz Böhm, hinter das Lenkrad des Geländewagens geklemmt, und bemüht sich, Kindern, Ziegen und Kühen auszuweichen, „schauen Sie!“    

Ein afrikanisches Dorf, wie es meistens ist: fensterlose Lehmziegelhäuser mit undichten Dächern über dem gestampften Erdboden, ein Zimmer pro Familie. Es ist finster in diesen Löchern. Ein Tisch, eine umgedrehte Bierkiste als Stuhl, ein rußiger Topf, ein Plastikkanister, vielleicht ein kleiner Spiegel an der Wand. „Schauen Sie, wie diese Menschen leben“, befiehlt Böhm. „Ich versuche, mich dran zu gewöhnen. Aber ich kann es einfach nicht.“   

 Die Welt, wie sie meistens ist: ungerecht. Es gibt arme Menschen und reiche, satte und hungrige. In diesem Teil der Welt leben eher die armen, hungrigen. Doch über die staubigen Schotterstraßen der westäthiopischen Provinz Illubabor fährt ein weißer, alter, rüstiger Mann, der noch gut auf den Beinen ist, gepflegtes Hochdeutsch spricht und nicht willens ist, sich mit dieser Tatsache abzufinden.    

„Was können wir da tun, Almaz?“, sagt der Mann zu seiner jungen Ehefrau neben ihm. Jedes kaputte Dach ist eine Anklage, jede desolate Schulbank eine Aufforderung. Ein Wasserrohr ist leck. „Was können wir da tun?“, sagt der Mann.    

Almaz ist geduldig. Sie ist Äthiopierin. Sie ist schon oft mit ihrem Mann durch die Dörfer gefahren. „Das müssen die Menschen selber reparieren“, sagt sie. „Du kannst nicht alles machen.“    

Karlheinz Böhms Hilfsorganisation „Menschen für Menschen“ hat in 20 Jahren über zwei Milliarden Schilling nach Äthiopien gebracht. In Mettu, wo der Chef dieser Tage nach dem Rechten sieht, wurde vor wenigen Wochen das aus Spenden finanzierte neue „Karl-Krankenhaus“ eröffnet – es gilt als das beste des ganzen Landes. „Leider erst so spät, mit 53 Jahren“, sagt Karlheinz Böhm, seien ihm die Augen aufgegangen dafür, was alles möglich ist.    

20 Jahre ist das her. Da stand ein adretter, zappeliger Brillenträger, einst Lieblingsschwiegersohn der deutschen Wirtschaftswunderjahre, neben Showmaster Frank Elstner auf der Bühne der Fernsehshow „Wetten, dass …?“ und hielt, sichtlich nervös, die Rede seines Lebens. „Ich wette, dass nicht mal ein Drittel von Ihren Zuschauern eine Mark einbezahlt“, sagte er. „Wenn ich verliere, werde ich selbst, unter Auslassung aller Organisationen, nach Afrika fahren. Das würde bedeuten, dass wir mindestens ein Dreivierteljahr kein Kind an Hunger sterben sehen.“   

 Es ging um die Sahelzone, und ein paar Mal verhaspelte er sich dabei, das zu erklären. Ein paar abgebrühte Zuseher schüttelten den Kopf ob so viel rührender Naivität. Die Sendeleitung war von politischen Grundsatzvorträgen in einer Unterhaltungsshow nicht eben begeistert.    

Doch der Star trotzte der Peinlichkeit. Er hatte kurz zuvor einen Strandurlaub in Kenia verbracht. Er hatte sich von einem Kellner per Fahrrad die wirkliche Welt abseits des Hotels zeigen lassen. Dort stank es. Er hatte sich an einen Satz erinnert, den sein ungleicher Revoluzzer-Freund Rainer Werner Fassbinder gesagt hatte: „Ich sehe, wo es stinkt, und dorthin schieße ich.“    

Er hatte dieses Motto vor sieben Millionen “Wetten das…?”-Zuschauern in dezentes Burgtheaterdeutsch übersetzt – und sie aufgefordert, ihre Spenden direkt an den deutschen, österreichischen und Schweizer Bundespräsidenten zu schicken. In diesem Moment hatte er das Licht gesehen. Und die Mitarbeiter der drei Staatsoberhäupter verzweifelten an tausenden Kuverts mit Münzen, Briefmarken und Schecks, die der Postbote brachte.   

Es muss ein seltsames erstes Zusammentreffen gewesen sein, der Menschen hier mit den Menschen dort, aber es bestimmt die Tonart von „Menschen für Menschen“ bis heute. Berhanu Negussi, Böhms Übersetzer und Begleiter seit den Anfangstagen, verkneift sich ein Schmunzeln, als er versucht, die Szene zu schildern, mit der im ostäthiopischen Erer-Tal alles begann. Auf der einen Seite 1500 verelendete Nomaden, seit Jahren aufgrund von Krieg und Dürre gestrandet in einem Hungerlager. Auf der anderen Seite der unmögliche Plan, den bis dahin keine Hilfsorganisation anzupacken gewagt hatte: aus herrischen, stolzen, um- herziehenden Viehzüchtern sesshafte Bauern zu machen, die brav ihre Äcker pflügen.    

Und dazwischen der weiße Mann, der Geld mitbrachte und sich hinstellte mit den Worten: „Ich bin hier, um zuzuhören. Ich kann euch nichts geben außer meiner Liebe.“   

 „Mister Karl“, wie er seither genannt wird, weiß, dass das kitschig klang. Doch dieser Vorwurf tropft an ihm ab: „Ich weiß, dass ich nichts weiß. Alles, was wir tun, entsteht aus dem, was die Menschen selber wollen.“ Böhm ist felsenfest davon überzeugt, damit den Schlüssel zum großen Tor der Völkerverständigung gefunden zu haben.    

Er kann böse werden, wenn er von der real existierenden Entwicklungshilfe spricht, wie er sie zu kennen glaubt: den Schreibtischtätern mit neokolonialistischer Mentalität, den Experten, die endlose Studien und Analysen verfassen, den eitlen Bürokraten und den teuren Prestigeprojekten, die als Ruinen enden, weil sie den Bedürfnissen der Menschen nicht entsprechen. Die staatliche Entwicklungszusammenarbeit, meint er in solchen Momenten, gehöre ersatzlos abgeschafft, weil sie „die wichtigste Sprache der Welt“ nicht kenne – „dass man die Arme aufmacht und lächelt“.    

Kann es tatsächlich sein, dass Generationen von abgebrühten Profis übersehen haben, wie einfach es geht? Dass es einen bekennenden Naiven gebraucht hat, um die bahnbrechende simple Wahrheit der Liebe zu erkennen? „Die Welt hat auch 73 Jahre auf Gorbatschow warten müssen“, antwortet Böhm dann, und es schwingt ein Hauch Selbstgerechtigkeit des Spätbekehrten mit.    

Die Ideologie von „Menschen für Menschen“ verträgt keine Ironie und keine zynische Distanz. Gut möglich, dass wahr ist, was ehemalige Mitarbeiter erzählen: dass die stolzen Nomaden im Erer-Tal manchmal mit ihren Traktoren im Kreis fuhren, um ihrem Gönner eine Freude zu machen, und ihre Herden, die sie aufzugeben versprochen hatten, für gutes Geld an Nachbardörfer vermieteten. Gut möglich auch, dass die Clanchefs sich per Kurzwellenradio über den aktuellen Spendenstand von „Menschen für Menschen“ auf dem Laufenden hielten und das Geld untereinander budgetierten, bevor sie Böhm ihre Wünsche vortrugen.    

Es wäre nichts Verwerfliches dabei – auch äthiopische Nomaden sind denkende Geschäftsleute. Doch für Enttäuschungen ist kein Platz in dieser sehr persönlichen Geschichte, weil jede Enttäuschung eine sehr persönliche wäre. „Niemals“ sei er in 20 Jahren Afrika betrogen, ausgenützt oder hintergangen worden, beteuert Böhm.    

Es ist grün in Illubabor, dem neueren Projektgebiet im Westen Äthiopiens, in dem „Mister Karl“ dieser Tage Schulen und Gesundheitsstationen besucht. Hier ist es feuchter, fruchtbarer, freundlicher als im kargen, harschen Wüstenland des Ostens. Hier leben keine Nomaden, sondern Bauern; hier beginnt das eigentliche Schwarzafrika.   

 Jedes Mal, wenn Mister Karl nach Dijena Gunje kommt, ist er glücklich. Hier lebt sein Freund Mahari Woldu. Der baut Kartoffeln und Gemüse an und verdient mit umgerechnet 500 Schilling monatlich ein anständiges Einkommen. Der Brunnen sprudelt. Auf den Hängen wächst Vetiver-Gras, „eine ganz tolle Pflanze, deren Wurzeln die Erde festhalten“. Unter dem Palmendach, das Mahari für den Gast aufgestellt hat, tunkt Böhm Injera, den traditionellen sauren Teigfladen, in die scharfe Suppe, nimmt sein Patenkind in den Arm, greift, küsst, sucht den Körperkontakt, so als könne er damit alle Distanz der Welt beseitigen, und sagt: „Diese Freunde bedeuten mir mehr als fast alle daheim.“   

 Kaum etwas ließe in der lauen Idylle darauf schließen, dass Mahari und seine Familie nicht freiwillig hier sind. Das Drama, das sich in Illubabor 1985 abspielte, kann man sich nur noch erzählen lassen: 90.000 Menschen aus der nördlichen Wüstenprovinz Tigre wurden hier einfach per Flugzeug abgesetzt. Es war eine mit Gewalt durchgezogene Umsiedlungsaktion des Diktators Mengistu Haile Mariam während des Bürgerkriegs, weil dieser seine Macht bedroht sah. In Tigre herrschten Dürre und Nahrungsmangel, gleichzeitig waren dort die Rebellen daheim. Die Bevölkerung mit Knüppeln in die Transportmaschinen zu treiben und nach Illubabor zu verfrachten verband das Angenehme (besseres Land für Hungernde) mit dem Nützlichen (der Schwächung der Rebellen).    

Fast alle Hilfsorganisationen weigerten sich damals, den Gestrandeten zu helfen. Man wollte sich an den Zwangsumsiedlungen nicht beteiligen, keine ethnische Säuberung sanktionieren. Die Entwicklungshilfe-Profis kamen nach Illubabor und sahen den bösen politischen Masterplan. Karlheinz Böhm jedoch kam nach Illubabor und sah etwas anderes: Menschen, die mit bloßen Händen in der Erde scharrten.    

Er besorgte ihnen Harken, Saatgut und Ochsen, weil sie Harken, Saatgut und Ochsen brauchten, Mengistu hin oder her, und er kann sehr wütend werden, wenn man ihn dafür kritisiert. Dass es „keinen kommunistischen und keinen kapitalistischen Hunger gibt“, sagt er dann, sondern bloß Hunger, der wehtut.    

16 Jahre später ist Mister Karl der Vater der Region. Wo er auch hinfährt – am Auto hängen Menschentrauben, keck winken die Kinder, respektvoll heben die Alten die Hand. In Daremu wird eine neue Schule eingeweiht. Kilometer vor dem Dorf hat das Fest bereits begonnen: Auf den Ladeflächen der dicht bepackten Lastwagen schwenken die Menschen Blumen, einige haben Plakate gemalt, andere ihre Fahrräder mit „Thank you Mr. Karl“ geschmückt.    

Österreicher mögen sich hier vielleicht an die Filmszene erinnern, in der Kaiser Franz Joseph, inmitten eines Spaliers jubelnder Menschen, am Donauufer seine Braut Sissi empfängt. Aber die Menschen von Daremu sind keine Statisten, und Mister Karl ist kein steifer, schüchterner Jungkaiser mehr. Die Jahre scheinen von ihm abzufallen, als er aus dem Wagen springt, sich umarmen lässt, zu den rhythmischen Gesängen zu klatschen und zu tanzen beginnt.    

Die Würdenträger des Ortes werden später unter freiem Himmel Lobesreden halten. Die Lokalpolitiker werden dabei sein, weil sie längst begriffen haben, dass ihnen ein Sonnenstrahl an der Seite Mister Karls mehr nützt als eifersüchtiges Misstrauen. Die Lehrer werden Gedichte vorlesen: „Du bist der Regen, wir sind die Blumen.“ Und in den Dankbroschüren, die sie überreichen, werden von Kindern illustrierte Wünsche für weitere Investitionen aufgelistet sein: ein Kindergarten vielleicht?    

Die afrikanische Etikette ist überschwänglich, aber dass Mister Karl zwanglos mitzuspielen vermag, nimmt der Huldigung jede Peinlichkeit. „Du bist nahe an Gott“, schmeichelt eine Rednerin bei einer Frauenversammlung, „nichts ist zu schwierig für dich. Deswegen brauchen wir eine neue Wasserleitung.“ „Kriegt ihr“, gibt Mister Karl zurück, „wenn jede von euch hier im Saal mir verspricht, nur zwei Kinder zu kriegen.“ Die Frauen grinsen, er hat sie erwischt. In Momenten wie diesen löst sich alle blumige Folklore in nichts auf, und liebevoller Respekt hängt im Raum.   

 Karlheinz Böhm, der Schauspieler, hat eine Rolle angenommen, die man ihm angeboten hat, und er weiß, was in ihr steckt: Mit seinen beiden halbäthiopischen Kindern ist er Teil der Familie. Gleichzeitig ist er anders genug, um Tabus zu brechen, deren Überschreitung einem Einheimischen nie gestattet würde. Wo sich ein Fremder zaghaft anschleichen müsste, um den Respekt vor der fremden Kultur zu beteuern, umarmt Mister Karl seine Frau und hebt an zu einer Predigt über die „schlechten Seiten unserer Tradition, die wir abschaffen müssen“: die Frauenunterdrückung; die frühe Verheiratung junger Mädchen; die Klitorisbeschneidung.   

 Berhanu, dem treuen Dolmetscher, steht dann oft der Schweiß auf der Stirn, und die Übersetzung dauert seltsam lang. Die Würdenträger rutschen mit versteinerten Mienen auf ihren Stühlen hin und her. Doch die jungen Frauen fühlen sich sicher genug, vor den Augen tausender Menschen aufzuspringen und laut anfeuernd zu klatschen. „Ich sehe, wo es stinkt, und dorthin schieße ich“: Wieso eigentlich soll Fassbinders Satz, unendlich wandelbar, nicht auch in Afrika gelten?   

 In Äthiopien, dem alten, armen Land, in dem es immer warm ist und meistens sonnig, schließen sich nicht viele Kreise. Die Bevölkerung wächst exponentiell, der nutzbare Boden schrumpft, jede Ziege frisst einen Grashalm, der im Umkreis mehrerer Kilometer der letzte sein könnte.   

 Mister Karl, der früher Karlheinz geheißen hat und auch einmal Franz Joseph gewesen war, hat es trotzdem geschafft, hundert Fäden einer disparaten Biografie zu einer Geschichte zusammenzufügen, die am Ende mehr als bloß seine eigene ist. Ehrlichkeit, Fleiß und Gehorsam, die bürgerlichen Tugenden seiner einsamen Kindheit, haben sich mit den Inhalten der Achtund-sechziger verwoben: Revolution in anständigem Gewand. Der Starruhm der Wirtschaftswunderjahre spiegelt sich in der Verehrung auf den Straßen von Illubabor: Ersterer finanziert zweiteren.   

Und das Geflecht aus geduldig wiederholten Anekdoten aus seiner Lebensgeschichte, tausendfach reproduziert in bunten Illustrierten, TV-Kanälen und Vorträgen, ist Selbsterkenntnis und Predigt in einem. Eine polierte Perlenkette der Erfahrung, hingelegt mit entwaffnender, distanzloser Ehrlichkeit, die hauptsächlich eines soll: den leuchtenden Pfad der Erkenntnis markieren, auf dass ihn auch andere finden.   

„Ich tu das alles nicht für mich. Ich hab ja nichts davon“, sagt Karlheinz Böhm. Das ist wohl nicht ganz richtig, aber am Ende wahrscheinlich ziemlich gleichgültig. Weil in Äthiopien, wegen Karlheinz Böhm, heute 657 Wasserstellen mehr stehen als vor 20 Jahren, 61 Schulen und 101 Baumschulen mehr; weil 39,8 Millionen Setzlinge verteilt und 13.799 Kilometer Pflanzungsterrassen angelegt worden sind, weil 6864 Frauen an Schulungen teilgenommen und sich 2239 mit Kleinkrediten ein neues Leben aufgebaut haben.   

Es ist heute noch Platz im Auto. Ein Junge überquert die Brücke, die „Menschen für Menschen“ gebaut hat, damit sich die Dorfbewohner nicht mehr über eine lebensgefährliche Lianenkonstruktion über den Fluss hanteln müssen. Er ist auf dem Weg von der Schule, und wenn man ihn mitnimmt, kommt er vier Stunden früher heim. Strahlend kriecht er in den Kofferraum.   

 Ebendort liegt schon die Bananenstaude, die Karlheinz einer Frau abgekauft hat, damit sie sich die zehn Kilometer Fußmarsch zum Markt spart: Drei Birr, umgerechnet sechs Schilling, hat es gekostet, ihr den Tag zu erleichtern. Da sind aber noch andere. Frauen am Straßenrand, die Brennholz sammeln, der Weg hinauf zum Dorf ist steil. Der Junge sitzt drin, die Frauen gehen draußen.   

 Mister Karl sitzt immer selbst am Steuer, weil er und alle anderen wissen, dass er als Beifahrer unerträglich wäre. „Vielleicht können wir ihnen wenigstens das Holz mitnehmen?“, fragt er zaghaft seine Ehefrau. Es ist eine, es sind zehn, es sind 20 Holz sammelnde Frauen, an denen das Auto vorbeifährt. Hinter diesem Hügel, im ganzen Land, sind es genau in dieser Stunde wahrscheinlich mehrere Millionen.  

  „Es sind zu viele“, sagt Almaz.   

Wieder so ein Satz, an den sich Karlheinz Böhm nie gewöhnen wird können.    

profil Nr 16/2001

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