Die neue Macht hat die alte ersetzt, Milosevic soll vor Gericht, die Bevölkerung versucht sich zurechtzufinden. Anatomie eines Umbruchs in der Provinz.

Eine Profil-Reportage aus Heft 14/2001

  1. Pozarevac: Der König ist tot   

 Gäbe es Milosevic-City, so hieße es Pozarevac. Irgendwo hier, auf den Gehsteigen der Kleinstadt, haben einander in Jugendzeiten Slobodan und Mira kennen gelernt. Der Häuserkomplex der Familie steht, von Mauern geschützt, gleich hinter dem Hauptplatz. Zurzeit ist niemand daheim.   

 Sauber gefegt, aber verlassen liegen die Bar „aggressiv“, die Hochschaubahn und das Autodrom von „Bambiland“ da, jenes Vergnügungsparks in satten Plastikfarben, der Milosevic-Sohn Marko gehörte. Die Bäckerei „Bambi“ auf der Hauptstraße, das Internet-Cafe, der Dutyfree-Shop sowie mehrere Lokale, die von Markos Spezis betrieben wurden. Und natürlich dessen berühmt-berüchtigte Diskothek „Madonna“.   

 Als Pozarevac noch Milosevic-City war, verkehrten in diesen Etablissements reiche, starke Männer, die Spitznamen wie „Rolex“ trugen und öfters mal zuschlugen. Seit der Nacht der Belgrader Revolution sind sie weg. Abgetaucht in der Provinz oder (wie Marko) im Ausland, „irgendwo in China, Sibirien oder der Mongolei“.   

 „Wir haben sie gejagt, aber nicht mehr erwischt“, sagt der Trafikant Momcilo Veljkovic und kippt grinsend sein künstliches Gebiss aus der Verankerung. Auch sein Freund, der Lehrer Radojko Lukovic, hat körperliche Erinnerungen an den „Rolex“-Clan: Sechs Tage lag er im Spital, weil sie ihn bewusstlos getreten hatten, danach einen Monat im Gefängnis. Beide waren Aktivisten des Oppositionsbündnisses. „Nichts, was nach Opposition roch, hatte hier Platz“, sagt Momcilo.    

Die Stadt riecht noch immer nach Slobo, doch die Lufthoheit über den Stammtischen gehört heute Leuten wie Momcilo und Radojko. Auf jede Hauswand kleben sie Plakate mit dem Gesicht des gesuchten Kriegsverbrechers: „Wer ist schuld?“, lautet die Textzeile. Auch Unterschriftenlisten der aufmüpfigen Jugendbewegung „Otpor“ sind ausgelegt. „Ich klage an“, steht da vorgedruckt, und man kann dazuschreiben, wofür. So kann jeder dem gestürzten Herrscher seinen ganz persönlichen Prozess machen.   

 Die zu dicken Stößen geschlichteten Zettel ergeben eine Art Bestandsaufnahme der kollektiven serbischen Psyche. „Ich klage ihn an, weil er zehn Jahre meines Lebens gestohlen hat“, steht da. „Weil er uns zu Bettlern machte.“ „Weil er meinen Sohn auf dem Gewissen hat.“    

Es ist ein widersprüchliches Panoptikum. Milosevic ist schuld an „Korruption, Inflation und den NATO-Bomben“. Aber ist er, wie einer schreibt, „schuld an Verbrechen gegen die Albaner im Kosovo“? Oder eher daran, „dass er die heilige serbische Erde im Kosovo verkauft hat“? Ist er schuld an den Kriegen – oder eher daran, dass sie verloren gingen?    

Die Verteidigungsreihen nationalen Stolzes gegen das Ausland sind, hier in Pozarevac wie im restlichen Serbien, zerbröselt. Der gestürzte Despot soll vor Gericht, in Belgrad, in Den Haag, irgendwo, egal. Es soll Schluss sein. Der Fluch soll vorbei sein. Wenn der König tot ist, wenn Milosevic und seine Schatten verscheucht sind, wird alles anders sein.   

 Ich klage ihn an – „dafür, dass er am Leben ist“, schreiben einige. „Für alles“, schreiben sehr viele. Die zwei Worte, in Bleistift oder Kugelschreiber, sind vielleicht ein Anfang. Die ganze Geschichte sind sie nicht.   

  1. Indija: Junge Wilde    

„Sie werden’s schon noch lernen“, sagt Goran Jesic, schwingt seine Aktentasche mit ausladendem Schritt über den Marktplatz von Indija und klopft im Vorbeigehen jovial auf Schultern. Jesic trägt ein schickes Hemd und will demnächst einen Englischkurs machen. Indija ist eine freundliche Kleinstadt in der Vojvodina, Jesic ist ein Otpor-Aktivist der ersten Stunde. Elfmal haben sie ihn verhaftet. Er ist 26. Jetzt ist er der Bürgermeister.    

„Vielen bin ich zu radikal“, sagt er verschmitzt, „und viele nehmen mich nicht ganz ernst, weil ich zu jung bin“, aber das eine wie das andere kratzt ihn kaum. Goran ist jetzt nämlich der Chef. Der Chef jener Beamten, die ihn einst schikanierten („die gehen mir aus dem Weg“). Der Chef jener Polizisten, die ihn einst zu Verhören auf die Wache schleppten („die wissen gar nicht, was ihr Job ist, um Diebstähle und Falschparker haben sie sich nie gekümmert“). Jener Radiomoderatoren, die einst zu ethnischen Säuberungen hetzten („wir hätten mehr Leute entlassen sollen“).   

 Jesic kann seine Bevölkerung nicht austauschen. Indija schleppt die Kriegsvergangenheit wie einen Sack Steine mit sich herum. Die Schrumpfung des Reichs materialisiert sich in der Existenz von 16.000 serbischen Flüchtlingen aus Ostslawonien und der Krajina, die heute kroatisch sind. Am idyllischen Donauufer sitzen sie, in ihren Cafes, am Straßenrand, und hängen den guten alten Zeiten nach. Lange haben sie Milosevic, dem Hüter der serbischen Interessen, die Treue gehalten. Jetzt nicht einmal mehr sie.   

 „Slobo hat uns verkauft“, sagt etwa Zivana Kolaric, Mutter von zwei Kindern, bitter. Man lebt in geliehenen Häusern, angelt ein paar Fische aus der Donau, sonst gebe es nicht viel zu sagen über ihr Leben, meint sie. Sie habe nichts mehr und glaube an nichts mehr. Weder an eine Heimkehr noch an eine Zukunft im neuen Serbien. Weder an das alte Regime noch an die Demokratie.    

Den jungen Goran, der gern mit Worten wie „internationale Standards“, „Transparenz“ und „Weltoffenheit“ um sich wirft, haben die meisten Menschen in Indija trotzdem gewählt. „Mal sehen, was er kann“, sagen sie, und: „Mal sehen, ob sich das auszahlt mit Europa.“    Die Logik der Macht hat der Bürgermeister verstanden. Noch während die NATO-Bomben auf Serbien fielen, trafen sich ambitionierte oppositionelle Lokalpolitiker mit Geldgebern aus dem Westen. Wer sich von Milosevic abwendet, kriegt was und hat einen Startvorteil ins Leben nach dem Krieg – so lautete der Deal. Jetzt gerade kommt Goran aus Wien zurück, hat fotokopierte Fotos von dem Rettungswagen und den zwei Müllwagen dabei, die man ihm dort versprochen hat, und breitet sie, als wären sie Bilder seiner Kinder, stolz auf dem Kaffeehaustisch aus.   

 Er rechnet das politische Einmaleins vor: „Der Müllwagen bringt mir 2000 Stimmen, der Rettungswagen nochmal 2000.“ Die Demokratie ist das wahrscheinlich nicht. Aber gegen die Demokratie spricht es auch nicht.   

  1. Bujanovac: Bunkern an der Front   

Der Krieg ist noch nicht vorbei. Nicht in Südserbien, nicht in Bujanovac. Albanische Freischärler, UCPMB genannt, haben die Sicherheitszone an der Grenze zum Kosovo unter ihre Kontrolle gebracht. Sie stehen selbstbewusst hinter einem Checkpoint, 200 Meter von der serbischen Polizei entfernt, und laden ihre Kalaschnikows durch. „Ich weiß schon, dass Krieg nicht gut ist“, sagt einer der Kämpfer, „aber wir haben immer nur was gekriegt, wenn wir geschossen haben.“   

 Etwa 60 Prozent der Einwohner von Bujanovac sind Albaner. Hier gibt es sie noch, wie im Kosovo: die unsichtbaren Linien zwischen den Ethnien, die bloß Ausländer überschreiten können; die Sprachlosigkeit, die Angst. Die Serben sehen „drüben“ Terroristen, die ein Stück Serbien annektiert haben. Die Albaner sehen serbische Polizisten, Soldaten und Autoritäten, die ihnen noch nie Luft zum Atmen gelassen haben. „Wie sollen wir vergessen, was im Kosovo war?“, sagen sie. „Wie sollen wir ihnen trauen?“    

An der Front haben es Aufklärung und Demokratie noch nie leicht gehabt. In Bujanovac regieren daher, einst wie jetzt, die Sozialisten.   

 Das neue Serbien ist in Gestalt von Nebojsa Covic hergekommen, dem Vizepremier in Belgrad, der die „Koordinierung“ der Militäraktion gegen die UCPMB übernommen, sprich: sie den Händen der befleckten Generäle entrissen hat. Covic hat das Amtszimmer des SPS-Bürgermeisters samt dessen Sekretärin annektiert, trifft sich dort mit amerikanischen Generälen und verspricht, das „Terror-Problem“ mit neuen Regeln anzupacken. Nicht erst Dörfer abfackeln, bevor man sie erobert. Nicht mit schwerer Artillerie Zivilisten beschießen, um die Kämpfer zu fangen. Vertrauen gewinnen, indem man Albanern Posten bei der Lokalpolizei anbietet. Krieg neu?   

 Covic hat auch Otpor geholfen, hier ein Büro zu eröffnen. Nadica Stosic, eine 22-jähri-ge Politik-Studentin, ist dem Ruf, das neue Serbien bis in die hintersten Winkel des Landes zu tragen, mit leuchtenden Augen gefolgt. „Die Menschen hier fürchten sich noch. Sie haben die Veränderungen noch nicht verstanden“, sagt sie. „Wir wollen sie aufwecken. Ihre Gedanken befreien. Sie anlächeln.“   

 Auch die Albaner? Ja, die auch, „wir sind doch alle dieselben Menschen“, sagt Nadica. Schließlich habe die Studentenbewegung mit der repressiven Polizei ähnliche Erfahrungen gemacht wie die ethnische Minderheit, „man hat mich ja auch früher als Terroristin bezeichnet“.    

Nadica erinnert sich nicht daran, dass während der Studentenproteste gegen die Polizei in Belgrad Transparente mit der Aufforderung „Geht doch in den Kosovo“ geschwenkt wurden. Ob sie, seit sie in Bujanovac ist, schon mit einem Albaner geredet hat? Nein, sagt sie. Es war noch keine Zeit dazu. Aber sie hat es sich ganz fest vorgenommen.   

  1. Lebane: Hoch lebe der König    

Der 5. Oktober fand in Lebane erst am 10. März statt. Die Revolution bewegt sich manchmal langsam vorwärts, auch wenn es zwischen Belgrad und der Industriestadt Lebane einige Kilometer Autobahn gibt. Es war jedenfalls schönes Wetter an jenem Samstag, einige hundert Menschen demonstrierten vor dem Gemeindeamt, und plötzlich war da dieser Sog, der sich wie etwas zwingend Historisches anfühlte. „Wir spürten, dass es Zeit ist, die Herrschaft der Sozialisten zu beenden“, sagt Trojan Stojanovic. „Die Bevölkerung hat uns ins Gebäude hineingetragen.“   

 Seither sitzt der schnauzbärtige Mann als Chef des „Krisenstabs“ im Resopal-Büro des Bürgermeisters. „Krisenstab“, ein deutsches Lehnwort, ist seit dem Belgrader Umsturz das Synonym für den Sieg des Volkes über die Obrigkeit, und die dreizehn Männer von Lebane geben sich alle Mühe, dieser Rolle gerecht zu werden. Sie haben die Slobo-Porträts von der Wand genommen. Ebenso die gerahmten Gedichte, in denen die Anfangsbuchstaben jeder Zeile, von oben nach unten gelesen, „Milosevic, Gott“ ergeben. „Mit der Macht eines einzelnen Mannes muss Schluss sein“, sagen die Männer beseelt und tischen eine Flasche Schnaps auf.    

Der einzelne Mann ist Bürgermeister Gojko Marianovic, langjähriger Funktionär der linkssozialistischen JUL. Seine Frau sieht Mira Markovic ähnlich. Sein Sohn steht im roten Trainingsanzug, mit Goldkette bewehrt, vor der Tür seiner Diskothek „Frog“ an der Hauptstraße. Milosevic-City, Miniaturversion?  

  Marianovic jedenfalls hat das größte Haus im Ort und trägt einen teuren Anzug, denn er ist auch Direktor der örtlichen Textilfabrik. Seine Freunde, so sagen seine Gegner, sitzen in den Aufsichtsräten aller anderen fünf Fabriken, im Polizeipräsidium, im Bezirksgericht, in den Wechselstuben und in der lokalen Fernsehstation. Wahlen habe er gewonnen, indem er Zucker und Benzin verteilte und gleichzeitig einen Panzer vor das Wahllokal stellte.   

 „Er ist ein Mini-Slobo. Jeder hat sich vor ihm gefürchtet“, sagen sie. „Jeder respektiert mich. Ich habe Verantwortung“, sagt Marianovic. „Das ist eine arme Gegend, da wählen Menschen immer den Mächtigsten.“    

Der graumelierte Herr lässt Cevapcici bringen und ist über den Putsch ehrlich entrüstet. Er weiß nämlich, was Demokratie heißt: „Jedenfalls nicht, dass eine Horde Betrunkener mein Büro besetzt, meine Sekretärin verscheucht und meine Briefmarken klaut.“ Zumal er die Zeichen der Zeit erkannt hat: „Innerlich war ich immer schon ein Oppositioneller. Als klar war, dass das Oppositionsbündnis DOS gewinnt, habe ich es unterstützt.“    

Die Milosevic-Bilder in seinem Büro, wettert er, habe der „kriminelle Krisenstab“ ihm eiskalt untergeschoben – „die hatte ich längst schon von der Wand genommen und den neuen Präsidenten Kostunica aufgehängt“. Die Leute dort drin im Rathaus, sagt er, seien mit ihrer Revolutionsschwärmerei schlicht und einfach zu spät dran.    

Da irrt er sich. Die Leute dort drin fangen eben erst an. „Es ist so weit, auch bei uns“, sagen sie stolz und wollen alles auf einmal angehen: Investitionen, Aufdeckung der Korruption, bessere Wasserleitungen, Neuwahlen, Medienfreiheit.   

 Apropos Medienfreiheit – man könnte der Welt ja mitteilen, dass die Revolution endlich auch Lebane erreicht hat. Ob die Besucher vielleicht Telefonnummern von Nachrichtenagenturen hätten? Trojan ist aufgeregt, als er die Belgrader Nummern wählt. „Hallo, hier spricht Lebane … vielleicht interessiert Sie, was hier geschieht …“    Vielleicht. Ja, vielleicht ein bisschen.

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