Sibylle Hamann über seltsame Begegnungen im Waldviertler Wald: was geschieht, wenn Elitesoldaten und Journalisten miteinander Krieg spielen.

Eine Profil-Reportage aus Heft 25/2001

18 Meter sind ziemlich hoch. Von oben betrachtet noch ein bisschen höher. Der in der menschlichen Großhirnrinde beheimatete Instinkt, keinen Schritt nach vorn zu tun, wenn es vor den eigenen Füßen achtzehn Meter in die Tiefe geht, ist ein wahrscheinlich vernünftiges Ergebnis von Millionen Jahren menschheitsgeschichtlicher Evolution.    

Aber Darwinismus zählt jetzt nicht. Nicht im Ausbildungszentrum Jagdkampf; nicht, wenn man sich ein Geschirr hat umbinden lassen, das einen angeblich verlässlich nach zwei Metern auffangen wird; und nicht, wenn man sich in die Obhut freundlicher, muskulöser junger Männer begeben hat, deren Wahlspruch „numquam retro“ heißt, was soviel bedeutet wie „niemals zurück“.    

Numquam retro? Wohin denn sonst? „Spring“, sagt der freundliche, muskulöse junge Mann auf dem Metallgerüst.    

Die Jungs, die gewohnheitsmäßig aus Flugzeugen hüpfen wie unsereins aus der Straßenbahn, sind Angehörige des Jagdkommandos, der Elitetruppe des österreichischen Bundesheers, sowie des Gendarmerie-Einsatzkommandos .    

Die ungleich weniger entspannten Menschen, die mit wechselweise schreckgeweiteten oder zusammengekniffenen Augen den kleinen Schritt ins Leere tun, sind Journalisten. Was sie zusammengebracht hat, für drei intime Tage an der frischen Luft, ist ein Novum in der Geschichte des österreichischen Bundesheeres: ein Ausbildungsprogramm mit dem Titel “Überleben in Kriegs- und Katastrophengebieten“. Nach dem Motto: Wer Reporter vorher wappnet, muss sie nachher im Ernstfall nicht aufklauben.   

 Das ist, zunächst, eigentlich gar nicht lustig. Journalisten unterwegs tun, wie alle anderen Menschen, oft dumme Dinge oder geraten unversehens in unübersichtliche Situationen, die in Unfälle kippen. 32 Journalisten kamen, laut der Organisation Reporter ohne Grenzen, im vergangenen Jahr bei Kriegseinsätzen ums Leben.   

 Mit Kugelhagel im engeren Sinn hat das freilich kaum je zu tun, ebenso wenig mit heroischem Draufgängertum auf der Jagd nach der geilen Story. Gefahren nähern sich in der Regel schäbig, banal und unglamourös: Beim Autofahren weicht der Entgegenkommende abrupt einem Schlagloch aus; beim Pinkeln am Straßenrand kann man auf Minen treten; die praktische Armyhose samt Patronengurt für die Filmdosen ist zwar cool, bringt einen aber in Verwechslungsgefahr; und einem serbischen Soldaten an einem Checkpoint versehentlich ein albanisches „mirdita“ („Guten Tag“) entgegenzuschleudern ist der entspannten Weiterführung der Konversation nicht eben zuträglich.    

Nun ist es zwar selten, dass real existierende Kriegsparteien Metallgerüste aufstellen, von denen man springen soll (und wenn doch, so empfähle es sich dringend, ihrer Aufforderung nicht Folge zu leisten). Doch hat man beim Bundesheer, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, nicht nur Liegestütz, sondern auch Gruppendynamik trainiert. Ergebnis der militärischen Recherche: Mutproben dienen dem Gruppenzusammenhalt und der Hormonproduktion.    

Spring also. Wer in den Seilen hängt, hat schließlich das angenehme Gefühl, am Leben zu sein.    

Man wird es noch mehrmals haben in diesen Tagen.    

Der ORF-Kollege, der an einer lauschigen Lichtung per Stolperdraht eine Sprengfalle auslöst und damit die gesamte anwesende Kollegenschaft ausrottet, hat es wahrscheinlich nicht persönlich gemeint. Die Kompassorientierungsversuche der Berichterstatterin im Unterholz wären eine harmlose Nord-Süd-Unschärfe, führten sie nicht zur zwingenden Konsequenz, sich über einen Felsen in einen Bach stürzen zu müssen. Der Dilettantismus bei der Lagerfeuerherstellung würde, anderswo als am Truppenübungsplatz, mittelfristig mit kollektivem Hungertod bestraft; und die raffinierte Taktik des Kollegen vom „Kurier“, sich im Angesicht eines Erschießungskommandos als profil-Redakteur auszugeben, hat ihm ebenfalls nicht viel geholfen.   

Doch Überleben kann man lernen. Und jene echten Profis, die laut Selbstdarstellung „helfen, wenn andere nicht mehr können“, helfen gern. Nicht umsonst bildet die US-Army seit Jahren Journalisten, Ärzte, Katastrophenhelfer und Filmstars aus (was Ben Affleck beim Training zu „Pearl Harbor“ zur Einsicht brachte, „ein ziemliches Weichei“ zu sein). Das Sonderkommando Green Berets bewirbt seine Website kokett mit dem Jingle der Fernsehserie „Mission Impossible“. Selbst die deutsche Bundeswehr spielte, unter reger Anteilnahme eines TV-Teams, eifrig Krieg für Daheimgebliebene.    

Daneben bleibt auf dem Pfadfindermarkt noch genügend Platz für private Anbieter, die ihr Know-how gewinnbringend verkaufen. Aus dem Angebot des amerikanischen Unternehmens Safehouse: „Autofahren unter unübersichtlichen Umständen“, „Erkennen und Flucht vor Beschattung“, „Die Psychologie des Mobs“, “Überleben in feindlicher Umgebung (Dschungel, Wüste, Arktis)“, “Überleben eines Kidnappings“.    

Apropos Kidnapping: Das geschieht bekanntlich selten, wenn man damit rechnet. Also geschieht es in Allentsteig auf einem Holzweg, während der lebensnahen szenischen Darstellung eines Panzerminenunfalls (ein röchelnder Soldat liegt blutend neben dem Fahrzeug. „Hoit aus, Pepi“, schreien die Kameraden). Auftritt: das Jagdkommando, 30 Mann. Aufzug: mit Sorgfalt einer Seeräuberguerilla nachempfunden. Regieanweisung: lautlos aus dem Jungwald preschen, Überrumpelungseffekt.    

Drehbuch: kein Drehbuch. Das ist die Guerilla. Das sind böse Menschen, die mit Waffen fuchteln, ihre Opfer auf die Knie zwingen, in einen Lastwagen schleifen und konsequenterweise auch gleich die Kameras klauen. Und man muss sich nur ein bisschen Mühe geben, dann ist es gar nicht schwierig: Dann ist das da draußen, hinter den dicht geschlossenen Lkw-Planen, nicht mehr das Waldviertel, nicht die Bundesstraße mit Wegweisern in Richtung Zwettl, sondern … der philippinische Regenwald?, ein tschetschenischer Gebirgspass?   

 Ein paar Verwirrungsrunden später werden die drei mitgefangenen Soldaten die ratlosen Reporter zur Flucht aus den Fängen der Kidnapper überreden. Sie werden den keuchenden Haufen, katzengleich, schweigend, durchs Unterholz hetzen, falsche Fährten gegen allfällige Verfolger legen, etwas irritiert sein über die Frage: „Wer seid ihr überhaupt?“, und etwas beleidigt, dass Journalisten die Antwort „Na, die Guten halt“ nicht ganz reicht.    

Beim Verschnaufen im Gebüsch wird dann Zeit sein für die Pflege der Kratzer und für jene Grundsätzlichkeiten, die die militärischen von den medialen Weltkoordinaten unterscheiden: Dass ein Mensch in Uniform für einen Journalisten nicht automatisch ein Kamerad ist, sondern jemand, dem man in den meisten Weltgegenden mit Misstrauen begegnet und am besten großräumig aus dem Weg geht. Dass es für Journalisten, meistens, unvernünftig und gefährlich wäre, sich in den Schutz einer Kriegspartei zu begeben und mit ihr durch feindliches Territorium zu hirschen.    

Doch nein, das liegt nicht daran, dass die Retter ihre James-Bond-Rolle nicht überzeugend genug verkörpert hätten – im Gegenteil. Schritte die Kommerzialisierung militärischer Dienste voran, als Reporterin hätte man einen gewandten Miet-Cobra am liebsten immer an der Seite: Wenn das Auto im Schlamm steckt. Wenn sich die Himmelsrichtungen undeutlich darstellen. Wenn sich das Bier aus der Hotelminibar nicht öffnen lässt. Wenn der Chefredakteur nervt.    

Oder, natürlich, wenn man sich unversehens in unbewohnter Wildnis wiederfindet (Hubschrauberabsturz? Orientierungsschwäche? Strandung mit Floß?), die Kälte klamm über den Rücken kriecht und Feuer gemacht werden muss.    

Glück hat dann, wer Munition dabei hat, eine Zange, um das Schwarzpulver herauszuholen, Staniolpapier sowie eine Taschenlampenbatterie (Ergebnis, bei richtiger Kombination der Elemente: eine Stichflamme). Gut dran ist auch, wer Zucker und Kaliumpermanganat im Gepäck führt, wobei man um Letzteres, eventuell, auch bei einem Bauernhof bitten könne. (Ebendort um Zündhölzer zu bitten oder gar gleich um einen Platz zum Übernachten wäre Spielverderberei.)   

 Erfolg: Am Ende des Tages brennt das Feuer, sind die Koteletts durchgebraten, die Kartoffeln noch immer hart und steht die selbst gebastelte Hütte aus Ästen und Reisig schief, löchrig, aber trotzig im Mondschein. Es regnet nicht, Gott sei Dank.    

Das Erste-Hilfe-Briefing, das unter reger Anteilnahme der Waldviertler Fauna stattfindet, wird am nächsten Tag gebraucht werden, wenn der angebliche Freund von den „Mürztaler Nachrichten“ mit einem gut geschminkten Bauchschuss am Straßenrand liegt. Die 30 freundlichen, muskulösen jungen Männer schleichen während der Lehrstunde indes dezent in ihr Buschlager zurück, erneuern die schwarzgrüne Schminke im Gesicht und wissen als Einzige, dass sie die beherzte Rettungsaktion dann mit Platzpatronen unter Feuer nehmen werden.    

Sie wissen auch, dass die erschöpften Büromenschen irgendwann später noch einer Exekution beiwohnen werden, vor einem Freischärler-General mit Zigarre und Sonnenbrille knien und in kreativem Outdoor-Englisch um ihr Leben reden müssen.    

Aber das ist irgendwann später.   

Derweil reicht es, sich den wohlig schmerzenden Füßen hinzugeben, den Gelsenstichen, der Schramme am Ellbogen, den Geräuschen aus dem Wald und dem Schlaf. Das Feuer brennt, die Jungs sind in der Nähe. Derweil ist alles gut. Derweil ist man am Leben.   

 Sonst noch was? Ja. Es lohnt sich, in jeder Situation ein paar Grundregeln zu beherzigen. Immer eine weiße Fahne dabeihaben. Wenn Sie im Wald eine Höhle beziehen, sollten Sie sich vergewissern, dass kein Bär drin wohnt. Nie von 18-Meter-Türmen springen, ohne angegurtet zu sein. Wo die Sonne steht, ist nie Norden, außer Sie befinden sich im Falkland-Krieg.    

Und, am Wichtigsten: Immer dran denken, dass „numquam retro“ eine eitle Lüge ist. Es gibt meistens einen Weg zurück.   

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