Die Taliban sind weg, die Stammesfürsten sind wieder da. Anatomie eines Umbruchs, am Beispiel der nordafghanischen Provinz Kundus.    

Eine Profil-Reportage aus Heft 49/2001

Die Verlierer – die Taliban   

 Seit die Stadt Kundus gefallen ist, kann man nie ganz sicher sein, hinter welcher Ecke plötzlich Taliban auftauchen. „Ich habe welche gesehen“, sagt der Besitzer eines Gemischtwarenladens aufgeregt. An der Straße nach Dasht-i-Kala hat man verdächtige Gestalten bemerkt – „wahrscheinlich Tschetschenen“. „Bei mir waren auch welche“, sagt der Apotheker. „Sie haben in meinem Hinterzimmer Infusionen bekommen, weil sie verletzt waren.“   

 10.000 Taliban, die wochenlang in ihrer letzten Bastion, der belagerten Stadt Kundus, eingeschlossen waren, schwirrten in den vergangenen Tagen durch die Dörfer und Städte der ganzen Provinz. Die einen waren froh, möglichst unauffällig nach Hause zu kommen, andere panisch auf der Flucht, in Angst, gefangen genommen zu werden. Einige sannen hasserfüllt auf Rache und warfen sich, in Selbstmordaktionen, mit gezündeten Handgranaten auf gegnerische Kommandanten oder auf Ausländer. Andere waren bloß hungrig und verwirrt.   

 Die Taliban, jahrelang auch im Norden Afghanistans die gefürchtete Ordnungsmacht, sind über Nacht abgerissene, machtlose Gestalten geworden, die bloß noch „die Verrückten“ genannt werden. In Masar-i-Sharif, wo derzeit die Evakuierung von 6000 Taliban in die südlichen Provinzen organisiert wird, wurden mehrere hundert von ihnen, nach einem Aufstand in einem Anhaltelager, niedergemetzelt.

  Auch die Stadt Imam Sahib, 50 Kilometer nördlich von Kundus, hat ihren Anteil an Männern mit schwarzen Turbanen abbekommen.   

 Der Apotheker, der Gemischtwarenhändler und ein Haufen Neugierige machen sich auf die Suche. In einem dreckigen Innenhof werden sie fündig. Hinter einer Stalltür, in der Finsternis, stehen drei metallene Bettgestelle mit jeweils einer stinkenden Decke. Die handtellergroßen Blutflecken im Stoff müssen aus verschiedenen Kriegen der vergangenen Jahrzehnte stammen. An einem Nagel an der Wand hängt ein Infusionsbeutel. Eine der drei stöhnenden, schwitzenden, verschmierten Gestalten, die da liegen, ist Mullah Mudschahed, 35 Jahre alt, der Kommandant eines kleinen Taliban-Trupps, der am Vortag bei der Flucht vom Flughafen in Kundus mit seinem Pick-up einen Unfall hatte, von Soldaten der Nordallianz unter Feuer genommen und verhaftet wurde.    

Vielleicht stammt sein stechender, verachtungsvoller Blick auf die Eindringlinge vom Fieber. Jedenfalls weigert er sich zu sprechen und herrscht seine Genossen an, dasselbe zu tun. Alle drei hier im Raum haben Schusswunden abbekommen, „aber sie werden überleben“, erklärt der Apotheker beflissen. Er weiß nicht recht, was man mit ihnen machen soll – und steht damit vor derselben Frage wie das ganze Land. Freilassen? Erschießen? Gesund pflegen? Woanders hinschicken? „Der Kommandant wird das entscheiden“, sagt er.    

Das Gebäude wurde vor wenigen Wochen noch von den Taliban selbst als Gefängnis benützt. 750 Menschen schmorten wegen diverser Verstöße gegen ihre rigiden Dekrete hier im Verlies. Da gibt es finstere Zellen, geheime Verstecke zuhauf, und die neuen Herren der Stadt sind eben erst dabei, sich zurechtzufinden. „Da sind noch welche“, sagt einer aus dem Neugierigen-Trupp und öffnet eifrig eine 50 Zentimeter hohe Klappe, die in ein Loch führt.   

 Einzeln werden die Gefangenen aus der Finsternis geholt. Es ist eine mittelalterliche Parade aus schmutzigen Kopfverbänden und Eisenfesseln, und was die jungen Männer zu erzählen haben, klingt, als entsprängen sie eben dem Dreißigjährigen Krieg. Gulbuddin etwa, ein freundlicher 22-jähriger Junge aus der Provinz Kandahar, wurde von seinem Kommandanten Mudschahed zur Verteidigung von Kundus mitgenommen. Was man dort tun solle? „Das weiß nur Allah“, habe der ihm erklärt.   

 Seine Eltern seien Bauern, erzählt Gulbuddin. Er habe in der Koranschule lesen gelernt, aber bisher nur den Koran gelesen. Ferngesehen habe er noch nie. Und dies jetzt sei das erste Mal, dass er leibhaftige Ungläubige zu Gesicht bekomme. Ob er irgendwelche Wünsche oder Pläne für sein Leben habe, ist wahrscheinlich eine dumme Frage. „Dass Afghanistan islamisch wird“, sagt er. Das sei es aber doch auch unter der Nordallianz? „Ja, aber das wussten wir nicht.“ Der 18-jährige Abubullah, mit je einem Verband auf Schläfe und Nase, traut sich ein bisschen weiter vor. Er stammt aus Uruzgan, der abgelegensten Provinz im Süden, und wurde erst vor fünf Monaten von den Taliban zum Dschihad gerufen. „Ich glaube, es wäre gut, wenn Buben und Mädchen lesen lernen“, sagt er schüchtern. „Ich kann bloß meinen Namen schreiben.“    

Die Umstehenden, Bewaffnete und Unbewaffnete, Würdenträger und einfache Soldaten, betrachten die Gefesselten ohne Zorn, mit einer Mischung aus Zweifel und Neugier. „Das ist das erste Mal, dass wir mit ihnen reden“, sagt der Apotheker.    

Die Sieger – die Stammesfürsten    

Der Usbeke Amir Latif Ibrahimi ist ein reicher Mann: Er hat zwei Frauen, zwölf Kinder, 16 Pferde, ein Haus mit 32 Zimmern und 7000 Soldaten. Er ist mächtig: Seit Generationen herrscht seine Familie über Imam Sahib; und nachdem er die Stadt Kundus eingenommen hat, rechnet er fest damit, Gouverneur der gesamten Provinz zu werden. Er ist fromm: „Allah liebt alle Menschen“, sagt er.   

 Außerdem hat er Leute um sich, auf die er sich verlassen kann: Amir Latif ist der älteste von sechs Brüdern. Sein Bruder Rauf ist Kommandant wie er. Bruder Kayum ist Chef der Militärpolizei. Und der kleine Bruder Mohammed, der in Moskau die Diplomatenschule besucht, kümmert sich treu und ergeben um die PR der gesamten Familie. Die Ibrahimis sind die Feudalherren, das Rathaus, die Polizei, der Ombudsmann und das Fremdenverkehrsbüro in Personalunion. Selbst das Wasserrad samt kleinem Generator, das sich draußen vor der Stadt dreht und vier Stunden am Tag Strom liefert, gehört ihnen.    

So ist das in Imam Sahib, und nicht viel anders dürfte es im Rest Afghanistans sein.    

Wahrscheinlich, aber so genau kann man das nicht wissen, ist Amir Latif einer von den besseren Stammesfürsten. Seine Stadt hat die Kriegsjahre und die zweijährige Besetzung durch die Taliban unzerstört überstanden, „weil ich nicht kämpfen will, wenn es nicht notwendig ist“, sagt Latif. Die Menschen sprechen mit Respekt von ihm. Sogar die Ethnien scheinen halbwegs miteinander auszukommen: „Unser Kommandant ist ein guter Mann“, sagt der 19-jährige Derwish Mohibullah, ein Paschtune, der aus Pakistan einen Computer hierher gebracht und in einem Pferdestall eine Computerschule eröffnet hat. Weil das schwierig ist, solange es kaum Strom gibt, unterrichtet er in der Zwischenzeit Englisch, das er selbst kaum kann.   

 Es ist unklar, ob man Kommandant wird, weil man reich ist, oder reich wird, weil man Kommandant ist. Fest steht, dass ein Soldat in dieser Weltgegend nur 50 Schilling im Monat kostet; und dass Kriegführen für einen Stammesfürsten zur „job description“ gehört.    

Das geht zum Beispiel so: Amir Latif will Kundus einnehmen, von Norden her. Dasselbe will sein tadschikischer Rivale Mohammed Daud von Osten her. Latif verhandelt mit den eingekesselten Taliban und traut sich sogar persönlich in die Stadt; Daud feuert derweil aus vollen Rohren. Latif schickt, von seinem kahlen Feldherrnhügel aus, am Sonntagnachmittag seine Männer hinein und besetzt die Festung Kunakala im Stadtzentrum, ein mächtiges altes Gemäuer mit Blick über die ganze Wüste ringsum.   

 Sein Pech, dass die Amerikaner nichts davon erfahren (bei Latif sitzen vier Journalisten, bei Daud 200). Sie bombardieren die Festung samt Latifs Leuten, ein Munitionsdepot explodiert, die verkohlten Trümmer von Panzern und Jeeps liegen herum. Dann, im Durcheinander Montagfrüh, schnappt sich Daud die Hälfte der Festung. Weil das unfair ist, „schließlich waren wir zuerst drin“, wollen Latifs Soldaten sofort gegen Daud in den Krieg ziehen. Der Moment, in dem die Taliban von Kundus besiegt sind, schrammt hart an einem tadschikisch-usbekischen Krieg vorbei.   

Wenn man die einander belauernden Soldatengruppen in Kundus gesehen hat, unterscheidbar nur durch ihre Gesichtszüge, wie sie mit ihren quäkenden Funkgeräten am Straßenrand hocken und bang auf die Order warten, ob sie aufeinander losgehen sollen oder nicht, begreift, dass „die Nordallianz“ als solche nicht existiert.    

Latifs Hauptquartier Imam Sahib und Dauds Hauptquartier Talokan sind nur durch einen Feldweg miteinander verbunden; der ist zehn Stunden lang, manchmal vermint, manchmal unpassierbar und oft gefährlich. Telefon gibt es keines. Verwunderlich ist bei dieser Topografie nicht, dass das Land in Fürstentümer zerfällt – sondern, im Gegenteil, wie es die Taliban überhaupt schaffen konnten, halbwegs einheitliche Regeln durchzusetzen.    

Die heutige „Regierung des islamischen Staates Afghanistan“, dominiert von Tadschiken, kann es jedenfalls nicht. Manchmal kann man sie brauchen – dann klemmt sich auch ein Usbeke ein Poster der Allianz hinter die Windschutzscheibe. Öfter kommt es vor, dass sie einem im Weg steht.   

„Wir wollen Frieden für unsere Leute“, sagt Mohammed, der nette, aufgeklärte, sanftmütige kleine Bruder, „wir wollen Straßen bauen und Schulen, vor allem auch für die Mädchen, deswegen müssen wir die Kontrolle über die Provinz haben.“ Und wenn nicht, dann Krieg gegen die Regierung führen? Schon wieder eine dumme Frage, die nur Nichtafghanen stellen können. „Ja, natürlich“, sagt Mohammed verdutzt.    

Was bleibt – die Burka    

Die Befreiung von Kundus fand ohne Frauen statt. Sobald die Taliban vertrieben waren, strömten tausende Menschen auf die Straße. Nicht überschwänglich, aber neugierig, standen sie dicht gedrängt auf dem Hauptplatz, hockten vor den geschlossenen Rollläden am Bazaar, schauten und horchten. Tausende Männer waren es, alte, junge, Buben und Greise, bewaffnete und unbewaffnete. Aber keine einzige Frau.    

Kundus ist, kurz nach dem Machtwechsel, noch ein Ort der Unordnung und der Gefahr. Solange Krieg herrscht und keiner weiß, wer die Soldaten sind, die überall herumlaufen, haben Frauen allen Grund, sich hinter den mannshohen Lehmwänden der Häuser zu verstecken. Aber was ist mit jenen Gebieten, die schon länger von der Nordallianz kontrolliert werden? Im neuen Afghanistan, das die bizarren Dekrete der Koranschüler abgeschüttelt hat, müssten sie eigentlich jubeln und sichtbar sein.    

Das sind sie aber nicht. In Imam Sahib ist der Krieg seit drei Wochen vorbei. Auf dem Markt werden Musikkassetten verkauft, mit roten Bommeln geschmückte Pferdekutschen klappern über die Straßen. Aber die Frauen stecken immer noch in ihren weißen und hellblauen Burkas.   

 „Die Burka ist ein Gefängnis“, sagt Suraya, eine stämmige Lehrerin aus Kundus, die sich erst drinnen im Haus aus dem blitzsauberen, fein plissierten Ganzkörperschleier schält. „Sobald wir eine richtige Regierung haben, werfen wir ihn weg.“ Warum nicht gleich? „Es geht nicht“, sagt die Frau in den teuren Seidenkleidern. „Wenn wir so auf den Bazar gingen, würden uns die Leute nachlaufen. Es wäre eine Schande. Erst wenn alle Frauen Afghanis-tans die Burka wegwerfen, tue ich es auch.“    

Das Problem sind also nicht die Taliban, sondern die Männer im Allgemeinen? „Nicht die Männer, aber die Mudschaheddin“, sagt Suraya. Der erste Tschador-Erlass, erinnert sie sich, kam lange vor den Taliban. Er kam, als Signal der islamischen Erneuerung nach dem Sturz der Kommunisten, von jenen Menschen, die heute wieder an der Macht sind – den Mudschaheddin. „Wir haben jetzt Demokratie, aber wahrscheinlich keine gute“, sagt Suraya.    

Es ist seltsam zu beobachten, dass unter dem Stoff, der Menschen zu huschenden Gespenstern macht, eloquente, gebildete, mutige Persönlichkeiten stecken. Aziza zum Beispiel war eben noch ein gesichtsloser Haufen Hellblau; jetzt plötzlich ist sie eine schöne, selbstbewusste Frau, die stolz ihre Zeugnisse von der Universität Kabul auspackt. In ebendiesem Zimmer, erzählt sie, habe sie jahrelang im Geheimen Schülerinnen unterrichtet, immer mit der Angst im Nacken, ein Talib könnte bei der Tür hereinstürzen. Ein ganzes Netzwerk von 480 Mädchen und 38 Lehrerinnen hat Aziza mitorganisiert.   

 Mit Verve versucht sie, die verwüstete Mädchenschule wieder in Betrieb zu nehmen: „Dort steht nichts mehr außer den Wänden. Kein Dach, keine Möbel, keine Bleistifte. Wir wollen wieder arbeiten, so bald wie möglich“, sagt sie kämpferisch. Die Beschränkungen für ihr eigenes Leben erträgt Aziza mit vergleichsweise stoischem Gleichmut: „Das ist hier keine große Stadt. Die Menschen sind traditionell. Wir sind jahrelang in der Burka gesteckt, da dauert es vielleicht noch ein paar Wochen, bis wir uns trauen, herauszukriechen.“    

Doch es hat sich etwas verändert in Imam Sahib. Der Textilhändler am Markt führt beflissen und gut gelaunt die verschiedenfarbigen Burka-Modelle vor, schneidet nach dem Kauf mit der Nagelschere die Sehschlitze auf und freut sich, dass die Geschäfte neuerdings wieder besser gehen. Nein, es würden nicht weniger Burkas verkauft, seit die Taliban weg sind – im Gegenteil. Afghanische Logik, erste Lektion: „Die Frauen brauchen jetzt viel mehr Burkas. Weil sie ja öfter nach draußen gehen.“   

 Afghanistan nach den Taliban: Die weißen und himmelblauen Gestalten gehen allein, ohne Mann, oder miteinander herum – was einst verboten war. Sie sitzen auf dem Bazar am Boden, verkaufen ihre Waren, und es ist keiner da, der sie dafür schlägt. Unter den Burkas stecken Seide, Nagellack und hochhackige Schuhe, mit denen man auf den feldwegähnlichen Straßen kaum gehen kann.    

Und die Frauen der Familie Ibrahimi, umringt von einer quengelnden Kinderschar, überreichen der Reporterin mit schüchternem Stolz ein Geschenk zum Abschied. Es ist ein abgewetzter kleiner Pappkarton. Er enthält einen roten Polyester-BH, ein Paar hautfarbene Nylon-Kniestrümpfe aus Hongkong, eine fabriksneue türkische Seife und einen erst zur Hälfte benützten Lippenstift.    

Wahrscheinlich hat eine westliche Frau, die, mit verfilzten Haaren, einem staubigen Anorak und klobigen Bergschuhen, ganz ohne Ehemann ziellos in der Welt herumfahren muss, in den Augen einer Afghanin noch einen harten, weiten Weg bis zu ihrer Befreiung vor sich.

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