Der Westen hat Afghanistan Frieden und Wohlstand versprochen. Derweil ist das Land eine unübersichtliche, gefährliche Baustelle.   

Eine profil-reportage aus Heft 30/2003

 Hinter violetten Blumenbüschen, auf dem Gelände des Kabuler Wazir-Spitals, liegt das Reich der Hinkenden.    

Nadjmuddin, der hinkende Chef, hat seine Krücken an die Schreibtischkante gelehnt und erledigt Telefonate. Der hinkende Laufbursche bringt ein Tablett mit Tee. Er verschüttet nichts. Der Oberarzt im Rollstuhl hält ein Röntgenbild gegen das Licht, schüttelt den Kopf, und sein einbeiniger Patient zuckt, Schlimmes ahnend, unter dem Turban zusammen.   

 Von draußen weht Quietschen aus der Werkstatt herein. Dort fräsen Hinkende routiniert Holzbeine in Form und klopfen Hartplastikteile für Gelenke zurecht. Es gibt Füße jeder Größe, auch ganz kleine.   

 Die Handwerker im Orthopädischen Zentrum des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) haben viel zu tun: Sie produzieren Prothesen für ganz Afghanistan, und das ist, nach 23 Jahren Krieg, ein invalides Land. Hier flogen Granaten, da verirrten sich Gewehrkugeln, dort trafen sie gezielt. Und auch im Frieden ist es nicht vorbei: Beim Pflügen buddeln Bauern scharfe Granaten aus, beim Schafehüten, Holzsammeln oder Spielen treten Kinder auf Minen. Immer noch, jeden Tag, mehrere hundert Mal im Monat.   

 Fast alle der hinkenden Handwerker sind selbst einmal, mit einer oder mehreren zerfetzten Gliedmaßen, als Patienten durchs Tor der Klinik getragen worden. Jetzt haben sie einen krisensicheren Job und ein Einkommen. So scheinen im Orthopädischen Zentrum, der Idylle hinter den Blumenbüschen, Katastrophe und Heilung, Ausnahmezustand und Alltag langsam miteinander zu verwachsen.   

 Ähnliches könnte man über das ganze Land sagen. Wer von einem der Hügel auf Kabul hinunterschaut, wie einst jene Warlords, die einander von hier aus unter Feuer nahmen, sieht ein graubraunes Meer aus staubigen Brocken. Das sind die graubraunen Ruinen ganzer Stadtteile, die dem Erdboden gleichgemacht wurden; die graubraunen Haufen von Schutt, wo zusammengeräumt wird; die graubraunen Stapel aus Lehmziegeln, wo neu gebaut wird.    

Ob halb fertig oder schon wieder halb kaputt, ist kaum unterscheidbar. Ebenso schwer unterscheidbar ist, ob in Afghanistan eben ein Krieg zu Ende geht – oder bereits ein neuer begonnen hat.   

*

In Garabach, einem Dorf in der Shamali-Ebene nördlich von Kabul, sieht es nach Neuanfang aus. Bis vor einigen Monaten war die Gegend menschenleer – hier verlief eine heftig umkämpfte Front zwischen Taliban und Nordallianz, die Bewohner waren geflohen.    

Heute stehen keck die handbemalten Tafeln von Hilfsorganisationen nebeneinander, und die Menschen sind wieder da, mehrere tausend von insgesamt 1,2 Millionen Heimkehrern im ganzen Land. Im Gemeindezentrum sind Bildplakate ausgerollt, mit warnenden Zeichnungen von Tretminen jeder Form und Größe. Die Schulen haben wieder aufgesperrt. Eine Klasse lernt unter einer Zeltplane, die an einem im Boden verwachsenen Schrottpanzer befestigt ist, aber immerhin.    

Wenn es etwas gibt, das von den Taliban und ihrem bizarren mittelalterlichen Regime geblieben ist, dann der Hunger der Menschen nach Bildung. „Die Leute sind in Scharen nach Pakistan gegangen, als die Taliban die Schulen zusperrten“, sagt der Schuldirektor. „Mit vielem konnten die Leute leben, aber damit nicht.“   

 Der Unterricht in der Mädchenschule ist eben zu Ende, Scharen rotten sich kichernd auf der Straße zusammen, die weißen Kopftücher flattern im staubigen Wind. Es sind nur halb so viele wie in der Bubenschule, doch die Lehrerin Sahdia Freshta ist trotzdem stolz. „Im Winter, als das Gebäude noch eine Ruine war, haben wir hier alte Frauen unterrichtet, die darauf drängten, lesen und schreiben zu lernen“, erzählt sie. Es habe sich, in den Jahren des gefährlichen, heimlichen Privatunterrichts in den Wohnzimmern, herumgesprochen, wie wichtig das sei.    

Es ist schön, das zu hören, und macht trotzdem stutzig. Weder in Garabach noch in Kabul sieht man viele Frauen auf der Straße, auf Märkten oder in Büros. Hilfsorganisationen klagen, dass es beinahe unmöglich sei, weibliches Personal zu finden – außer Haus zu arbeiten ist zwar nicht mehr verboten, aber immer noch unschicklich. Bisweilen auch so gefährlich, dass strafende Steine fliegen. Wozu also lernen? „Weil man dann einen besseren Mann findet“, sagt Frau Freshta strahlend.   

 *

Manche hatten sich das neue Afghanistan wohl anders vorgestellt. Nilufer Ahmadi zum Beispiel, eine bildhübsche 24-Jährige, gehört zu jener ganzen Generation, die in Flüchtlingslagern aufwuchs. Sie hat in Pakistan Englisch gelernt, wurde wegen ihrer Intelligenz gelobt, Juristin wäre sie gern geworden. Dann wurde sie mit einem Tagelöhner verheiratet, der ihr verbietet, aus dem Haus zu gehen. „Er ist nicht sehr gescheit“, sagt sie verlegen.   

 Ihr eifriger Enthusiasmus war unerwünscht. Nilufer lebt jetzt in einer Lehmhütte im heruntergekommenen Distrikt 8 von Kabul, ohne Wasser, ohne Möbel, ohne Geld – und hat drei Kinder. Das jüngste, ein zehnmonatiger Bub, hängt schlaff und leise wimmernd an ihrem Arm, er ist gefährlich unterernährt, wie die Hälfte aller Kinder in Afghanistan, und Nilufer weiß das auch. „Ich könnte etwas tun, Geld verdienen, aber es geht nicht“, sagt sie scheu lächelnd. „Das ist eben unsere Kultur.“    

Welche brachliegenden Ressourcen sich unter den huschenden himmelblauen Burkas verstecken, ahnt man erst, wenn man in die männerfreie Zone hinter den Mauern der Häuser vordringt. Wo etwa Nilufers Nachbarn wohnen, eine Großfamilie, die unter dem Kommando der resoluten Malalai Mahmudi steht.   

 Malalai sorgt dafür, dass die Männer nur in die frisch gebaute Latrine pinkeln, dass das Wasser gut abgekocht wird, damit die Kinder keinen Durchfall bekommen, dass der Müll vergraben wird und auch sonst alles seine Ordnung hat. Das sind die kleinen Erfolgsgeschichten im neuen Afghanistan. Was aber ist der größte Unterschied zu früher? „Unter den Taliban hatten unsere Männer Ehemänner, die ihnen ständig vorschrieben, wie sie sich benehmen müssen“, sagt Malalai. „Jetzt haben die Männer keine Ehemänner mehr. Aber wir haben unsere immer noch.“    

Um bei Laune zu bleiben, hilft nur pragmatische Resignation. Die Burka trägt man nicht gern, „aber sie ist praktisch, weil man sich nicht drum kümmern muss, was man drunter anzieht“. Wenn der Ehemann eine Zweitfrau nach Hause brächte, „weinen wir vielleicht ein paar Tage, aber dann würden wir uns daran gewöhnen“. Wie an so vieles, was geschehen ist.    

Obwohl – Malalai hat schon eine Vorstellung vom Leben, wie es sein könnte. „In einem Büro wäre ich gern.“ Als Sekretärin? „Als Chefin“, sagt sie.   

 *   

Shir Malang hat einen Brief bekommen. Das ist etwas Außergewöhnliches, so außergewöhnlich, dass er verschwitzt vom Basar angerannt kommt, als er es erfährt. Shir Malang hat einen Gemüsegarten, drei Frauen, 33 Kinder, „zwanzig davon leben noch“. Damit illustriert er die afghanische Statistik, laut der ein Drittel aller Kinder das fünfte Lebensjahr nicht erreicht. Mit seinem langen Bart und Turban sieht Malang aus wie ein Taliban aus dem Bilderbuch, und als solcher war er auch fünf Jahre lang eingesperrt, in einem Gefängnis der Nordallianz im Pandschir-Tal.    

Der Brief kommt von dort, von einem pakistanischen Freund. Das IKRK, das landesweit die Gefängnisse inspiziert, spielt, wie immer in solchen Fällen, den Briefträger. Obwohl es recht schwierig sein muss, den Überblick zu behalten, wer in Afghanistan wo und warum inhaftiert ist.    

Ein neuer Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International malt ein Panoptikum der Unübersichtlichkeiten: Im Prinzip unterhält jeder Warlord seine Privatgefängnisse, wo nach Maßgabe lokaler Prioritäten eingesperrt wird – Räuber, Drogensüchtige, Ehebrecherinnen oder Mudschaheddin einer feindlichen Fraktion. Eine landesweite Justiz existiert ebenso wenig wie ausgebildete Sicherheitskräfte oder allgemein gültige Gesetze. Die einzig berechenbare Regel lautet: Wer Geld oder Macht hat, kommt meist davon.    

Shir Malangs Geschichte lässt das Durcheinander ahnen. Er sei ein lokaler Kommandant von 200 Kämpfern gewesen, sagt er – erst gegen die Russen, dann gegen die Taliban, dann gegen die Nordallianz, der er sich nicht unterstellen wollte. Irgendjemand habe ihn schlecht gemacht bei den Leuten, die heute regieren und eigentlich seine Freunde seien, „aber jetzt haben die große Häuser und Ministerien, und ich bin arbeitslos“.    

Daneben trägt Malang noch eine Privatfehde mit einer anderen Familie aus: „Ich hatte Feinde, einer tötete meinen Bruder, dann tötete ich zwei von denen, aber gerade erst haben wir die Sache geregelt.“ Morgen werden die beiden Clans zweihundert Männer im Ort versammeln, man wird gemeinsam den Koran rezitieren und verkünden, dass die Feindschaft beigelegt ist, bis auf Widerruf.    

Von einer „Kultur der Gewalt“ spricht Amnesty. Ein bisschen Erschöpfung ist auch Malang anzumerken, als er seinen Onkel holt, um ihm schließlich den Antwortbrief an seinen Freund im Gefängnis zu diktieren. „Die Kriege in Afghanistan waren ein Missverständnis“, sagt er.   

 *    

Vielleicht ist diese Erschöpfung die Chance für das Land. Es ist eine kleine Gruppe, die vom permanenten Ausnahmezustand profitiert – die Warlords samt ihren Getreuen, die Opiumhändler und Schmuggler, die religiösen Scharfmacher. Sie alle arbeiten seit Jahren hart daran, dass keine Berechenbarkeit einkehrt, doch es ist spürbar, wie müde sie ihre Untertanen damit gemacht haben.   

 „Das Wichtigste ist jetzt Sicherheit“, sagt Präsident Hamid Karzai, sagen die Vereinten Nationen, sagen Nothelfer, sagen die Menschen.   

 Sicherheit würde in Afghanistan bedeuten: dass man ein Feld bestellt, in der Gewissheit, dass man in ein paar Monaten ernten kann, ohne dass vorher ein Panzer die Pflanzen niederwalzt. Dass man ohne Angst, an einem Checkpoint ausgeraubt oder um horrenden Wegzoll erleichtert zu werden, auf einer Landstraße zum Markt in einen anderen Ort fahren kann. Dass man Vorratskammern füllen kann, einen Bewässerungskanal graben, einen Kredit aufnehmen, Rohstoffe einkaufen für die Werkstatt. Dass man planen kann, statt von der Hand in den Mund zu leben.   

 Ohne Sicherheit gibt es auch keine internationale Hilfe – denn keine Organisation wird das Leben ihrer Mitarbeiter aufs Spiel setzen, um irgendwo einen Brunnen zu graben oder eine Schule zu bauen.   

 Geld wäre nämlich genug da. Die von der internationalen Gemeinschaft zugesagten 4,5 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau sind noch längst nicht verbraucht – doch es ist schwierig, sie sinnvoll auszugeben, wenn es außerhalb Kabuls kaum vertrauenswürdige Abnehmer gibt. In den vergangenen Wochen, seit mehreren Attacken gegen Ausländer, ist der gesamte Süden des Landes, das Gebiet der Paschtunen und die Heimat der Taliban, de facto Sperrgebiet. Die wenigen Hilfsprojekte dort wurden radikal zurückgefahren, ausländische Experten fliegen höchstens noch zu kurzen Stippvisiten ein.   

„Wir wollen im Süden helfen, aber niemand in Kabul kann mehr sagen, was dort unten eigentlich passiert“, sagt die Vertreterin von ECHO, jener Organisation, die für die Verteilung der EU-Gelder zuständig ist. Die Spannungen steigen, das Misstrauen wächst bereits spürbar. „Wenn eine Gruppe das Gefühl kriegt, dass sie zu kurz kommt, dann wird’s gefährlich“, warnt sie.   

 *   

Es ist viel los in Kabul. Die Kommandanten fahren blitzblanke japanische Geländewagen, die tausenden ausländischen Helfer und UN-Mitarbeiter ebenfalls. Es gibt Satellitenschüsseln, Vogelhändler, Fotostudios und Mobiltelefone, es gibt sogar Stau, und Stau gab es hier schon lang nicht mehr.   

 Doch die Erwartungen, an denen die neuen Machthaber gemessen werden, sind kaum erfüllbar: ein invalides Land wieder auf die Beine zu bringen und einer ganzen Generation von Männern, die außer schießen nichts gelernt haben, zu zeigen, dass es ein Leben jenseits des Krieges gibt.    

Einige von ihnen wären bereit dafür – wenn auch eher aus Erschöpfung denn aus Überzeugung. Gul Agha war Mudschaheddin, seit er die Grundschule verließ. Er war gern Kämpfer, er war ein guter Kämpfer, aber er hatte Pech: Mit 21 riss es ihm bei der Eroberung einer Festung ein Bein weg, und er schloss mit dem Leben ab. 18 Jahre lang vegetierte er seither auf dem Bauernhof seines Bruders dahin, versteckt, unverheiratet, kinderlos, nutzlos, denn „es war immer Krieg, und wer braucht im Krieg einen einbeinigen Soldaten?“    

Gul Agha hat vor einer Woche den Weg ins Reich der Hinkenden hinter den violetten Blumenbüschen gefunden. Jetzt erst. „Ich habe mir gedacht: Jetzt ist Frieden, und da wird vielleicht eine Fabrik gebaut, in der ich arbeiten kann“, sagt er.    

Große Hoffnungen macht er sich nicht. Er kann nicht lesen und auch sonst nicht viel. Viele Fabriken werden derzeit nicht gebaut. Aber Gul Agha geht diesmal mit zwei Schätzen heim, zwei Vorleistungen auf eine neue Zeit: mit einer Ehefrau, die er letzte Woche geheiratet hat, und mit einem neuen Bein.

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