Trotzig stemmt sich Nordkorea, das letzte kommunistische Reservat, gegen den Zeitgeist. Der Führer ist alles, die Welt draußen gibt es nicht.    

Eine profil-Reportage aus dem Heft 23/ 2004

Choe Yong Il und Jon Tang Sik, Arbeiterinnen im Gemischtwarenladen von Ryongchon, haben sich in die Annalen der Nation eingeschrieben, am 22. April. Die beiden waren gerade auf dem Heimweg zum Mittagessen, als der Bahnhof in einem Feuerball explodierte. Jeder andere anderswo wäre davongelaufen. Doch Choe und Jon sind Nordkoreanerinnen. „Sie zeigten den festen Willen, den Führer unter Einsatz ihres eigenen Lebens zu schützen“, meldete die staatliche Nachrichtenagentur. Sie liefen zurück in den Laden und „starben unter den Trümmern des einstürzenden Gebäudes einen heroischen Tod, als sie versuchten, die Bilder der Präsidenten Kim Il Sung und Kim Jong Il aus dem Flammen zu retten“. Ähnlich reihte sich die Lehrerin Han Jong Suk in die Galerie der Heldinnen ein: Sie „tat ihren letzten Atemzug mit den Porträts der beiden Führer an ihrer Brust“.    

Man würde Geschichten wie diese als peinliche Märchen abtun – anderswo. Nicht so in Nordkorea. Da hält man für möglich, dass so etwas tatsächlich passiert.    

Nordkorea mit 23 Millionen Einwohnern ist ein kleines, armes Land, das mehr Neugier provoziert, als seiner strategischen Bedeutung entspricht. Es wurde von George W. Bush zum Erzfeind geadelt, ist prominentes Mitglied der „Achse des Bösen“, arbeitet mit heiligem Eifer an der Entwicklung einer Atombombe und entzieht sich ansonsten in jeder Hinsicht dem Zeitgeist. Von der Außenwelt beinahe hermetisch abgeschnitten, ist es das letzte von Selbstzweifeln unangekränkelte Reservat des Kommunismus.   

Viel Böses wurde der Welt in letzter Zeit über dieses Land berichtet: von Menschen, die Gras essen; von riesigen Arbeitslagern; von Verurteilten, die öffentlich hingerichtet wurden, weil sie Lebensmittel gestohlen haben sollen – während sich ihr genusssüchtiger Staatschef Kim Jong Il angeblich an eigens eingeflogenen Austern und seiner erlesenen Videosammlung delektiert. „Imperialistische Propaganda“ nennt die Regierung solche Berichte. Genauer nachschauen lässt sie niemanden. Besuchern wird Nordkorea gezeigt, wie es sein soll, sein muss: „eine sozialistische Gesellschaft, in der alle Menschen wie in einer großen harmonischen Familie zusammenleben“.   

Der Rest ist Geheimnis.    

Wenn die Sonne scheint, kommt Pjöngjang einem idyllischen sozialistischen Themenpark recht nahe. Die Hauptstadt ist „die Quelle der Revolution“, erschaffen aus Trümmern und einem Willensakt: Betonsilos, gleichförmig bis zum Horizont; Boulevards, bis zu 100 Meter breit, gerahmt von akkurat rasierten Grasstreifen und Monumenten für Partei und Revolution. Die wenigen Bewegungen in der Stadt dirigieren perfekt geschminkte junge Frauen in blitzblauen Uniformen an den Kreuzungen. Weil kaum ein Fahrzeug fährt, können sie jedes einzeln, mit militärisch abgezirkelter Geste, zum Weiterfahren ermuntern. Die Ampeln sind abgeschaltet, es gibt oft keinen Strom.   

 Man fragt sich kurz, wie das wohl ist, im 20. Stock eines Wohnblocks, wenn der Lift nicht funktioniert. Man fragt sich auch, warum jeder der zwei Quadratmeter großen Balkone einen von der Straße aus unsichtbaren Hühnerkäfig verbirgt. Warum die stete Karawane von Fußgängern treppauf und treppab steigt, um die gespenstisch leeren Boulevards auf Brücken zu überqueren. Doch sie gehen, als seien sie es gewohnt – zügig, den Blick immer nach vorn. Männer und Frauen, alle mit rotem Parteianstecker am Revers, die Kinder mit züchtig gezurrten roten Halstüchern. Erst am Ende eines Tages fällt auf, dass man niemanden laut rufen oder auch nur unschlüssig herumschlendern gesehen hat.    

Vielleicht liegt es daran, dass um Punkt sieben Uhr Früh die Lautsprecher eingeschaltet werden; aus jedem Gebüsch, von jedem Mast herunter springt einen plötzlich Musik an, feierlich-schwülstig zwischen russischer Fünfton-Symphonik und Umtata. Oder daran, dass einem überall ein Führer zuschaut.    

Es gibt zwei Führer. Den „großen“, Staatsgründer Kim Il Sung, auch „die ewige Sonne“ genannt; und den „lieben“, Kim Jong Il, „das Genie der Revolution“. Letzterer ist ein 62-Jähriger mit Bauchansatz, Plateauschuhen und stets zerzausten Haaren, der nach dem Tod seines Vaters 1994 geschworen hat, dessen Erbe „für den Rest der Geschichte“, also „für tausende Jahre“, zu bewahren. Der „große Führer“, ein bronzener Riese, steht in der Mitte der Stadt und weist mit ausgestreckter Hand seinem Volk den Weg. Wer zu ihm kommt, trägt frisch gebügelte Kleidung, verneigt sich und legt einen Blumenstrauß nieder. Porträts von Vater und Sohn hängen nebeneinander in jedem U-Bahn-Waggon, in jedem Büro, angeblich auch in jeder Privatwohnung. Sie lächeln von Monumentalmosaiken an Hauswänden, umringt von winkenden Kindern, oder ins verständnisvolle Gespräch mit Bauarbeitern vertieft. „Er ist unser Vater“, sagt eine 20-Jährige, und ihr verlegenes Lächeln verrät, dass sie das genau so meint.   

Die Pilgergruppen im Festtagsgewand, die täglich in Zweierreihen die Runde durch Mangjongdä, den angeblichen Geburtsort Kim Il Sungs, machen, ziehen ehrfürchtig an der Matte vorbei, auf der er schlief, und am verbeulten Bodenkrug, „den niemand wollte; nur er erkannte, dass auch Schadhaftes seinen Wert hat“, wie das Prospekt verrät. Mangjongdä könnte Mekka heißen oder Lourdes, und als bräuchte die religiöse Konnotation noch einen Beweis, steht neben dem Geburtshaus ein Brunnen, dessen Wasser das Leben verlängert.   

 „Juche“ heißt die Staatsideologie, die das alles zusammenhält. Eine eigenwillige Mischung aus Marxismus, Voluntarismus und koreanischer Tradition, angeblich „die Veränderung in der Geschichte des menschlichen Denkens“, über die Kim Il Sung 1100 Werke in 35 Bänden geschrieben hat. Die Kurzversion: „Das Schicksal des Menschen liegt in seiner eigenen Hand.“ Oder: Man muss nur wollen, dann geht alles.   

Man wollte viel in Nordkorea. Dass auf dem grauen Boden etwas wächst. Dass das „alte Denken“, Eigennutz und Gier, mit Stumpf und Stiel ausgerottet wird. Dass jedes Dorf Strom hat und dass jeder Mensch „arbeitet, so viel er kann, ohne daran zu denken, wie müde er am nächsten Tag sein wird“. So und ähnlich steht es mit roter Schrift auf den Spruchbannern, allgegenwärtig wie anderswo die Werbeplakate des nächstgelegenen Supermarkts. Wünschen hilft nicht immer, auch in Nordkorea nicht, und Juche hat die Welt draußen nicht nachhaltig beeinflusst. Aber das weiß man hier nicht.    

Eine Ahnung davon bekommt man in der „Bibliothek des Volkes“. In einem der Räume lernt das Volk Englisch, aus grauen, schief zusammengehefteten Textbüchern, denn es gibt nicht viel Papier. Jedes Kapitel beginnt mit einem Kalenderspruch des Führers. Nein, nie und nimmer würde sie die Sprache im Ausland ausprobieren wollen, schüttelt eine junge Frau entrüstet den Kopf. Sie lebe im besten Land, das menschenmöglich sei, und nie würde sie ein anderes auch nur anschauen wollen.    

Man kann nicht in sie hineinschauen, genauso wenig, wie sie hinausschauen kann in die Welt. Jedes Fernseh- und Radiogerät ist bewilligungspflichtig, Satellitenschüsseln ebenso verboten wie Mobiltelefone. Es gibt ein landesinternes Intranet, Internetanschluss aber nur für den Führer und einige handverlesene Kader. In Büchern steht, wie neidisch ausländische Ärzte wären, wenn sie sähen, dass es in nordkoreanischen Spitälern Brutkästen gibt. Dass sich in den USA wegen der Gewaltorgien kaum mehr ein Kind in die Schule traut. Und dass Seoul eine Stadt voll Bettler ist.   

 Die logische Endlosschleife ist bisweilen zwingend: Wenn Ausländer nicht voll der Bewunderung für Juche wären, warum kämen sie dann her und kauften Juche-Bücher?, fragt die freundliche Verkäuferin in einem Buchgeschäft, die außer Juche-Büchern nichts zu verkaufen hat.    

Es muss viel Arbeit sein, dieses kompakte Selbstbild Tag für Tag zu bekräftigen. Macht eine ausländische Delegation einen Spaziergang durch einen Park, dann steht in einem adretten Pavillon zufällig eine ganze Delegation festlich gekleideter älterer Damen bereit, um sie zum spontanen Tanz zu bitten. Eine Familie lädt die Vorbeigehenden ein, an ihrem Picknick teilzunehmen – sie haben zwei Töpfe voll Fleisch zum Grillen dabei, fast ein bisschen zu viel für eine sechsköpfige Familie. Wo auch immer fremde Gäste einem Bus entsteigen – es sitzen, malerisch hindrapiert, junge Menschen mit Aquarellfarben im Gras und malen die Aussicht; die Bilder sind, wie man nach einiger Zeit bemerkt, immer schon ziemlich fertig. Kann es tatsächlich sein, dass eine Behörde damit beschäftigt ist, die Umgebung für jeden Ausländerspaziergang zu optimieren? Oder ist man selbst schon von der Paranoia angesteckt?   

 Es ist die Perfektion, die misstrauisch macht. Wie jedes einst sozialistische Land hat auch Nordkorea mit viel Stein und Marmor einen „Palast des Kindes“ gebaut. Die monströse Säuleneingangshalle, mit einem einsamen Goldfisch im Glas, hat eine Balustrade, die tobende Kinder direkt in den Abgrund stürzen ließe. Doch dass Kinder toben, ist ohnehin nicht vorgesehen. Sie sitzen in Vorführräumen, Akkordeon spielend in Reih und Glied, Blümchen stickend nach Vorlage oder paarweise vor einem Brettspiel, kerzengerade, beide Beine parallel am Boden. Vierjährige zucken mit keiner Wimper, während ihnen eine Delegation nach der anderen zum Abfotografieren ins Gesicht blitzt. Es ist sehr kalt.   

Vielleicht ist so viel Selbstbeherrschung notwendig in einem Land, das immer auf der Hut ist, das sich von Spionen und Feinden umzingelt fühlt.   

An der Demarkationslinie des geteilten Landes, bei Panmunjom, ist der südkoreanische Feind, das „Marionettenregime der US-Imperialisten“, sehr nah. Mauer, Wachtürme und Stacheldraht, gesäumt von angeblich einer Million Landminen: Starr stehen einander hier süd- und nordkoreanische Soldaten in zehn Meter Entfernung gegenüber, erstere im Rambo-Stil mit schwarzer Sonnenbrille, zweitere in langen grünen Pelerinen. Es gilt absolutes Kommunikationsverbot. Eloquente Offiziere halten auf beiden Seiten Hof, um jedem Besucher Entrüstung über die Teilung des Landes abzuverlangen, die nukleare Bedrohung der jeweils anderen Seite inklusive, auf die man mit gleichen Mitteln reagieren müsse.    

Jahrelang hat man einander hier mit riesigen Lautsprechern beschallt – Hinweise auf flotte Mädchen und die Verlockungen der Freiheit kamen aus dem Süden; aus dem Norden zünftige Marschmusik. Jüngst wurden die Lautsprecher abgeschaltet, „als Zeichen der Entspannung“, erklärt ein Offizier und folgt damit der Sprachregelung, dass   des Führers sehnlichster Wunsch immer schon die Wiedervereinigung gewesen ist.    

Doch nur solange diese Grenze existiert, existiert auch Nordkorea. Wer Deutschland erwähnt, erntet beredtes Schweigen. In den Telefonverzeichnissen hat die Wiedervereinigung noch nicht einmal stattgefunden: Da ist zwar der neue Staat Serbien-Montenegro angeführt, für die DDR gilt jedoch immer noch die Vorwahl 0037. Die hat schon lange keiner mehr gewählt.    

Die Kriege der Vergangenheit, gegen die japanischen Besetzer ebenso wie gegen die „US-Imperialisten“, werden mit aller Gewalt lebendig gehalten – mit grimmig zusammengeklebten Collagen, alarmiert blinkenden Lichtern auf elektrischen Schautafeln, mit Pappmaschee-Nachstellungen der wichtigsten Schlachten in schummrigen Kellerräumen. Ein 1968 von den USA erbeutetes, schon etwas verwittertes Spionageschiff wird mit atemlosem Besitzerstolz vorgeführt, als sei es erst gestern gekapert worden.   

1,1 Millionen Soldaten hat die nordkoreanische Armee unter Waffen, es ist die fünftgrößte der Welt. Aus dem Irak-Krieg hat man Schlüsse gezogen, die so absurd nicht sind. „Wer schwach ist, wird angegriffen. Gegen uns wagen es die US-Imperialisten nicht, weil wir sie besiegen würden“, sagt ein Offizier. Im Ernst? „Jeder unserer Soldaten ist so viel wert wie hundert seiner Feinde“, erklärt er.   

 Der institutionalisierte permanente Notstand hat für die Militärs einen angenehmen Nebeneffekt: „Die Armee zuerst“ heißt es bei der Zuteilung von Essensrationen, Wohnungen, Ausbildungsplätzen oder sonstigen Privilegien. Selbst die Ideologie hat den Schwenk vollzogen: Seit zwei Jahren ist nicht mehr das Proletariat, sondern die Armee die offizielle „Speerspitze der Revolution“. Die übrigen Klassen der eigentlich klassenlosen Gesellschaft definieren sich nach ihrer Treue zum Regime: Laut Hilfsorganisationen erhalte die so genannte „feindliche Klasse“, etwa ein Viertel der Bevölkerung, deutlich geringere Essensrationen. Wer diese „feindliche Klasse“ genau ist, weiß allerdings niemand. Selbst die Hilfsorganisationen haben nur in wenige Teile des Landes Zutritt.    

Man kann das Leben draußen am Land nur erahnen, im Vorüberfahren. Die Felder sind bestellt und bewässert, gepflügt wird per Hand, hier und dort helfen Soldaten in Uniform. Fallweise sind einige Ochsen zu sehen, hin und wieder altersschwache Traktoren. Trotzdem wird man den Eindruck nicht los, es würde nichts richtig wachsen. Schlappe Gemüsepflänzchen ragen aus dem Kohlestaub am Bahndamm. Dass es, außer ein paar Ziegen, kaum Tiere gibt, verrät, dass kein Futter für sie da ist – und bedeutet wohl weiters, dass die Felder nicht gedüngt werden können. In kleinen Gruppen hocken Arbeiter träge an den Wegesrändern und zupfen hier und dort Unkraut aus. Herrscht Not? Heroische Duldsamkeit? Oder bloß Langeweile?   

 Humanitäre Organisationen wie Amnesty International schätzen, dass die Lebensmittelkrise von 1995 bis 1999 zwischen 600.000 und 1,5 Millionen Tote gefordert hat und die Hälfte der Kinder heute mangel- oder unterernährt ist. Ins Land darf Amnesty freilich nicht. Der Norden Koreas war nie besonders fruchtbar, auch in vorrevolutionären Zeiten nicht. In postrevolutionären Zeiten produzieren die Bauern, was der Staat ihnen sagt – in den Boden sind Spruchbanner gerammt, die dazu auffordern, „so viel zu arbeiten, dass euer Land stolz auf euch sein kann“. Im Januar empfahl der „liebe Führer“ mehr Eifer bei der Geflügel- und Fischzucht. Sein Volk wird ihm folgen.    

Obwohl: Es gäbe Dramatischeres zu berichten aus dem Bauernleben. Ein kleines Stück Boden bewirtschaftet jede Familie für den Eigenbedarf – es ist erst ein Jahr her, dass Märkte erlaubt wurden, auf denen der Überschuss auch verkauft werden darf. So ähnlich, mit der Losung „Werdet reich!“, hat im benachbarten China einst der Wirtschaftsboom begonnen, der dem Land bis heute sagenhafte Wachstumsraten beschert.    

 In Nordkorea hingegen wird von den neuen Märkten nur verstohlen erzählt, so, als handle es sich um ein schmutziges, kleines Geheimnis. Sogar die schmucken Kaufhäuser in der Hauptstadt, wo es Regenschirme um einen halben Monatslohn zu kaufen gibt, werden vor Fremden ängstlich abgeschirmt. „Die Partei sorgt dafür, dass die Menschen alles bekommen, was sie zum Leben brauchen“, heißt es in den offiziellen Publikationen – „moderne Häuser, medizinische Versorgung, Kleidung zu Beginn jeder neuen Saison sowie kostenlose Erholungsausflüge zu den revolutionären Monumenten und Schlachtfeldern“. Schämt sich der Führer etwa dafür, dass es Bedürfnisse geben könnte, die nicht er, sondern nur Geld befriedigt?    

 Dankbarkeit ist das Fundament der Regimetreue. Sie wird zelebriert in PR-Videos, in denen Frauen vor hysterischer Rührung schluchzen. Sie wird tausendfach repliziert in Anekdoten, die davon erzählen, wie der Führer einem Todkranken persönlich die Hand hielt, sodass er eine Operation überlebte; wie er persönlich dafür sorgte, dass vor einem Entbindungsheim Bäume gepflanzt werden; wie er persönlich anordnete, der Standardmöblierung der Wohnungen ein Nachtkästchen hinzuzufügen. Die Dankbarkeit wird inszeniert in beängstigend perfekt choreografierten Massenspielen; und in landesweiten Wettbewerben, in denen die Bürger darum rittern, die prächtigsten Kimilsungilias und Kimjongilias zu züchten: eine rosafarbene Orchidee die eine, eine rote Geranie die andere.    

Die heiligsten Schreine der Dankbarkeit sind die „Freundschaftsmuseen“, für jeden Führer eines, mitten in den Bergen. Jeder Nippes, jeder Aschenbecher, jedes Porzellantier, das je von einem Gast ins Land geschleppt wurde, ist hier hinter Glas archiviert, als Beweis für die grenzenlose Bewunderung aller Welt. Die Sandinisten schenkten Kim Il Sung ein Krokodil, Tito einen Fernsehfauteuil, Stalin einen kompletten Eisenbahnsalonwaggon, Mao eine schwarze Wolga-Limousine, die österreichisch-koreanische Freundschaftsgesellschaft eine Beileidskarte aus einer Trafik. Sie liegt im Gedenkraum an den toten „großen Führer“ zu Füßen eines dreidimensionalen Dioramas aus Plastik, in dem ein lebensgroßer Kim Il Sung zu getragener Trauermusik lächelnd über eine Blumenwiese spaziert.   

 Der Palast gegenüber, wo der Sohn mit seinen 52.494 Geschenken residiert, ist da, allem Monumentalismus zum Trotz, nur noch ein trauriges Dokument des Niedergangs. Statt glamouröser kommunistischer Staatschefs machen bloß noch Juche-Studienkreise in Tansania oder Gambia ihre Aufwartung. Je näher die Gegenwart rückt, Saal für Saal, desto mehr schrumpft jener Teil der Welt, der Nordkorea zu Füßen liegt.    

Bloß die zarte neue Freundschaft mit Südkorea füllt noch die Regale – und die wissen, wie man schenkt: 40-teilige Polstermöbelgarnituren stehen da wie im Hinterzimmer einer Möbelauktion; Stereoanlagen, Flachbildschirme, Computer und Druckerkabel, Kosmetikserien samt Schaumbad in Geschenkverpackung. Es ist eine bizarre Ansammlung, die die Spiegelungen des gesamten Landes karikiert: Geröllschotter aus der kapitalistischen Warenwelt, sorgsam hinter Vitrinenglas eingeschreint, als Opfergabe an die antikapitalistische Revolution.   

 Eine Anekdote erzählt, wie Kim Jong Il einem Architekten bei einem kniffligen Problem einmal seinen „spotanen Ratschlag“ angedeihen ließ: Eine Mauerlinie sah gekrümmt aus, obwohl sie laut Wasserwaage gerade war. Eine optische Täuschung, belehrte der Führer den Baumeister, die unbedingt korrigiert werden müsse: „Es sieht aus, als ob es falsch sei, obwohl es richtig ist. Jene, die nicht Bescheid wissen, könnten sagen, die Wand sei krumm, weil wir schlecht gearbeitet hätten.“ Damit es in ihren Augen gerade aussehe, müsse man die Linie krumm machen.    

Willkommen in Nordkorea, das in Wirklichkeit wohl ganz anders ist, als es aussieht.

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