Türkei. 90 Jahre lang wurde über den Massenmord an der armenischen Minderheit geschwiegen. Ein kleines Buch bricht nun das große Tabu.    

eine profil-Reportage aus Heft 12/2005

“Komm in mein Zimmer, ich muss dir etwas erzählen“, sagte die Großmutter. „Aber nur, wenn du grad nichts zu tun hast.“ Die Enkelin Fethiye, 24 Jahre alt, hatte gerade die Aufnahmeprüfung an die Universität von Ankara geschafft, sie wollte Juristin werden. Die Oma, die nicht mal lesen konnte, war mächtig stolz auf sie. Niemals hätte sie Fethiye beim Lernen gestört.   Es musste wichtig sein.    

Sie setzten sich aufs Sofa, die alte Frau und die junge. Aber es ging nicht so schnell. Die Großmutter strich sich mit der Hand mechanisch den schwarzen langen Rock glatt, immer wieder. Die Augen fixierten starr das Muster der Tapete. Es musste raus, alles, und Fethiye fragte und drängte, doch nach sechzig Jahren Schweigen ist das Reden nicht so leicht.   

 „Mein Name war Heranus“, sagte die Greisin schließlich. „Meine Mutter hieß Isquhi, mein Vater Hovannes. Ich hatte zwei Brüder.“   Es war der Moment, in dem alle Lüge in sich zusammenbrach.   

 Fethiye Cetin ist heute eine energische, grauhaarige Frau, Anwältin in Istanbul. Vor fünf Jahren hat sie ihre heiß geliebte Großmutter begraben. Und sie hat ihre Geschichte aufgeschrieben: die Geschichte des zehnjährigen armenischen Mädchens Heranus, das 1915 in Ostanatolien den Massenmord an seinen Verwandten und Nachbarn miterlebte; das an der Hand seiner Mutter auf einen Todesmarsch geschickt wurde, bei dem hunderttausende vor Hunger und Erschöpfung starben; das schließlich von einem türkischen Gendarmen geschnappt, aufs Pferd gehoben und adoptiert wurde.    

Seher, „Morgenröte“, hieß sie fortan, konvertierte zum Islam, als Türkin wuchs sie auf, als Türkin behütete sie Kinder, Enkel und Urenkel, als Türkin legte man sie ins Grab. Das Geheimnis, dass sie einmal Heranus gewesen war, bewahrte sie eisern.    

Das Buch, das diese Geschichte erzählt, erschien vor drei Monaten. Es ist schmal und schlicht in der Wortwahl. Doch es sticht tief in die verdrängte Geschichte der türkischen Nation. Was 1915 in Anatolien geschah, die systematische Vertreibung der armenischen Minderheit, kommt in der offiziellen Geschichtsschreibung des Landes schlicht nicht vor. Der Massenmord an Männern, Frauen und Kindern ist bis heute ein Tabu.   Seher, die einmal Heranus gewesen war, flüsterte, als sie davon erzählte.    

Es muss Frühling gewesen sein in ihrem Heimatdorf Habab bei Palu, die Felder waren grün, an das genaue Datum erinnerte sie sich nicht. Die Gendarmen kamen, trieben alle Männer auf dem Dorfplatz zusammen, banden sie an den Händen aneinander und führten sie weg. Frauen und Kinder hockten im Hof der Kirche, unter blühenden Bäumen. Eines der Mädchen schaute über die Mauer. „Sie schneiden den Männern die Kehlen durch und werfen sie in den Fluss“, sagte sie.    

Dann trieb man die Frauen davon. Durch geplünderte Dörfer zog ihre Karawane, bis nach Syrien sollten sie gehen, wer nicht weiterkonnte, wurde mit dem Bajonett erstochen und blieb am Wegesrand liegen. Die moslemischen Bauern beobachteten den Elendszug mit einer Mischung aus Neugier und Verachtung. Sie musterten die Kinder. Mutter Isquhi, zwei Kinder an der Hand und eines auf dem Rücken, wollte Heranus nicht hergeben, als der Gendarmenkommandant auf dem Pferd kam. „Gib sie ihm“, sagte eine Tante. „Keine von uns wird das hier überleben.“   

 In der Schule hatte die Musterschülerin Fethiye nichts von alldem erfahren. “Über die Szenen, die meine Großmutter schilderte, legte sich die Erinnerung an mich selbst, wie ich am Nationalfeiertag die Gedichte über unser Heldentum und unsere glorreiche Vergangenheit aufsagte“, schreibt sie. „Ich konnte am besten lesen, die Lehrer wählten immer mich dafür aus, und ich tat es mit Stolz.“ Wie passte das bloß zusammen?  

 Fethiye Cetin ist eine gerechtigkeitsliebende Frau, die für das Recht auf Meinungsfreiheit während der türkischen Militärherrschaft mehrere Jahre im Gefängnis saß. Doch hier hält sie sich mit Anklagen zurück. Den Begriff „Völkermord“ verwendet sie nicht, und auch in den Streit um die Opferzahlen will sie sich nicht einmischen. Wer „Völkermord“ sagt, weiß, dass er in der Türkei immer dasselbe provoziert: Schuldzuweisungen, Aufrechnungen, Abwehr. „Es wird immer nur um Wörter gestritten“, sagt die Anwältin leise, „das führt zu nichts. Erst müssen wir wissen, was geschehen ist. Nachher können wir in Ruhe versuchen, dafür die richtige Bezeichnung zu finden.“    

Mit dieser persönlichen Herangehensweise hat sie, scheint es, einen Nerv getroffen. Ihr Buch wird von Hand zu Hand gereicht, und viele, viele erkennen Bruchstücke aus ihren eigenen verdrängten Familiengeschichten wieder. „Dieses Buch ist ein Geschenk“, sagt Karin Karakasli, Mitbegründerin der armenischen Wochenzeitung „Agos“. „Es hat Worte gefunden für das, was hier keiner sagen kann.“   

„Agos“ versucht, den Resten der Minderheit im Land eine Stimme zu geben, und Karin ist eine von etwa 60.000 Armeniern, die heute in Istanbul leben. Mehrheitlich gehören sie zur Mittelklasse, sind wohlhabend und gebildet und haben über die ganze Welt verstreute Familien. Im Alltag, hört man von jedem, den man fragt, gebe es keinerlei Probleme zwischen Türken und Armeniern. Bedingung für das gedeihliche Auskommen ist allerdings: nicht an der Vergangenheit zu rühren, die magische Zahl 1915 nicht zu erwähnen und nicht mit Nachdruck auf der eigenen Verschiedenheit zu bestehen.   

 „Wir sind assimiliert und dadurch verwundbar“, sagt Karin. Ihre Zeitung ist zweisprachig, denn die meisten Armenier beherrschen ihre Schrift nicht mehr. Es gibt 18 armenische Schulen, in denen, neben dem türkischen Lehrplan, auch Armenisch gelehrt wird, doch dort wird nur aufgenommen, wer eine lupenreine armenische Herkunft nachweisen kann. Private Vereine, Sommercamps für Kinder oder Studienkreise wurden schon in den sechziger Jahren wegen „antitürkischer Propaganda“ verboten. „Armenisch ist eine Fremdsprache“, sagt Karin, „ganz normal reden kann es hier keiner.“ Das liege an der allgegenwärtigen Paranoia – auf beiden Seiten: „Die Türken fühlen sich immer gleich angegriffen und die Armenier an ihr Trauma erinnert.“   

 Außerhalb von Istanbul ist vom armenischen Erbe praktisch nichts mehr übrig. Wer durch Ostanatolien reist, stößt immer wieder auf die Ruinen von Klöstern und Kirchen, in denen Ziegen schlafen oder kurdische Bauern ihre Wäsche aufhängen. Reisende finden solche Orte bloß zufällig, und auch die Einheimischen wissen über deren Geschichte nichts. So wie Heranus schwieg, so schwieg das ganze Land.    

Aber wo sind die Nachkommen der einst zwei Millionen Armenier geblieben? Jener, die nicht ermordet wurden; jener, die den Todesmarsch überlebten; jener, die nicht nach Amerika emigrierten und nicht nach Istanbul flohen? „Es muss hunderttausende von ihnen geben, dort draußen, aber die erreichen wir nicht“, sagt Karin.    

Dass es hunderttausende waren, die das Doppelleben ihrer Großmutter teilten, vermutet auch Fethiye Cetin. Laufend bekommt sie dieser Tage Briefe, Anrufe und Mitteilungen im aufgeregten Flüsterton: über die Urgroßtante, die kryptische Andeutungen über ihre Herkunft machte. Über den Schwager des Onkels, der armenische Lieder sang, wenn er sich unbeobachtet wähnte. Über einen geheimnisvollen Boten, der eines Tages vor der Tür stand und eine Erbschaft überbrachte, von angeblichen Verwandten, die niemand in der Familie kannte …    

Allein in jenem Dorf, in dem die Großmutter mit ihren neuen Eltern aufwuchs, gab es noch zehn andere armenische Adoptivkinder, unter ihnen Heranus’ Bruder. Die einen waren als Diener ins Haus geholt worden, andere als Erben für den Hof kinderloser Paare. Ihre schöne Tante Siranus wurde von einem Kurden zur Ehefrau gemacht. Sie trafen einander heimlich. Sie tauschten Neuigkeiten aus. Sie pflegten ihre religiösen Rituale. Es war eine Art geheimes Netzwerk, gepflegt mit einer Beharrlichkeit, deren Bedeutung sich den ahnungslosen Angehörigen nun erst im Nachhinein erschließt.   

 „Jedes Jahr im Frühling gab es einen Tag, an dem wir von einem Haus zum anderen gingen, um bei verschiedenen Bekannten unserer Oma Kuchen zu essen“, erinnert sich Fethiye Cetin. „Wir Kinder waren enttäuscht darüber, dass es überall den gleichen Kuchen gab. Erst heute weiß ich, dass das Ostern war.“ Erst heute weiß sie, was die Großmutter meinte, als sie ihr einmal wohlgefällig beim Mandolinespielen zuschaute und sagte: „Du schlägst nach meiner Seite.“    

Und erst heute weiß Fethiye Cetin, dass ihre Großmutter gar keine Analphabetin war. Sie fand einen Brief, den die achtjährige Heranus, als die Welt in Anatolien noch in Ordnung war, an ihren nach Amerika ausgewanderten Vater geschrieben hatte – in sauberer, fehlerfreier armenischer Schrift. Der Vater trug den Brief bis zu seinem Tod in seiner Sakkotasche bei sich. Er hatte in New York, auf der zehnten Avenue in Manhattan, einen Gemischtwarenladen aufgemacht und wollte seine Familie nachholen. Dann war 1915, und er hielt seine Kinder für tot.    

Die beiden haben es bis zuletzt nicht geschafft, einander wiederzusehen. Und Heranus, die nun Seher hieß, bestritt, jemals schreiben gelernt zu haben. Die armenische Sprache, erzählte sie ihrer Enkelin, habe sie vergessen, ganz und gar. „Sie hat sich alles ganz genau gemerkt“, glaubt hingegen Fethiye. „Sie saß oft in einer Ecke und hat Namen vor sich hergesagt, damit sie sie nicht vergisst. Sie hat alles für sich behalten, weil sie uns schützen wollte. Nicht nur vor Verfolgung, sondern auch vor dem Schmerz.“    

Es war eine Sache unter Frauen, die Erinnerungen zusammenzuhalten, über Generationen und Jahrzehnte hinweg. Karin hat eine Großmutter, von der „ich alles gelernt habe, was ich über die armenischen Traditionen weiß“, und Fethiye ist heute noch stolz darauf, von ihrer Oma zur Geheimnisträgerin auserwählt worden zu sein. Sie hat den Auftrag erfüllt: Sie hat Dokumente und Fotos zusammengetragen, die Reste der Familie in Amerika aufgespürt, sie hat Blumen auf das Grab ihres Urgroßvaters in New Jersey gelegt, und sie hat die Geschichte weitererzählt. 90 Jahre sind seit 1915 vergangen, sie hat keine Angst mehr.  

  „Die türkische Gesellschaft ist reif dafür, die Wahrheit zu erfahren“, glaubt Frau Cetin. „Und wenn sie sie erfährt, wird sie sich wundern, wie viel Armenisches in ihr steckt.“

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