Über die ewig vermessenen Versuche,
die ganze Welt in ein Magazin zu packen, das man dann mit sich
herumtragen kann.

Ein Profil-Essay über Auslandsreportagen aus dem Profil-Extra 45/2005

Die Welt beginnt in Erdberg, in der Hainburger Straße, gleich
draußen vor der Tür. Dort gibt es den türkischen Greißler und, gleich
daneben, den kettenrauchenden Trafikanten, der ausschaut, als
verberge er seine Geheimnisse gut. Am Eck das private Kreditinstitut
(„Geld sofort! Ohne Garantie!“) mit einem ebenerdigen, hinter Rollos
versteckten Beratungsraum: Ein staubiger Gummibaum und ein paar
fantastisch-realistische Kunstdrucke tun nicht mal so, als könnten
sie noch versprechen, dass alles wieder gut wird. Da ist Remy’s Beisl
mit dem Mittagsmenü um vier Euro, das auch vom Trafikanten gern
besucht wird. Und da ist der Fußpflegesalon Müller.

Dort, im Hinterzimmer, sitzt Wolfgang Sterba und hat die
Wirklichkeit am Telefon. Früher war er Fernsehtechniker, aber weil er
mit seinem Diabetes nicht mehr gut genug sieht, teilt er jetzt die
Hausbesuche der Fußpflegerinnen ein. Dabei erfahre man schon was
übers Leben, sagt er. Über die Wohnungen alter Menschen, die
Verwahrlosung, die Einsamkeit. Nicht einmal Strom habe eine
Stammkundin – da wärme die Kosmetikerin das Wasser immer auf dem
Holzofen. Es ist schwer, einen Terminplan zu machen, der auch hält,
denn wichtiger als die Fußpflege ist den Kunden die 30-minütige
Gelegenheit zum Reden. „Wir sind eher eine Art Sozialdienst“, sagt
Sterba, „wir hören Leuten zu, die schon lange nicht mehr rausgekommen
sind aus ihrer Welt.“ Deswegen schickt er zu alten Männern immer den
Chef persönlich. Die wollen nur über den Krieg reden, und das geht
mit den jungen Kosmetikerinnen nicht so gut.

Herr Sterba ist zufrieden mit seinem Leben. Es gab Zeiten, in
denen er Angst hatte, etwas zu versäumen, damals nahm er einen Job in
Stuttgart an. Er hat das Scheitern erlebt, mit seinem eigenen kleinen
Geschäft, das sich nicht halten konnte. Er wünscht sich mehr Hilfe
fürs Kleingewerbe, und er wünscht sich endlich ein Enkelkind.

Man kann, von der Hainburger Straße, dann auch noch weiterfahren,
die Donau entlang flussabwärts, an der Ölraffinerie vorbei, und in
Schwechat in ein Flugzeug steigen, irgendwohin, wo die Orte
exotischere Namen haben. Aber die Art, wie die Menschen dort über ihr
Leben erzählen, wird sich nicht grundlegend von jener in Erdberg
unterscheiden. Es wird auch dort um Krisen gehen, um Entscheidungen,
die sie irgendwann in ihrem Leben getroffen haben, um Hoffnungen,
Zufälle, Sehnsucht und Irrtümer.

Jetzt oder nie

Das heißt nicht, dass man am besten zu Hause bleibt, um die Welt
zu verstehen. Es gibt Orte, an denen sich einzelne, zufällige
Geschichten ineinander verknoten, zu etwas Besonderem,
Zwangsläufigem, das erzählt werden muss. Das sind die so genannten
„historischen Momente“, in denen nichts mehr so ist, wie es eben noch
war. Wenn die alltägliche Normalität in Grausamkeit kippt. Oder wenn
man, umgekehrt, von einem Augenblick auf den anderen spürt, dass die
Angst vorbei ist.

„Es hat so kommen müssen“, sagen die Menschen dann, weil ihnen
nichts Besseres einfällt.

Plötzlich hörten die Tutsis, die das Machetenmassaker in Ruanda
überlebt hatten, nur noch das Zirpen der Grillen in der Stille – und
wussten, dass alle anderen tot waren, die Mörder geflohen, und dass
sie aus ihren Verstecken herauskriechen konnten. Irgendwann, nach dem
Tsunami, kamen die Fischer von Sumatra mit ihren Booten zum Strand
zurück und sahen, dass ihre Frauen, ihre Kinder, ihre Enkel, ihre
Hütten, kurz: dass ihr ganzes Leben weg war. Und irgendwann starrten
die coolen Galeristen von Soho in den Septemberhimmel über Downtown
Manhattan, in das Loch, wo einst das World Trade Center stand, und
spürten eine bis dahin ungekannte Angst hochsteigen: Kann es sein,
dass uns jemand hasst?

Es geht um viel in solchen Momenten, denn dann werden
Entscheidungen gefällt, die noch lange fortwirken. Die jungen
Burschen, die als siegreiche Soldaten durch die Straßen einer eben
eroberten Stadt ziehen, schauen sich um. Zahlt es sich aus, an den
Besiegten Rache zu nehmen? Oder dreht sich der Wind? Der
Straßenpolizist in Kinshasa weiß, dass die Rebellen wenige Kilometer
vor der Stadt stehen. Wie lange verteidigt er seinen Posten, seinen
Arbeitgeber, sein System, und in welchem Moment läuft er über und
steckt sich den Reisigzweig, das Erkennungszeichen der Opposition,
hinter den Scheibenwischer?

Es kann schnell gehen, ob im Kongo, im Kosovo oder in der Ukraine.
Eben noch war die Macht unantastbar. Plötzlich ist sie weg.

Hin und weg

So groß Geschichte ist, so banal können die Umstände sein, unter
denen man über sie berichtet. Viel mehr als einen Bleistift, ein
Münztelefon und ein Bündel Geld in der Tasche braucht man dafür
eigentlich nicht.

Doch, natürlich gibt es die journalistischen Rollkommandos, die
mit Fanfaren Einzug halten wie in einer Gladiatorenarena.
Insbesondere die umhegten Star-Reporter amerikanischer
Fernsehstationen reisen nie ohne ein ganzes Heer von Rechercheuren,
Logistikern und anderen Wohlfühl-Beauftragten. Bevor sie eintreffen,
werden schon eilig ganze Zeltdörfer aufgebaut, mit armdicken
Kabelsträngen, Hektolitern Trinkwasser, einer kompletten Campingküche
samt Küchenchef sowie Security- und Müllbeauftragten.

Angesichts solcher rundum isolierter Festungen können
normalsterbliche Journalisten nur ungläubig staunen wie Dreijährige
vor dem Ringelspiel. Dann besinnen sie sich aber in der Regel auf
ihren Job und auf ihr gutes Schuhwerk – und ziehen los.

Schutzpatron all dieser Unauffällig-Armseligen ist einer der
Großmeister der Reportage, der Pole Ryszard Kapuscinski.
Jahrzehntelang arbeitete er als Afrika-Korrespondent für die
polnische Nachrichtenagentur PAP. Damals herrschte in Warschau noch
der reale Sozialismus, und der hatte keine westlichen Devisen fürs
Spesenbudget. Kapuscinski war an jedem Schauplatz stets der ärmste
Schlucker von allen: Wo die US-Kollegen Hubschrauber charterten,
konnte er sich nicht einmal den Mietwagen leisten – und fuhr,
gemeinsam mit Bauern und Ziegen, mit dem öffentlichen Autobus.

Kapuscinski haderte nicht, denn er wurde reich belohnt. Denn wo
erfährt man besser, was die Menschen denken, als auf einer
stundenlangen holprigen Fahrt über staubige Landstraßen?

Einer ähnlichen Philosophie hängt auch profil-Korrespondent Gregor
Mayer an. Legendär sein Lada vergessenen Baujahrs, der Motor
funktionstüchtig, die Lackfarbe hingegen unbestimmbar. Das ist nicht
Understatement, es ist Absicht. Mayers Lada fuhr unbehelligt zwischen
den Fronten aller Jugoslawienkriege, er fuhr auf dem Landweg bis nach
Bagdad und selbst dort noch durch die Straßen, als sich kaum ein
Ausländer mehr aus dem Hotel traute. Der Lada zog nie Blicke auf
sich, provozierte kein Misstrauen bei den Einheimischen, bewahrte das
Geheimnis, dass sein Besitzer wahrscheinlich viel Geld bei sich trug,
und weckte keine Wut.

Wenn Mayer gleichzeitig die Verwilderung seines Bartes und die
Schmutzschicht auf den Scheiben pflegte, verriet nichts, aber auch
gar nichts mehr den Ausländer oder gar den Journalisten. Dann erst
war er richtig angekommen.

Tarnen und täuschen

Leser haben gelernt, dem zu misstrauen, was sie lesen. Sie tun das
zu Recht. Nicht, dass sie von Medien laufend wissentlich und
absichtlich belogen würden. Doch es stimmen allzu oft die Maßstäbe
nicht: Irrelevantes wird aufgeblasen, Normales dramatisiert,
Wichtiges kleingeredet. Und je weiter weg das Land, desto schwieriger
die Einschätzung, was man glauben darf.

Hype existiert nicht bloß im Pop oder im Lifestyle-Journalismus.
Er bestimmt auch die internationale Politik, und hier wie dort gibt
es Trendsetter, nach denen sich richtet, was Bedeutung erhält.
Kindersoldaten, Mädchenhandel, Neonazis, Öl – oder die Knappheit des
Trinkwassers? Darfur, Usbekistan, Ostdeutschland, die Roma-Frage –
oder doch eher der ganz normale Wahnsinn im Irak?

Es gibt keine neutralen Kriterien, nach denen sich die Wichtigkeit
einer Krise bemisst, weder für Medien und Hilfsorganisationen noch
für Leser und Spender. Die absoluten Opferzahlen sind es ebenso wenig
wie die Entfernung des Schauplatzes in Kilometern. Im Nahost-Konflikt
kamen seit 1996 einige tausend Menschen um, im Kongo-Krieg im
gleichen Zeitraum geschätzte 3,8 Millionen. 2900 ermordete
Taliban-Gefangene, die in einem Massengrab bei Herat gefunden wurden,
sorgten für deutlich weniger Ergriffenheit als die 2900 Terror-Opfer
vom 11. September. Zehntausende Menschen verloren im Bürgerkrieg auf
Sri Lanka ihre Häuser; doch erst jene, die durch den Tsunami ihre
Häuser verloren, bekamen neue.

Ist eine Krise als „dramatisch“ identifiziert, sind erst einmal
die Kolonnen an konkurrierenden Berichterstattern losgeschickt – dann
muss die Story auch halten, was sie verspricht. Wer mit hunderten
Kilo Ausrüstung eingeflogen ist und sich eine Suite im hoffnungslos
überbuchten einzigen Luxushotel der Region gesichert hat, steht unter
Erwartungsdruck. Wer schickt da schon, zusammen mit der
Spesenabrechnung, Berichte heim, dass vor Ort eigentlich alles so ist
wie immer?

Der sportliche Charakter, der diesem Wanderzirkus anhaftet, kann
lächerlich sein. Als die Presse während des Afghanistan-Kriegs
wochenlang in Pakistan festsaß, ohne eine Ahnung, was jenseits der
Grenze eigentlich los war, kam alle paar Tage jemand auf die
glorreiche Idee, sich einfach unter einer Burka ins Land zu
schleichen. Die grobschlächtigen Männer, oft 1,90 Meter groß, hätten
sich sehr gewundert zu erfahren, dass männliche Afghanen nach Jahren
der Übung gelernt hatten, am Gang, an den Schuhen und den
Bewegungsmustern von Frauen nicht nur deren Alter und Statur, sondern
auch deren Status, Clanzugehörigkeit und Bildungsschicht abzulesen.

Am Tag eins nach dem NATO-Einmarsch im Kosovo, als die letzten
serbischen Freischärler noch eilig ihre Beute, Kühlschränke und
Fernseher, auf ihren Autos festzurrten, standen die eilig
herbeigeeilten Berichterstatter aus der ganzen Welt vor dem einzigen
großen Hotel der Stadt, dem Grand. Je fremder ihnen der Ort war,
desto größer die Angst, den Anschluss an den Hype zu verpassen.
„What’s the story today? What’s the program?“, schauten sich fragend
die Japaner in der Lobby um, so als handle es sich um eine
akademische Studienreisegruppe, und liefen erleichert jedem
hinterher, der „Die Massengräber! Hierher!“ rief.

Selbstverständlich gab es im Kosovo Massengräber. Aber nicht so
viele, wie in diesen ersten Tagen aufgeregt gefunden wurden, überall
wo ein Ziegen- oder Hundeknochen lag. Ähnliches gilt für den
„süßlichen Leichengeruch“, der weltumspannend sofort als
charakteristisch erkannt wird, auch wenn gerade nur Bananen faulen
oder Dung verbrennt.

Ursache und Wirkung

Obszön wird es, wenn Berichterstattung das, worüber sie sich
entrüstet, gleich miterzeugt. Wie viele Steine sind schon geworfen
worden, weil sich der Steinewerfer in seiner Pose gefiel? Wie viele
Fahnen wurden schon verbrannt, weil gerade eine TV-Kamera in der Nähe
war? Kaum etwas ist gefährlicher als ein Pubertierender, der, mit
schweren Waffen behängt und vielleicht auch noch betrunken, an einer
Straßensperre steht und vor seinen Freunden den starken Mann spielt.
Jeder Journalist, der ihn ersucht, fürs Foto möglichst martialisch
dreinzublicken, bestärkt ihn in seinen Allmachtsfantasien.

Man muss seinen vorgefassten Erwartungen nicht unbedingt
hinterherfahren. Man kann sich sogar drüber freuen, wenn sie über den
Haufen gestoßen werden, von einer Wirklichkeit, die sich nicht ans
Drehbuch halten will. Michael Lewis ist es so ergangen, einem
Reporter der „New York Times“, der nach dem Hurrikan Katrina in seine
Heimatstadt New Orleans zurückkehrte – „nach Hause watete“, wie er
sagt. Der TV-Hype hatte ihn darauf vorbereitet, was ihn erwarten
würde: marodierende Gangs, Plünderer, die alles ausräumten, was nicht
niet- und nagelfest war, „verrückte Schwarze mit Maschinengewehren,
die Jagd auf die letzten Weißen machen“. Anarchie, Gewalt und Chaos.

Die Stadt, die Lewis fand, war anders: die schönen Häuser im
Garden District unberührt; selbst Wasserflaschen und Nahrungsmittel,
die man durch die Fenster von außen sehen konnte, standen noch da.
Der Weg zwischen hier und den Epizentren des angeblichen Horrors, der
Superdome-Halle und dem Convention Center, war trocken, durch nichts
blockiert, und wäre in einem „schönen einstündigen Spaziergang“
zurückzulegen gewesen. Niemand hatte es versucht. Die Bilder der
Plünderer, die im Fernsehen gezeigt wurden, stellten sich als
Endlosschleifen von wenigen, immer gleichen Szenen heraus. Fast alle
angeblich aufgebrochenen Läden, die Lewis aufsuchte, waren
unversehrt.

Es hatte, so die Botschaft seiner großen rückblickenden Reportage,
die im Oktober im „New York Times Magazine“ erschien, so etwas wie
einen Rückkoppelungseffekt gegeben: Die hysterischen Fernseh-und
Radioberichte, die auch in der Stadt empfangen wurden, hatten die
Menschen erst dazu gebracht, sich zu bewaffnen, einzubunkern und
überall Gefahr zu wittern. Die israelischen Spezialkommandos, die in
Erwartung eines tobenden Mobs in voller Kampfmontur im Tiergarten von
Audubon aus den Gefechtshubschraubern sprangen, wurden von einem
verschreckten, einsamen unbewaffneten Tierpfleger empfangen.

Und der fragte sich zu Recht: Wieso schickt ihr statt Hilfe bloß
ein Anti-Terror-Bataillon?

Zu früh, zu spät

Dem Leser stünde eine ähnliche Frage zu: Wieso erzählt ihr mir
statt dem, was ist, bloß das, was ihr immer schon wusstet? Wer das
Klischee sucht, wird das Klischee finden. Allen anderen empfiehlt
sich eine relativ simple Methode, mit der Welt umzugehen: an die
falschen Orte fahren, zum falschen Zeitpunkt, zu früh, zu spät.
Rennen plötzlich alle in eine Richtung, bleibt man am besten einfach
mal stehen.

Man wird sich dann wundern, wie viel es von dort zu berichten
gibt, wo man sich zufällig gerade befindet.

Es ist nämlich eine eigenartige Sache mit dem Leben: Man kommt ihm
gar nicht so einfach aus.

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