Was bürgerliche Hofräte und türkisch-pubertierende Radaubrüder gemeinsam haben

Wenn sich Kriegsreporter in diesen Tagen langweilen, müssen sie bloß ihre kugelsicheren Westen anziehen und in die Berliner U-Bahn steigen. Neukölln: Da fliegen angeblich die Steine, da toben die Prügler hinter dem Schulzaun. Ein bisschen haben die Kameraleute, voller Angstlust, wohl noch nachgeholfen – mit dem Versprechen von fünf Sekunden Fernsehruhm.

Schaut her, plärrt es seither allerorten: So sieht sie aus, die Parallelgesellschaft, knapp bevor Deutschland vor die Hunde geht, voll krass. Vielleicht trauen sich die Kriegsreporter demnächst sogar nach Ottakring. Und dann bumm!

Halten wir mal kurz die Luft an und hören den Kids eine Sekunde lang zu. Respekt! fordern sie. Das ist der Schlachtruf pubertierender Türken in Berlin, so wie es einst der Schlachtruf der Rapper war, in den Gassen der South Bronx. Respekt! ist gleichzeitig eine zutiefst bürgerliche Tugend. Respekt! sagt der Herr Professor scharf, wenn er in der Straßenbahn angerempelt und mit Ketchup angepatzt wird. Respekt! zischt die Studienrätin, wenn hinter ihrem Rücken abfällig getuschelt wird.

Respekt! heißt: He, ich bin auch noch da. Du hast mich übersehen. Nimm mich ernst. Hör mir zu. Schau mich an.

Wer verdient, in bester bürgerlicher Tradition, Respekt? Die staatlichen Autoritäten, der Lehrer, der Polizist. Wer sind diese Autoritäten, in Neukölln oder in Ottakring? Türkische Namen haben sie jedenfalls nicht, kein einziger von ihnen. Der Journalist, der Magistratsbeamte, der Jugendrichter ebensowenig.

Aus der Perspektive der Radaubrüder stellt sich die Welt der Autoritäten, des Respekts und der Regeln daher recht eindimensional da: Das System, das sind die anderen. „Wir werden Hartz IV“, sagen sie, nach ihrem Berufswunsch gefragt, wir sind der Ausschuss, eine andere Rolle ist für uns ohnehin nicht vorgesehen. Also scheiß drauf.

So ist das in Neukölln, in Ottakring und in der Banlieue von Paris. Aber so ist das nicht überall. Wenn in Kalifornien in diesen Tagen im Fernsehen über die Massendemonstrationen illegaler Einwanderer berichtet wird, dann hat die Fernsehmoderatorin mit hoher Wahrscheinlichkeit einen mexikanischen Namen. Der Polizist, der bei der Demonstration für Ordnung sorgt, und der Kongressabgeordnete, der über die Verschärfung der Einwanderungsgesetze abstimmt, ebenso. Sogar die alleroberste Autorität, der Gouverneur, heißt Schwarzenegger und ist ein Einwanderer der ersten Generation.

Es ist, im Vergleich, eine vernichtende Bilanz für Deutschland und Österreich: Ein halbes Jahrhundert, drei Generationen nachdem die ersten Einwanderer aus der Türkei kamen, hat kaum einer von ihnen den sichtbaren sozialen Aufstieg zur beamteten, staatlich anerkannten Respektsperson geschafft. „Die wollten halt nicht“, ist dafür eine allzu billige Erklärung,

Körperliche Gewalt, schreibt der Sozialforscher Ferdinand Sutterlüty in der „Zeit“, sei für Ohnmächtige eine Machterfahrung. Mit Gewalt kann ein Jugendlicher anderen „angstvolle Respektbekundungen“ abzwingen.

Wenn das die einzige Art Respekt ist, auf die er in Ottakring realistischerweise hoffen kann, haben wir etwas falsch gemacht.

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