Christliche Werte sollen Deutschland retten. Meint das die sonst so patente Familienministerin tatsächlich ernst?

Sibylle Hamann

Werte sind super. Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft, Mut und Verantwortungsbewusstsein: ja, das schätzen wir. An unseren Nachbarn und Politikern, in unserem Gemüseladen und an der Straßenkreuzung, im Büro und daheim.

Die deutsche Familienministern Ursula von der Leyen hat also ganz recht, wenn sie den Kindern Werte beibringen will. Das „Bündnis für Erziehung“, das sie vergangenen Donnerstag in Berlin präsentierte, hat Großes vor: Der „inneren seelischen Armut“ entgegenzuwirken, Menschen dabei zu helfen, eine „gefestigte Haltung zu entwickeln“, vom Kindergarten an. Das ist schön, das ist wichtig, also wünschen wir der Ministerin von Herzen, dass sie etwas zustande bringt.

Bloß: Wer stand denn da, bei der Präsentation dieses ehrenwerten Projekts, neben ihr?

Es waren der katholische Berliner Kardinal, die evangelische Bischöfin von Hannover – und sonst niemand. Das „Bündnis für Erziehung“, das Deutschland retten soll aus Zukunftsangst und Integrationsproblemen, aus Selbstzweifeln und Werteverfall, ist eine exklusiv kirchliche Veranstaltung.

Und das ist, gelinde gesagt, eine Anmaßung.

Natürlich ist nichts, aber auch gar nichts einzuwenden gegen die christliche Idee der Nächstenliebe, im Schulalltag ebensowenig wie auf der nächstgelegenen Polizeidienststelle. Es sei einer CDU-Politikerin auch unbenommen, zu beten und zu lieben, so viel sie will. Frech ist bloß die Unterstellung, Anstand sei zuvorderst eine christliche Errungenschaft.

Es gibt auf der ganzen Welt keine Kultur ohne Ethik und ohne ein kompliziertes gesellschaftliches Regelsystem. Ehrlichkeit ist auch für einen Hutu eine Tugend, Hilfsbereitschaft wird in Ulan Bator ebenso geschätzt wie in Gelsenkirchen, Mut steht bei jedem Cherokee hoch im Kurs, und wenn ein Usbekenkind Verantwortungsbewusstsein zeigt, ist seine Mutter stolz. (Dass ihr Regelsystem die Hutu nicht vom Massenmord abhielt, ebensowenig wie das Prinzip der Nächstenliebe blutige Feldzüge im Namen der katholischen Kirche verhindert hat, sei hier nur am Rande angemerkt.)

Um in Deutschland zu bleiben: Wenn deutsche Bürger nicht täglich tobend übereinander herfallen, dann tun sie das aus tausend Gründen – aus atheistischer Toleranz, aus Angst vor dem Gefängnis, aus Feng-Shui-Gelassenheit, aus der schlichten Alltagsweisheit heraus, dass man andere am besten so behandelt, wie man selbst behandelt werden möchte. Gottesfurcht ist ganz nett, hat, unterm Strich, aber zur Entwicklung zivilisatorischer Standards wohl nicht mehr beigetragen als die französische Revolution, die Arbeiterwohlfahrt, die Frauenbewegung oder die Charta der Menschenrechte.

Nein, Deutschland ist kein Gottesstaat. Frau von der Leyen hat Unrecht, wenn sie keck behauptet, das deutsche Grundgesetz fasse im Prinzip „bloß die zehn Gebote zusammen“. Es ist die Verfassung eines weltlichen, bürgerlichen Rechtsstaats. Und zur Frage, wie man Kinder am besten zu mündigen Bürgern erzieht, hat jede couragierte, erfahrene Pädagogin mehr beizutragen als ein kinderloser katholischer Bischof.

Man möchte hinzufügen: Gott sei Dank.

 

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