Hüten Sie sich vor Menschen, die immer meinen, dass alles mit allem zusammenhängt.

Sibylle Hamann

Mahmud Ahmadinedschad, der iranische Präsident, hat dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ ein Interview gegeben. Das ist etwas Besonderes. Allzuviele Westler hat der Mann mit dem adretten Seitenscheitel noch nicht an sich herangelassen. Dementsprechend erhellend ist auch der seltene Blick in seine Gedankenwelt.

Wirr, wie man aus sicherer Distanz oft meint, ist in diesem Kopf nämlich gar nichts. Im Gegenteil: In diesem Kopf herrscht klarste Ordnung. Die Welt, wie Ahmadinedschad sie sieht, wird beherrscht von einem raffinierten Zionistennetzwerk, das Deutschland, die USA und den Rest der westlichen Welt erpresst und in ideologischer Geiselhaft hält. Der Vorwand dafür sei der „angebliche Holocaust“, ein Dogma, das bis heute nicht „unparteiisch überprüft“ werden dürfe, und das in erster Linie dazu diene, die moslemische Welt zu knechten.

Einem besonders raffinierten Drehbuch folgten in dieser Weltsicht die Attentate von 9/11: Die heckten „westliche Geheimdienste“ aus und schoben sie einem unbedarften Handlanger namens Mohammed Atta in die Schuhe, um einen Vorwand für den Vernichtungsfeldzug gegen Afghanistan, den Irak, Palästina und demnächst auch den Iran zu konstruieren.

Man hört so etwas in moslemischen Ländern jeden Tag auf der Straße, man liest es dort, ganz selbstverständlich, in der Zeitung, und erschrickt dann kurz. Wie allgegenwärtig die 9-11-Verschwörungsthese in weiten Teilen der Welt ist, wie stark sie den arabischen Blick auf uns mittlerweile prägt, hat sich hier noch nicht recht herumgesprochen.

Es ist ein unheimliches Ressentiment, das da wächst; eines, das von Ohnmachtsgefühlen und Demütigungen genährt wird. Wer an Verschwörungstheorien glaubt, traut dem Gegner unendliche Raffinesse und Überlegenheit zu: Den Zionisten soll es sogar gelungen sein, das Vogelgrippe-Virus so zu manipulieren, dass es nur palästinesische Hühner befällt. Jeder nüchterne Einwand ist da sinnlos. Er ist, im Gegenteil, bloß ein weiterer Beweis dafür, von Verschwörern umzingelt zu sein.

Kann man das alles als harmlosen, schrulligen Spleen abtun? Nein. Denn nichts kann so brutal sein wie die Aggressivität jener, die sich auf Dauer unverstanden fühlen.

Der Entlarvung des allmächtigen Netzwerks folgt nämlich, gedanklich zumindest, immer auch die wollüstige Sehnsucht nach dem nächsten Schritt, dem Befreiungsschlag. „Wir müssen die Probleme an den Wurzeln lösen“, sagt Ahmadinedschad. Den Strippenziehern wird die Maske vom Gesicht gerissen; der Knoten der Lüge wird mit dem Schwert durchschnitten. Ein bisschen Apokalypse, ein bisschen Amok schwingt da mit, und deswegen ist es immer von Vorteil, wenn Verschwörungstheoretiker keine geladene Waffe bei sich haben.

Im praktischen Alltag bedeutet das: Hüten Sie sich vor Menschen mit dem bedeutungsvoll-eingeweihten Blick. Rücken Sie sofort ein Stückchen weg, sobald Ihnen jemand, ganz im Vertrauen, zuraunt, dass eigentlich alles mit allem zusammenhängt. Solche Menschen sind meistens gefährlich.

Vertrauen Sie stattdessen einer simplen Grundregel, Daumen mal Pi: Die Wahrheit ist fast immer banaler als man denkt.

 

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