Warum fürchtet sich eine christlich-konservative Partei vor religiös-konservativen Österreichern?

Sibylle Hamann

Vielleicht lehnt sich Andreas Khol, nach getanem Tagwerk in seinem Rosengarten, manchmal in seinem Lehnstuhl zurück, hört den Grillen beim Zirpen zu und hängt Gedanken nach. Gattin Heidi bringt dann eine Kanne dampfenden Kräutertee, aus selbst gezogenen Kräutern. Es duftet, wie es nur zu Hause durften kann.

Khol, Präsident des österreichischen Nationalrats und katholisches Tiroler Urgestein, lässt dann zufrieden den Blick schweifen – über die wärmenden Glashäuser, in denen seine Zitronenbäumchen überwintern, und über die liebevoll gehegten Rosensträucher. Er freut sich auf das Rosenöl, das er auch heuer wieder selbst herstellen wird, es ist sein ganzer Stolz.

Der Herrgott meint es gut mit mir, denkt er. Es ist ein schönes Leben. Und es ist ein gutes Land.

Vielleicht schweifen Khols Gedanken dann weiter. Was ist es eigentlich, was ich an Österreich und seinen Menschen so schätze? Die Disziplin, die Pünktlichkeit, die Ordentlichkeit. Schon fein, dass diese Tugenden hier noch gepflegt werden, anderswo macht man sich über so etwas lustig. Auch die religiöse Erziehung der Kinder und Enkel ist wichtig. Man braucht schließlich Halt im Leben, und man sieht ja, wie Zügellosigkeit und Moralverwirrung die jungen Leute unglücklich macht. Ein bisschen ein größerer Einfluss der Religion auf Politik und Gesellschaft täte uns wahrscheinlich allen gut. Nicht wahr, Heidi?

Es gibt nämlich, spinnt er den Gedankengang weiter, schon einige Dinge in Österreich, die mir Sorgen machen. Die mangelnde Solidarität zum Beispiel. Das schlechte Familienleben, die mangelnde Kontaktfreude, die schlechte Nachbarschaft. Die Art der Kindererziehung gefällt mir oft nicht. Der geringe Familienzusammenhalt, und natürlich, der mangelnde Respekt vor älteren Menschen. Damit tun wir unserer Gesellschaft nichts gutes, gell, Heidi?

Sag, wo wir schon so am Sinnieren sind: Hältst du mich eigentlich eher für einen traditionell-Konservativen, mit einer konservativen Grundhaltung hinsichtlich Erziehung und Lebensumfeld, geprägt durch kulturell-religiös tradierte Werte? Oder bin ich eher ein religiös-Konservativer, mit einer strengreligiösen Lebensweise im Alltag, einer konservativen Auslegung des Glaubens, bei dem religiös-kulturelle Werte dominieren? Oder sind wir zwei einfach nur ein bisserl altmodisch?

Gattin Heidi wird dann fürsorglich Tee nachschenken und ihrem Mann die Hand tätscheln. Dann werden sie beide, wohlig ermattet vom Tagwerk an der frischen Luft, in den Schlaf sinken.

Es sei ihnen von Herzen gegönnt.

Es ist ihnen allerdings auch zu wünschen, dass die Innenministerin an so diesem lauschigen Abend nicht mitgehört hat. Denn Liese Prokop hat vor Menschen, die so denken wie Andreas Khol, große Angst. Sie hat eine Studie machen lassen, aus der sie herausliest, dass Menschen mit solchen Ansichten „integrationsunwillig“ sind, zumindest eine „große Distanz“ zur Mehrheitsgesellschaft haben. Irgendwas haben sie auch mit den Terrorattentätern von London zu tun; was genau, kann sie allerdings nicht sagen.

Manchmal gibt einem die ÖVP Rätsel auf.

 

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