Evo Morales, der Indio-Präsident, enteignet die bösen Konzerne und trifft damit einen Nerv. Nicht nur der Linken.

Sibylle Hamann

Der Mann, der ausschaut wie ein Panflötenspieler aus einer beliebigen österreichischen Fußgängerzone, hatte diesmal einen weißen Arbeiterhelm auf, zur Feier des „Tages, auf den wir lange gewartet haben“. Neben ihm schepperte patriotische Musik, hinter ihm zog eine Fahne auf. „Verstaatlicht. Eigentum des bolivianischen Volkes“ stand drauf. Soldaten wurden losgeschickt, um 56 Öl- und Gasförderanlagen im ganzen Land zu besetzen. „Die Plünderung unserer Ressourcen durch ausländische Konzerne hat ein Ende“, sagte Präsident Evo Morales, und einige verdrückten ein paar Tränen der Rührung.

Verstaatlicht? Ausgerechnet am 1. Mai? So etwas war länger nicht mehr en vogue. Zumindest, wenn man von irgendjemandem auf der Welt ernst genommen werden wollte. Schneidende Verachtung wäre eben noch die normale Antwort auf solch populistische Keckheiten gewesen: Marsch in die Ecke. Sag Entschuldigung, sofort. Sonst setzt es was.

Seltsam, wie ungeschoren Morales jedoch in diesen Tagen davonkommt.

Alle schauen ein bisschen verdutzt, aber keiner scheint wirklich, richtig böse zu sein. Die EU wünscht sich „nähere Informationen“, Washington ist nicht erfreut, die Energiekonzerne, allen voran die brasilianischen, die in Bolivien am meisten investiert haben, wollen mal schauen, ob sie mit den neuen Bedingungen, die ihnen in den nächsten 180 Tagen diktiert werden, klarkommen oder lieber das Land verlassen.

Und jene Zeitungen, in denen sonst der schneidige Neoliberalismus paradiert, wiegen diesmal bloß skeptisch den Kopf, rechnen väterlich-besorgt vor, dass das alles sicher nicht funktionieren wird. Aber selbstgerechter ideologischer Geifer rinnt ihnen dabei nicht vom Kinn.

Könnte das daran liegen, dass der Mann mit dem Poncho bloß ausspricht, was die Mehrheit der Menschen inzwischen denkt?

Die Welt dort draußen ist kalt, ungerecht und gefährlich. Windige anonyme Börsenspekulanten beherrschen den Globus, sie beuten uns aus, und werden sich am Ende alles unter den Nagel reißen, was uns noch heilig ist: Längst ist dieses diffuse Unbehagen nicht mehr als „linksradikal“ oder als „rechte Blut- und Boden-Ideologie“ zu fassen. Es ist beides gleichzeitig, und noch mehr. Man kann es auf dem Schulhof hören oder beim Bridge-Abend im Seniorenheim, unter Josefstadt-Abonnenten ebenso wie bei der Antifa-Demo.

In Russland und im Iran; in Venezuela und im Weinviertel; ob es gegen Brüssel geht, gegen Amerika oder gegen den Kapitalismus im allgemeinen: Da wächst eine Sehnsucht, zusammenzurücken, sich einzubunkern, sich zu wärmen am nationalen Lagerfeuer. „Das war nur der Anfang“, sagt Morales, der schüchterne Mann aus dem Volk der Aymara, „als nächstes holen wir uns unsere Minen, den Wald und das Land zurück.“ „Unser Wasser“, heißt das beim Volk der Österreicher, „unsere Bauern“, „unsere Marmelade“.

Ist das gut oder schlecht? Ist es fortschrittlich oder reaktionär? Wahrscheinlich sind das längst die falschen Fragen. Es ist einfach so. Es ist Trotz, es ist Angst, und wer auf der Welt noch etwas werden will, wird mit diesen Gefühlen ab sofort umgehen müssen.

 

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