Martin Luther King gab lifestylemäßig nicht viel her. Doch an seiner Aura nascht man gern mit – gratis und ohne Risiko.

Sibylle Hamann

„Ich habe einen Traum“, rief Martin Luther King am 28. August 1963. „Dass eines Tages, in den roten Hügeln von Georgia, die Söhne früherer Sklaven mit den Söhnen früherer Sklavenhalter brüderlich am Tisch sitzen. Dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einem Land leben, in dem sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden.“ Es war der Höhepunkt der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, 250.000 Menschen waren, in oft tagelangen Märschen, nach Washington geströmt. King war ein baptistischer Prediger. Seine Stimme trug weit über das Lincoln Memorial, so als schöpfe sie Kraft aus ihrer historischen Aufgabe.

Martin Luther King sprach nicht aus Eitelkeit. Auch nicht, weil er reich werden wollte. Es war damals riskant, in der ersten Reihe zu marschieren. Es gab Attentate, heimtückische Lynchmorde, Polizeigewalt. Und viele, viele Rassisten, die es nicht ertragen konnten, einen Schwarzen aufrecht und furchtlos stehen zu sehen. Martin Luther King entschied, dass die Sache das Risko wert war.

Er war erst 39, als er, weithin sichtbar, vom Balkon des Lorraine-Motels in Memphis, Tennessee schaute. James Earl Ray drückte ab. Das Projektil bohrte sich in seinen Hals, Martin Luther King war sofort tot. Er hatte Amerika herausgefordert, indem er es an seinem ureigenen Versprechen maß: Freiheit.

Sein Kampf ist nicht ganz vorbei, in einem Land, in dem es schwarze Armenghettos gibt und die Polizei immer noch schneller schießt, wenn sie es mit Schwarzen zu tun hat. Aber manchmal, gar nicht so selten, sitzen die Kinder verschiedener Hautfarbe, von denen King einst träumte, tatsächlich am selben Tisch. Die US-Außenministerin ist eine Schwarze aus dem tiefsten Alabama – und jenseits der Frage, ob man ihre Politik gutheißt, kann man sagen: Sie wird respektiert.

Amerika ist also neu. Zumindest im Vergleich zu 1963, und darin stecken die Verzweiflung und der Mut einer ganzen Generation.

„Ich habe einen Traum“ steht in Österreich neuerdings an jeder Ecke auf einem Werbeplakat. Österreich wird neu, träumt der Verleger Wolfgang Fellner, die Schwarzweiß-Ästhetik deutet Historisches an, aber nein, keine Angst: Mutig müssen Sie diesmal nicht sein. Es steht nichts auf dem Spiel. Es geht um nichts außer um schlappe 9 Euro 90, die Sie herausrücken sollen, für ein superexklusives Probeabo, samt Robbie-Williams-Konzertticket (69 Euro in der Kombi), ein Traumhaus können Sie auch gewinnen.

Sie müssen sich, als Mann, auch nicht fürchten, wenn Fellners Ehefrau Uschi träumt, dass Österreich den Frauen gehört – sie meint es nämlich nicht ganz so. Sie träumt bloß von Beauty, Wellness und Lifestyle, es geht also auch hier um nichts. Entertainment bequem frei Haus, ohne jedes Risiko.

Es ist ein edler menschlicher Zug, sich in die Tradition einer großen Bürgerrechtsbewegung einzureihen, sich mit den Geknechteten und Unterdrückten öffentlich zu solidarisieren. Sich mit den Geknechteten und Unterdrückten zu solidarisieren, um Waschpulver oder Abos zum Vorteilspreis zu verklopfen, ist allerdings ein bisschen unappetitlich.

 

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