Mit der neuen Bahnlinie wird Tibet an die Moderne angeschlossen. Was ist daran schlecht?

Sibylle Hamann

Prinzessin Wencheng war dem tibetischen König Tsongzanganbo versprochen. Das war in der Tang-Dynastie vor 1300 Jahren. Die Prinzessin hatte hoffentlich eine gute Konstitution und war nicht allzu ungeduldig. Denn die Reise nach Tibet, zu ihrem Zukünftigen, dauerte drei ganze Jahre.

Ein paar Tage, immerhin, dauerte die Reise noch vor zwanzig Jahren. Da hatten die chinesischen Behörden kurz nicht aufgepasst, und schon machten sich, von Golmud aus, einem staubigen Fernfahrerkaff, Rucksacktouristen auf den Weg ins mythenumwobene Lhasa, einer Ameisenstraße gleich. Routiniert waren weder die Reisenden noch die Bereisten: Erstere stammelten hilflos Zeichensprache, letztere malten mit Stöckchen rätselhafte Antworten in den Sand. Es waren Begegnungen wie unter Aliens: Die junge Frau, die scheu bat, mir vorn ins T-Shirt schauen zu dürfen, um festzustellen, ob wir der gleichen Spezies angehören. Der Mönch, der andächtig das Wesen des Zippverschlusses erforschte.

Jetzt ist die Bahn eröffnet, die die Strecke in 12 Stunden schafft, Sauerstoffzufuhr inklusive. „Ein Meisterwerk chinesischer Ingenieurskunst“, preist sie die Regierung, 1142 Kilometer, 3,3 Milliarden Euro; sie soll Tibet Wohlstand bringen, Investitionen, Kohle, Stahl, eine Million Passagiere im Jahr, die Hälfte davon Touristen. Vor ein paar Tagen wurde außerdem der Nathu-La-Pass, der Grenzübergang ins indische Sikkim eröffnet – in zehn Jahren wird die Bahn bis Indien durchfahren. Dann ist der Wilde Westen endgültig an die Zivilisation angeschlossen.

Es tut irgendwie weh, das zu hören, und es ist gar nicht einfach, sich redlich darüber klar zu werden, warum es so weh tut. Es sind viele falsche Gefühle dabei: Die Eitelkeit, eine exklusive, mythische Erinnerung mit niemandem teilen zu wollen, schon gar nicht mit den Massen. Oder die Verklärung „kultureller Unberührtheit“, die gern übersieht, wie viel Brutalität in einer unberührten feudalen Kultur stecken kann. Oder gönnt man den Tibetern den Fortschritt einfach nicht? Sie sollen ohne Fließwasser und Schmerztabletten auskommen, ohne Mopeds und Telefon – bloß damit wir uns an ihrer pittoresken Armut sattsehen können?

Nein, das sind alles keine guten Argumente.

Es ist richtig, dass der chinesische Wirtschaftsboom seine grauslichen Seiten hat, dass es ökologischen Raubbau gibt und politische Repression – doch er ist ein Sog, dem sich Tibet nicht entziehen wird. Der Bahnhof von Lhasa, optisch dem Potala-Palast nachempfunden, wird 21.000 Quadratmeter Einkaufszentrum und Business-Lounges bieten. Gebetsfähnchen und Gebetsmühlen werden derzeit im Akkord produziert – der Tourismus, der sich bis 2010 verdoppeln soll, braucht frischen Tand, es werden mehrere Klöster neu aufsperren, um ihn zu vertreiben. Ganz echt ist da nicht mehr alles, aber wieso sollten buddhistische Mönche nicht dürfen, was Tiroler Schilehrer tun?

Sie können das alles buchen, den Fensterplatz um 40 Euro von Golmud nach Lhasa, oder den luxuriösen Salonzug mit Butlerservice. Es ist schon alles richtig so. Es gibt keine guten Gründe dagegen. Weh tut es trotzdem noch.

 

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