Moslems ziehen in Rekordzahlen nach Amerika – trotz allem, was war.

Sibylle Hamann

Der Gedenktag ist geschlagen, das Erwartbare gesagt. Wir haben nochmal die vom Donner gerührten Stimmen aus den Livesendungen von damals gehört. Wir haben Bilder von der klaffenden Lücke in Downtown Manhattan gesehen – seltsam eigentlich, dass dort immer noch kein Touristenpark samt Multimedia- Laser-Gedenkshow steht. Und der ORF hat Michael Moores „Fahrenheit 9-11“ gezeigt. Da konnte man sich wohlig-selbstgerecht im Sofa räkeln: So bescheuert, die Amis. So ein Verbrecher, dieser Bush. Was ich immer sag.

Das Unerwartbare hingegen stand dieser Tage in der „New York Times“. Eine Rekordzahl an moslemischen Einwanderern hat im letzten Jahr eine Aufenthaltsbewilligung in den USA bekommen. Unmittelbar nach 9-11 hatte es in der Statistik einen scharfen Knick gegeben: Die Zahl der Greeencards und Visa für Bürger moslemischer Länder brach um ein Drittel ein, jene der Studenten gar um die Hälfte. Nun jedoch geht es wieder steil bergauf.

Seltsam. Herrscht denn nicht Krieg zwischen Amerika und der islamischen Welt? Ein Kulturkrieg zumindest? Wie war das mit Misstrauen, Hass, Unvereinbarkeit der Lebensstile? Und ist das Ansehen der USA denn nicht auf dem absoluten Nullpunkt?

Eine kleine Geschichte aus Pakistan kann dieses Paradox illustrieren. Sie spielt in einer jener berüchtigten Koranschulen, in denen die Taliban heranwuchsen. Schießen lernten sie hier nicht, wohl aber ihre Ideologie.

Dort sitzt, kurz nach 9-11, der Schulleiter auf seinem Kissen. Stolz erzählt er, Osama bin Laden persönlich zu kennen – „der frömmste Mensch der Welt, höflich, unschuldig.“ Ebenso stolz diktiert er die Eckdaten seiner Mission: „Wenn Amerika den Islam angreift, werden wir kämpfen, bis zum letzten Blutstropfen. 12.000 unserer Studenten sind sofort dazu bereit. Für jede Moschee, die sie zerstören, werden wir eine Kirche zerstören.“

Und dann stellt er seinen Neffen vor: einen schüchternen, sanftmütigen 21jährigen mit wachen Augen. Der Neffe kümmert sich um die Computer der Koranschule, um das Internet, um all die Techniken eben, die man auch in Allahs Krieg gut brauchen kann. Er würde gern in New Jersey Informatik studieren. Er hat schon um ein Visum angesucht, aber die US-Botschaft ziert sich noch.

Der Neffe versteht das nicht. Er kann es gar nicht erwarten, endlich New York zu sehen – „das ist doch in der Nähe von New Jersey, oder?“ Es ist schon richtig, dass er Amerika hasst. Dort leben will er trotzdem. Und nein, das ist kein Widerspruch.

Die moslemischen Einwanderer, die die „New York Times“ befragte, sind keine Radikalen, aber durchaus amerikakritisch. Die meisten lehnen Bushs Politik im Mittleren Osten ab. Sie werden im Alltag ab und zu angepöbelt, auf Flughäfen endlos verhört, und fühlen sich manchmal gedrängt, ihre Namen von „Mohammed“ in „Moe“ umzuändern, von „Osama“ in „Sam“. Trotzdem haben die meisten das Gefühl, dass Amerika, anders als ihre Herkunftsländer, sein Verprechen auch einlöst: Arbeit, Freiheit, Respekt, einen Studienplatz jenseits der Koranschule.

Der „Kampf der Kulturen“ scheint in den Köpfen ein ziemliches Durcheinander anzurichten.

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