Warum eine Spende für arme Kinder nicht immer das beste für die Kinder ist

Sibylle Hamann

In Aneuk Batee, an der Küste der indonesischen Provinz Aceh, steht nun also ein Kärnter Geisterdorf. Gebaut mit Kärntner Spendengeld, zum höheren Ruhm des Kärtner Landeshauptmanns, zum Wohl indonesischer Waisenkinder, deren Eltern beim Tsunami vor zwei Jahren ums Leben kamen. Doch Waisenkinder sind noch keine eingezogen. Die zwölf Häuser stehen leer.

So etwas tut allen, die sich in der Katastrophenhilfe ein bisschen auskennen, weh. Es müsste nicht passieren. Doch es passiert viel zu oft.

Am Anfang der Geschichte steht stets ein ehrliches, edles Gefühl. Man nennt es, je nach Weltanschauung, Solidarität oder Nächstenliebe. Fernsehzuschauer sehen Bilder einer Katastrophe. Sie hadern mit der Unbarmherzigkeit des Schicksals, spüren Mitleid, wollen etwas tun. Der erste Impuls ist: Ich will so konkret helfen wie möglich. Am liebsten würde ich mein individuelles Care-Paket schicken, mit meinem Schipullover, Keksen, einem tröstenden Stofftier und einem persönlichen Begleitbrief, und möchte wissen, wer den Pullover dann trägt.

Jeder vernüftige Mensch unterdrückt diesen Impuls, weil er ahnt, dass so etwas nicht viel bringt. Unverantwortliche Wichtigtuer hingegen nützen diesen Impuls aus. „Wir machen unser eigenes, ganz konkretes Projekt“, versprechen sie, „ohne Verwaltung, ohne Profis, nur so von Mensch zu Mensch“. Unser Kärnten-Dorf eben. Unser Österreich-Spital. Unser Wasweißich-Waisenhaus.

Man muss einmal erlebt haben, wie ratlos die Abgesandten solcher Wichtigtuer in einem Katastrophengebiet, das sie noch nie zuvor gesehen haben, umherstolpern, einander auf die Füße steigen, und um den fotogensten Platz für ihr Projekt raufen. Denn jeder von ihnen, ob aus Kärnten, Kalifornien oder Kioto, hat seinen Geldgebern daheim dasselbe versprochen: Wir helfen armen Kindern. Wir bauen eine Schule. Eine Kinderklinik. Ein Waisenhaus.

Klar bekommt man für arme Kinder stets die meisten Spenden. Kinder sind unschuldig, Kinder rühren. Was nicht bedeutet, dass arme Kinder stets die meiste Hilfe brauchen. Man hätte sich in Indonesien bloß ein bisschen umhören müssen, um zu erfahren, warum: Der Tsunami kam morgens und tötete vor allem Kinder, vor ihren Hütten am Strand. Die Erwachsenen überlebten in Fischerbooten auf dem Meer oder bei der Arbeit im Landesinneren. Es gibt in Aceh zehntausende Eltern, die um ihre Kinder weinen. Es gibt hunderte Projekte für Waisenhäuser. Aber es gibt kaum Waisen.

Wenn Sie also helfen wollen: Tun Sie es. Spenden Sie jenen, die sich auskennen auf der Welt, die mit Katastrophen vertraut sind, die einen langen Atem haben und einen kühlen Kopf. Wählen Sie unter den anerkannten, erfahrenen Hilfsorganisationen eine aus, die Ihnen sympathisch ist, und überweisen Sie einen Dauerauftrag. Tun Sie kein Mascherl an Ihr Geld. Gut möglich, dass es nicht bei Kindern in Aceh landet, sondern bei Witwen in Kaschmir oder Obdachlosen in Kolumbien. Dass es nicht für ein Waisenhaus ausgegeben wird, sondern für eine Straße, eine Latrine oder ein Wasserrohr.

Vertrauen Sie den Profis. Ihr Geld wird dort am meisten helfen, wo es am notwendigsten ist.

 

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