Wem gehört ein öffentlicher Park? Die Wiener Sängerknaben wissen es nicht genau.

Sibylle Hamann

Jetzt weht schon ein Hauch Frühling durch den Augarten. Die Krähen schwärmen krächzend über die Flaktürme, die Gärtner kehren die eingetrockneten Hundstrümmerln und den Streusplitt weg, bald werden die Sandkisten auf den Spielplätzen frisch befüllt. Dann geht es los mit der Volksbelustigung, so wie es sich Kaiser Joseph II. einst gewünscht hatte: „Allen Menschen gewidmeter Erlustigungsort von Ihrem Schätzer“, steht auf dem Schild über dem barocken Eingangstor, aus dem Jahr 1775.

In ein paar Wochen wird noch mehr los sein; dann, wenn die weltberühmten Wiener Sängerknaben ihre Ankündigung wahrmachen und mit den Bauarbeiten für ihren Konzertsaal beginnen. Singende Kinder vor barocker Kulisse – das ist natürlich eine tolle Idee. Und sie wird immer aufregender, je länger man sie im Sinne des großen Aufklärers Joseph II. weiterspinnt.

Der Konzertsaal, von einem privaten Sponsor finanziert, soll nämlich auf Parkfläche gebaut werden, auf öffentlichem Grund also, der seit 1775 uns allen gehört. Naheliegend eigentlich, dass sich da die Sängerknaben, als Gegenleistung quasi, mit ihrem Projekt in den Dienst der Allgemeinheit stellen. Zumal sie auf ihrer Homepage ein wunderschönes Motto propagieren: „Jeder Mensch hat Musik in sich, jeder Mensch sollte Musik in seinem Leben haben“.

Zu tun gibt es, diesem Motto gemäß, genug. Gleich neben dem Augarten liegt das Volkertviertel, eine der ärmsten Gegenden von Wien. Viele Zuwandererkinder, viele Mindestrentner, wenig Platz, wenig Hochkultur; eine klassische Altbau-Mischung. Gut möglich, dass die Halbwüchsigen, die im Augarten die Zeit totschlagen, Musik in sich haben – sie haben niemanden, der sie ihnen herauslockt. Für ein Klavier ist es daheim zu eng. Die Eltern haben zwar Videospiele, aber kein Abonnement im Musikverein. Im Volkertviertel leben Kinder, von denen die meisten die Staatsoper wahrscheinlich nie von innen sehen werden.

Ein niederschwelliges Musikzentrum für alle wäre an so einem Ort eine tolle Sache. Der Privatverein der Sängerknaben könnte mit Schulen und Jugendzentren zusammenarbeiten, mit dem Kindermuseum oder dem Ferienspiel, mit kurdischen Volksmusikgruppen oder Starmania. Die Augarten-Kinder könnten kurz den Fußball weglegen und unverbindlich Mozart schnuppern. Musizieren hat noch niemandem geschadet, und vielen kann es gut tun: Vielleicht nimmt ein Raufbold zum ersten Mal ein Instrument in die Hand und vergisst das Raufen. Vielleicht entdeckt ein Einsamer, wie es sich anfühlt, im Chor zu singen. Und, wer weiß, vielleicht schlummert im Augarten ein großes Musiktalent, das nur darauf wartet, gefördert zu werden.

Seltsam nur: In diese Richtung scheinen die Sängerknaben gar nicht nachzudenken. Sie wollen ein Stück öffentlichen Grund; aber eine Zusammenarbeit mit öffentlichen Stellen zur Erfüllung eines öffentlichen Auftrags ist gar nicht angedacht. Sie wollen mit privatem Geld ihre private Halle in den Park stellen, und verlangen bloß eine Busspur davor, damit die Touristen leichter ein- und aussteigen können.

Dem Kaiser hätte das gar nicht gefallen.

 

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