Warum sollen die Afghanen nicht davon profitieren dürfen, dass bei ihnen der Mohn so gut wächst?

Sibylle Hamann

Kriege beginnen im Frühjahr. Wenn der Schnee schmilzt und die Wege passierbar werden, erwachen die Kämpfer aus ihrem Winterschlaf. Sie reiben sich die Kälte aus den Gliedern, heben das Gewehr auf, das sie im November fallen ließen und tun dort weiter, wo sie aufgehört haben, als der erste große Schnee fiel.

So war das in Bosnien und im Kaukasus, so wird das in den kommenden Wochen auch in Afghanistan sein. Die Taliban haben eine Frühjahrsoffensive angekündigt, die NATO ebenso.

Die Ausgangslage ist düster. In weiten Teilen des Landes sind die Taliban, fünf Jahre nach ihrem Sturz, wieder die Herren. Sie herrschen weniger, indem sie ihre Untertanen mit Peitschen und Gewehren terrorisieren. Sondern indem sie ihren Untertanen geben, was ihnen sonst keiner gibt: militärischen Schutz, Kredit und Saatgut. Die Taliban kontrollieren nämlich die einzige Branche, die in dem kaputten Land blüht und gedeiht – den Schlafmohnanbau.

Experten wissen längst, dass das Opium im Zentrum des Afghanistan-Problems steht. Es erwirtschaftet, wie auch gestern in der „Presse“ zu lesen war, die Hälfte des BIP. Es schwemmt Unmengen Geld in die Hände von Terroristen und Waffenschiebern. Es verhindert die landesweite Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols. Es schürt das Misstrauen der Bauern gegen die westlichen Soldaten und treibt sie in die Hände der Taliban. Kurz: Es zersetzt die Moral und stärkt die falschen Leute.

Inmitten allgemeiner Ratlosigkeit gibt es einen einzigen pragmatischen Lösungsvorschlag. Er kommt vom „Senlis Council“, einem renommierten Think Tank, der sich seit Jahren intensiv mit dem Thema befasst, und lautet, kurz umrissen: Nicht das Opium ist das Problem, sondern die Tatsache, dass es illegal angebaut wird. Es gibt, insbesondere in der Dritten Welt, einen riesigen brachliegenden Markt für Morphine und andere legale Schmerzmittel, die – wie Heroin – aus Schlafmohn gewonnen werden. Warum soll Afghanistan diese Nachfrage nicht ganz legal bedienen dürfen?

Präzise durchgerechnete Modelle existieren bereits. Die UNO könnte Lizenzen zum kontrollierten Opiumanbau erteilen. Die lokalen Fürsten würden dann statt Bakschisch offizielle Abgaben kassieren; damit gewinnt man ihre Loyalität. Die Zentralregierung müsste ihr Volk für das, was es tut, nicht mehr bestrafen, sondern könnnte es loben und Steuern einheben. Die Bauern befreien sich aus der würgenden Abhängigkeit von Kriminellen und schaffen sich eine Existenzgrundlage. Und Afghanistan könnte einen Erfahrungsschatz nutzen, den seine Bauern allen anderen auf der Welt voraus haben: Nirgendwo gedeiht Opium so gut.

Umgesetzt wird dieser Plan freilich nicht. Die USA wissen, was sie ihrem Ruf schuldig sind, und wollen großflächig Pflanzengift sprühen – eine Brutalo-Methode, die bereits in Kolumbien teuer gescheitert ist. Die EU hingegen setzt, dem Klischee gemäß, auf Fördern und Reden: Die Bauern mögen es doch, bitteschön, mal mit Safran, Nüssen und Weintrauben versuchen.

Pragmatismus, Rationalität und Nüchternheit – nein, ganz so weit ist der Westen noch nicht.

 

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