Wenn Österreicher Temelin sagen, meinen sie nicht Temelin, sondern die Tschechen.

Sibylle Hamann

Es geht also wieder einmal um Temelin. Das heißt: Es geht nicht um Temelin. Denn wenn es tatsächlich um Temelin ginge, wäre alles verhältnismäßig einfach. Man könnte das Für und Wider von Atomkraft diskutieren, über Energiepolitik, man könnte Kosten, Nutzen und Risiken diverser Stromgewinnungstechniken gegeneinander abwägen. Aber es geht eben gar nicht um Temelin. Es geht um die Tschechen.

Besser gesagt: Es geht um die Tschechen und um uns, was in vielerlei Hinsicht dasselbe ist. Karl Schwarzenberg trifft es, von der eigenen Familienhistorie gefärbt, ziemlich genau: „Beide Seiten brauchen halt immer wieder a bissl Streit. Wir sind einander so ähnlich, so verwandt, so benachbart, dass wir uns gegenseitig auf den Wecker gehen.“

Wenn die einen wolllüstig in den Wunden des jeweils anderen wühlen, sich wehleidig abwenden, sich großmäulig übervorteilt fühlen und mit vor Empörung zitternden Fingern in der Luft herumstochern, dann ist das eine leidige, klebrige, unendliche Familienfehde, die man mit umso größerer Inbrunst austrägt, je besser man einander kennt und je weniger man voneinander lassen kann.

„Ihr habt ja schon immer…“ ist ein sehr beliebter Satz in solchen Familienfehden. Er verleiht dem Anlassfall Bedeutung, weil er ihn fest in der Beziehungsgeschichte verankert und zum Symptom eines tieferliegenden Charakterfehlers macht. Das ist nicht nur bewusste Bosheit. Da stecken oft auch unbewusste, über Generationen weitergegebene Kränkungen drin.

Im konkreten Fall, Temelin, geht es zum Beispiel um Technik und um Strom. Da hatten die Tschechen den Österreichern schon immer ein bisserl was voraus. In der Monarchie waren die Österreicher die Bauern und Beamten, die Tschechen hingegen die Techniker und Industriearbeiter. Während hierzulande rückständiges Agrarland war, florierten in Böhmen und Mähren bereits der Maschinenbau, die Autoproduktion, die Textil- und Schwerindustrie, wie in Wolfgang Libals Buch „Die Tschechen“ nachzulesen ist. Emil Skoda machte die nach ihm benannten Werke in Pilsen zum größten Rüstungsbetrieb der Donaumonarchie. Tomas Bata war europäischer Pionier in der industriellen Fertigung von Schuhen. Das technische Talent der Tschechen war derart gefragt, dass sie am Ende des 19. Jahrhunderts die Hälfte der Industriearbeiter in der österreichischen Reichshälfte stellten.

Daraus schöpften die Tschechen Selbstbewusstsein, schon immer. Jetzt auch. Und ertrugen es, schon immer, schwer, von hochnäsigen, halbseidenen Beamten in Wien als „Dienstbotenvolk“ zurechtgewiesen zu werden. „Ihr habt schon immer gemeint, ihr könnt uns was anschaffen“, „ihr habt schon immer so getan, als seid ihr was besseres“, liegt ihnen jetzt auf der Zunge.

Und Österreich, samt Regierung, Opposition und Kronen Zeitung, fällt geschmeidig in seine Rolle, als hätte es seit hundert Jahren nichts anderes geübt. „Ihr wart uns schon immer ein bisserl zu frech“, sagen sie, wedeln mit kühn formulierten Protestdepeschen und fahren mit dem Traktor vor.

Weil die Österreicher eben Beamte und Bauern sind. Wie immer schon.

 

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