Wer Patriarchen im artgerechten Gehege sehen will, ist bei der CSU richtig.

Sibylle Hamann

Müsste man einem Außerirdischen erklären, was das Wort „Patriarchat“ bedeutet – am besten, man nähme ihn wortlos auf einen Parteitag der CSU mit. Was die Honoratioren da am Wochenende auf die Bühne stellten, war ein Lehrstück mit dem Titel „Männer und Macht“. Wie im Zeigefinger-Regietheater führten sie vor, wie Seilschaften funktionieren. Wie man einander versorgt, obwohl man einander hasst. Wie man Konflikte inszeniert, ohne einander wirklich weh zu tun. Und was passiert, wenn jemand aus der Rolle fällt.

Womit wir bei Ruth Pauli wären. Ruth Pauli ist Landrätin mit ein paar guten und ein paar blöden Ideen. Außerdem ist sie eine attraktive Frau. Sie färbt sich die Haare rot, fährt Motorrad und hat einen Hang zur Esoterik. Das passt großartig für die eine, die einzige Rolle, die Frauen im Club gestandener Mannsbilder zugestanden wird: Ein bisserl Wind machen, damit alle hergucken, ein bisserl provozieren, damit die Männer zeigen könnnen, wie tolerant sie sind. Dann klatschen sich alle auf die Schenkel, weisen die ach so herzige Rebellin mit jovialer väterlicher Strenge zurecht, dann haben alle ihren Spaß gehabt, und dann darf sie wieder abtreten, danke schön.

Frau Pauli allerdings hat das nicht verstanden. Es war auch nicht so einfach, denn sie war in diesem Spiel stets sehr allein. Sie hat gedacht, sie dürfe wirklich mitreden, wenn es heißt, es sei wichig, dass Frauen mitreden. Sie hat sich geschmeichelt gefühlt, wenn alle sagten, wie fesch sie doch sei, deswegen hat sie sich gern fotografieren lassen, mit und ohne Latex-Handschuhe. Sie hat die Anfeuerungsrufe Hoppauf! Weitermachen! wörtlich genommen, ohne den Unterton herauszuhören, der immer schadenfroher, immer angstgeiler wurde. Es hat ihr immer noch gefallen. Sie hat den richtigen Moment verpasst, dann stolperte sie, und die Rache war fürchterlich.

Nein, was da in München geschah, war keine ganz normale Niederlage einer Politikerin in einem Machtkampf. Es war ein Schauprozess, gedacht als Warnung an alle Frauen, die mit dem Gedanken spielen, sich ähnlich unangemessene Frivolitäten zu erlauben. Man drehte Frau Pauli das Mikrophon ab. Man tat so, als kandidiere sie gar nicht; oder als müsste man es gar nicht erst zur Kenntnis nehmen, wenn „so eine“ kandidiert. Einer nannte sie „blöde Kuh“, ein anderer empfahl ihr einen Psychiater. Und als sie immer noch lästig war, wurde sie hinausgetreten wie ein lästiger Hund: Hau endlich ab, du nervst, es reicht, a Ruah is.

Seither ist alles wieder gut. Bayern hat einen Ministerpräsidenten, die CSU hat einen Parteichef, der Huber heißt. Der alte Herr, der eben seine Freundin geschwängert hat, darf, ohne rot zu werden, Ehe, Familie und die katholischen Werte loben. Der andere alte Herr, den man mit Hilfe von Frau Pauli endlich losgeworden ist, wird Ehrenpräsident. Er ist sehr gerührt. Dann wird „Freude über die Kontinuität der Führung“ geäußert, angestoßen, Bier getrunken. Passt scho.

Männern verzeihen Männer vieles. Frauen, die bei ihnen mitspielen wollen, verzeihen Männer nichts. Aber das ist natürlich bloß in Bayern so.

 

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