„Geh doch raus spielen“, sagten Eltern früher, wenn sie Ruhe haben wollten. Sie meinten: Raus in den Hof, raus vors Haus, raus auf die Straße. Das funktionierte immer. Denn dort unten, draußen, war immer wer.

Heute sagen Eltern das nicht mehr. Denn unten, draußen, ist nichts. Da wartet keiner. Da fahren Autos vorbei. Denen kann man zuschauen. Sonst ist nichts los. Was bleibt da anderes übrig, als sich im Zimmer einzusperren, vor dem Fernseher oder einem Computerspiel?

Kinder und Jugendliche haben keinen Platz im öffentlichen Raum. Das kommt so: Erst ziehen Mama und Papa in die Vorstadt oder aufs Land, weil sie den Kindern „etwas im Grünen“ bieten wollen. Einen kleinen Vorgarten zumindest, mit Schaukel. Das drei-, vierjährige Kind hat Spaß an der Schaukel. Das Zehn-, Vierzehnjährige aber nicht mehr. Und plötzlich sind sie sehr allein.

Kids brauchen Treffpunkte. Orte, an denen irgendwas Interessantes passiert, wo Freunde sind, geplanterweise oder ganz zufällig. Das kann ein Geschäft sein oder ein Basketballplatz, ein Jugendzentrum oder ein Eissalon, ein verwahrlostes Grundstück, das Schwimmbad oder eine Wiese unterm Gebüsch. Doch an diese Orte kommen Kinder und Jugendliche nicht hin, zumindest nicht allein. Denn sie gehen zu Fuß oder fahren mit dem Fahrrad. Und das ist erstens eigentlich gar nicht mehr vorgesehen in unseren Ortschaften – und zweitens zu gefährlich. Wegen dem Verkehr.

„Im Grünen“, wo alle mindestens ein Auto haben, ist das Leben samt aller Entfernungen auf Menschen mit Autos ausgerichtet. Wollen Kids zur Geburtagsparty oder zum Taekwondo, einen Haarreifen kaufen oder bloß ein bisschen mit der Freundin rumhängen – Mama oder Papa müssen Chauffeur spielen. Das macht abhängig. Es ist mühsam. Es ist unangenehm, weil man ab und zu ja doch ganz gern ein paar Geheimnisse hat. Und es macht keinen Spaß, weder den Alten noch den Jungen.

Es gibt Studien, die genau nachweisen, wie stark sich der „soziale Raum“ von Kindern und Jugendlichen in den vergangenen Jahrzehnten verengt hat. Das liegt, zunächst einmal, schlicht daran, dass sie weniger Altersgenossen haben: Für ein Rudel, eine Bande oder gar ein Cowboy-gegen-Indianerspiel reicht es in der unmittelbaren Nachbarschaft kaum noch. Zweitens ist der Druck gestiegen: Aus dem Kind, mienem Kind vor allem, muss was werden, unbedingt, und da darf man keinen Programmpunkt auslassen. Wer wird denn Zeit mit Cowboyspielen vertrödeln, wenn man auch Kinder-Yoga, Chinesisch oder Geige lernen könnte?

Und drittens sind wir alle so furchtbar unsicher geworden. Ängstlich, was man Kindern zutrauen kann. Unsicher, wie viel Freiraum wir ihnen lassen sollen. Weil uns die Routine im täglichen Umgang mit Kindern fehlt, und zwar gerade auch mit Kindern, die nicht die eigenen sind. Ob das wohl wieder damit zu tun hat, dass wir ihnen so selten begegnen, weil sie gerade mit dem Auto herumchauffiert werden oder vorm Computerpiel sitzen?

„It takes a village“ sagt man in Afrika. Damit ist gemeint: Es braucht nicht nur Mama und Papa, sondern ein ganzes Geflecht von Menschen, Beziehungen und Orten, um einem Kind beim Aufwachsen Platz und gleichzeitig Sicherheit zu geben.

Dass es auch Autos braucht – davon war nicht die Rede.

 

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