Alle Kinder sind verschieden. Bloß manchen Lehrern ist das neu.

Sibylle Hamann

Auf dem Weg in die neue Mittelschule ist ein bisschen was weitergegangen. Gut so. Außerdem ist ein Wort hängengeblieben, das AHS-Lehrer immer wieder benützen, um ihre Bedenken auf den Punkt zu bringen. Was will es uns sagen? Was verrät es über unsere Schulprobleme?

Das Wort heißt „Homogenität“. Sie wollen in „homogenen“ Klassen unterrichten, sagen die AHS-Lehrer. Weil es in der gemeinsamen Mittelschule keine Homogenität gebe, werde alles schrecklich schwierig. Da würden alle Kinder, arme und reiche, gescheite und dumme, hiesige und fremde, wild durcheinandergewürfelt, und man müsse sie erst wieder mühsam „auseinanderklauben“, bevor man sie anständig unterrichten könne, sagte etwa Eva Scholik, Chefin der AHS-Lehrergewerkschaft.

Sie will damit sagen: Je ähnlicher Kinder sind, desto besser lernen sie. Und weil Kinder in der AHS so homogen seien, sei die AHS so toll. Hm. Ist das wirklich so?

Schauen wir uns, auf der Suche nach einer Antwort, einmal eine Mehrstufenklasse an. Die gibt es in traditionellen einklassigen Dorfschulen. In elitären, teuren, mehrsprachigen Privatinstituten. Und, als erfolgreiches pädagogisches Zukunftskonzept, mittlerweile in vielen öffentlichen Volksschulen, auch in Gegenden mit hohem Ausländeranteil.

Die Grundidee ist einfach. Kinder zwischen sechs und zehn lernen in einer Klasse, jedes auf seinem Niveau, jedes in seinem Tempo. Dafür steht mal eine Lehrerin in der Klasse, mal zwei, manchmal sogar drei. Vieles kann man gemeinsam tun: Geburtstage feiern, singen, Streckübungen machen, essen, basteln, aufräumen. Anderes tut man einzeln oder in Kleingruppen. Das siebenjährige Mathegenie macht im Rechnen schon bei den Drittklässlern mit, dafür lernt es Deutsch noch mit den Kleinen. Keiner muss sich langweilen, keiner wird überfordert. Wer schnell begreift, kann mit dem Lernstoff in drei Jahren fertig sein und anderen etwas beibringen. Wer langsam ist, kann fünf Jahre brauchen.

Eine AHS-Lehrerin wie Frau Scholik müsste in so einer Klasse entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. So wild zusammengewürfelt, so wenig auseinandergeklaubt! Reicht es nicht, dass die Kinder ohnehin schon so schrecklich verschieden sind, muss man sie auch noch, mutwillig, dem Alter nach mischen? Warum tut man sich das an?

Lehrerinnen in Mehrstufenklassen können das ebenso gut beantworten wie Manager, Marketingfachleute oder Wissenschaftlerinnen: Weil Heterogenität Erkenntnisfortschritte birgt. Selten noch hat Homogenität die Menschheit weitergebracht. Erst die Wahrnehmung einer Differenz bringt den Menschen dazu, Fragen zu stellen. Vergleichen bildet.

Die Mehrstufenklasse etwa ermöglicht Kindern Perspektivwechsel: Statt, wie in der traditionellen Schule, jahrelang in der Rolle der Ewigkleinsten, der Immerbesten, des ständigen Störenfrieds festnagelt zu sein, werden jedes Jahr die Rollen neu verteilt. Es bleibt nichts, wie es ist. Aber das muss kein Grund sein, Angst zu haben. Weil man selber mitwachsen und sich verändern kann.

Wenn Kinder diesen Lernprozess schaffen – ist er vielleicht auch AHS-Gewerkschaftern zumutbar?

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.