Das perverse amerikanische Gesundheitssystem könnte die nächste Wahl entscheiden

Sibylle Hamann

Tony Soprano ist ein Alpha-Mann. Wenn er einen Raum betritt, erstirbt jedes Getuschel. Biegt er um die Straßenecke, weicht man aus. Wer sich seinen Zorn zugezogen hat, wälzt sich nächtelang schlaflos im Bett. Und kaum ein Frau, die ihm auf Armlänge nahe kommt, kann sich ihm entziehen. Tony hat nämlich Geld. Er hat eine Aura. Er kann Angst machen. Er besitzt, indem er seine Killer losschicken oder zurückpfeifen kann, sogar Macht über Leben und Tod. Bloß eines macht ihn fertig: Die Tücken der amerikanischen Krankenversicherung.

In der letzten Staffel der preisgekrönten TV-Mafia-Serie „The Sopranos“ (die der ORF in völliger Missachtung seines Kulturauftrags wahrscheinlich niemals komplett senden wird) liegt Tony, von seinem verwirrten Onkel mit einem Bauchdurchschuss versehen, in der Intensivstation eines Krankenhauses in New Jersey. Killer schleichen ehrfürchtig am Bett vorbei, Rivalen machen scheu ihre Aufwartung und drapieren das Bett mit Geldkuverts und Blumenbuketts. Eine Ärztin fragt: „Wie fühlen Sie sich?“ „Bestens“, ächzt der an Schläuchen und piepsenden Maschinen hängende Halbtote jovial – wie man sich das von einem echten, testosterondurchfluteten Alphatier eben erwartet. Fehler. „Gut, dann werden Sie gleich entlassen“, sagt die Ärztin kühl.

Die Ärztin arbeitet nämlich nicht für das Krankenhaus, sondern für die Versicherung. Sie wird nicht dafür bezahlt, Kranke gesund zu machen, sondern dafür, der Versicherung Kosten zu sparen, indem sie Kranken möglichst viel an Behandlung verweigert. Und gegen die Macht der Versicherungen ist die Macht der Mafia läppisch.

Es ist derzeit der berüchtigte Agitator Michael Moore, der die Absurditäten des amerikanischen Gesundheitssystems in aller Welt bekannt macht. Moores Film „Sicko“ bedient bereitwillig sämtliche Klischees, die man über skrupellose Konzerne und egoistische Amerikaner so haben mag; deswegen wird er in Europa wohl sein Massenpublikum finden.

Viel spannender für die reale Zukunft Amerikas jedoch ist, was Tony Soprano widerfährt. Denn der ist kein linker Polemiker, sondern, in all seiner Fiktionalität, der Prototyp des archaischen, konservativen, fetten Amerikaners. Er ist der Selfmademann der Vorstadt, skrupellos, aber liebenswert; brutal im Geschäft, doch in Familiendingen hoffnungslos sentimental; ein ungestüm geschmackloser Macho, der in all seiner Körperfülle und seinem Egoismus am Ende bloß eines will – von allen geliebt werden.

Mit dem Durchschnittsamerikaner teilt Tony nun auch die allergrößte Angst, die ihn nachts wachhält und lähmt: Kann ich mir einen Unfall oder eine chronische Krankheit leisten? Werde ich um eine Operation betteln müssen – oder brauche ich einen Anwalt, um mir Medikamente zu erstreiten? Was tun, wenn die Versicherung mich rauswirft und mich keine andere mehr nimmt? Tony ist mächtig und reich. Wenn sogar solche Kerle schmähstad sind, wird es Ernst.

Ein Mann wie Tony würde unter normalen Umständen niemals auf die Idee kommen, Hillary Clinton zu wählen. Der Gesundheitsnotstand könnte sie jedoch zur Präsidentin machen.

 

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