Wieviele interessante Menschen mit Herz, Witz, Verstand und Lebenserfahrung gibt es in Österreich? Der ORF kennt keine.

Sibylle Hamann

Es ist billig, übers Fernsehen herzuziehen. Doch wenn es sehr weh tut, muss es sein. Schrecklich weh tut es, wenn – wie in der sonntäglichen Sendung „im Zentrum“ – wieder einmal fünf, sechs Männer zusammensitzen und keifend übereinander herfallen wie Kutscher im Kampf um den besten Fiakerstandplatz. Es scheinen immer ähnliche fünf, sechs zu sein, jedenfalls sind sie stets männliche, mittelalte Berufspolitiker. Sie kennen einander seit Jahrzehnten und gehen einander maßlos auf die Nerven. Sie ertragen den Anblick des jeweils anderen kaum noch. Sie wissen auswendig, was er sagen wird. Dementsprechend sind sie gereizt, gelangweilt, aggressiv.

Auch die Kutscher nerven einander jeden Tag mit ihren immergleichen Gehässigkeiten. Aber sie tun das wenigstens nicht vor der Kamera.

Was ist das Wesen einer TV-Diskussion? Der Austausch von Meinungen, die von unterschiedlicher Lebenserfahrung gefärbt sind. Öffentlich-rechtliches Fernsehen kann wache, interessierte, intelligente Menschen zusammenbringen, die einander sonst kaum je über den Weg laufen: Jungunternehmerinnen und Philosophen, Dampfschiffkapitäne und Musiker, Putzfrauen, Salondamen und Punks. Sie alle sind Bürger, sie alle hätten viel zu sagen. Über Europa, Integration, Bildung, den Islam oder sonstwas.

Doch genau das interessiert den ORF nicht. Er schickt die real existierenden Bürger in Kuppelshows, wo er ihnen intimste Geständnisse entlockt. Er lässt sie tanzen, singen, Ratespielchen machen und läppische Preise gewinnen. Nur eines lässt er sie nicht: Reden über Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur. Das dürfen bloß die keifenden Berufspolitiker, zum dreihundertfünfundzwanzgsten mal (mit der einzigen Neuerung, dass die Rechtsradikalen seit ihrer Spaltung immer in doppelter Besetzung auftreten dürfen).

Zum Beispiel: Schule. Wer hätte zum Thema wirklich Spannendes beizutragen? Hauptschullehrerinnen, Sozialarbeiter, Entwicklungspsychologen, Eltern mit Migrationshintergrund, Schülerinnen, Sprachexperten, Finnen? Frauen vielleicht sogar? Aber nein. Im ORF doch nicht. Der drückt die Kurzwahltasten, auf denen die Parteisekretariate gespeichert sind, Nummer eins bis fünf, fünf Männer kommen, und fertig ist die Sendung.

Es ist das Prinzip Stammtisch, dem der ORF hier huldigt. Man muss nicht nachdenken, wenn man treffen will, denn alle, mit denen man rechnet, sind ohnehin dort. Es wird garantiert keinen Moment der Irritation geben, denn Fremde gibt es am Stammtisch nicht. Argumente kann man sich sparen, ebenso wie das Zuhören. Weil ohnehin alles längst gesagt ist. Jeder Konflikt ist ein Ritual. Man kennt sich ja.

In der Zeitung steht, der ORF denke über seine Diskussionssendungen nach. Gottseidank. Eine kleine Bitte an die Verantwortlichen: Programmieren Sie die Kurzwahltasten neu. Oder besser: Programmieren Sie sie gar nicht. Schauen Sie mal ins Telefonbuch. Verlassen Sie den Küniglberg und nehmen Sie am Leben teil. Laden Sie, wenns unbedingt sein muss, Kutscher ein. Aber ersparen Sie uns die anderen zankenden Männer. Danke.

 

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