Ölreichtum tut nicht gut – da hatte Donald Rumsfeld schon recht.

Sibylle Hamann

Dass Donald Rumsfelds Wirken nicht sehr segensreich war, ist mittlerweile hinlänglich bewiesen. Jetzt erfahren wir dazu noch, dass sein Wille, die Welt kriegerisch umzukrempeln, auf eher hausbackenen Thesen beruhte. Etwa auf solchen: Der Ölreichtum habe den Muslimen nicht gut getan, schrieb der Verteidigungsminister, als er noch im Amt war, in einer seiner regelmäßigen Belehrungs-Mails an Mitarbeiter. Muslime seien „zu oft gegen physische Arbeit eingestellt und holen sich deshalb Koreaner und Pakistani ins Land, während ihre jungen Leute arbeitslos bleiben“. Deswegen seien sie anfällig für Extremismus.

Die Empörung über solche Sätze ist groß in Amerika. Zu Recht? Nicht ganz.

Zunächst einmal spricht Rumsfeld tatsächlich Unsinn. Weil die pakistanischen Arbeiter, die auf den saudi-arabischen Baustellen schuften, ebenso Muslime sind wie die Putzfrauen aus Bangladesh. Und wie all die anderen Gastarbeiter aus Ägypten, dem Sudan oder Indonesien, die in den Golfstaaten etwa ein Drittel der Bevölkerung ausmachen und unter oft menschenunwürdigen Bedingungen dort fast die gesamte körperliche Arbeit machen. Mit Religion hat der Müßiggang der dortigen Oberklasse nicht viel zu tun. Eher mit feudalen Herrenmenschen-Dünkeln. Und mit dem Öl.

Ein bisschen anders formuliert, hätte Rumsfeld also gar nicht mehr so Unrecht. Ölreichtum hat tatsächlich noch keinem Land gut getan. Den moslemischen Golfstaaten ebensowenig wie dem katholischen Venezuela oder dem religiös zerrissenen Nigeria.

Ein paradoxes Phänomen bestätigt sich nämlich immer wieder: Je mehr natürlicher Reichtum, desto größer die Gefahr, in Armut und/oder Despotie zu leben. Natürlicher Reichtum hat viele Effekte gleichzeitig: Er vernichtet Arbeitsplätze, weil die Herstellung anderer Produkte vergleichsweise wenig lukrativ ist. Damit verhindert er das Entstehen einer Mittelklasse. Er konzentriert den Reichtum in wenigen Händen – und fördert damit Korruption und Nepotismus. Er provoziert Machtkämpfe und Kriege. Er verleitet die Herrschenden dazu, sich mit Geschenken die Gunst ihres Volkes zu erkaufen – um den Preis, dass sie ewig Untertanen bleiben.

Natürlicher Reichtum ist, kurz gesagt, eine Art Bankomat, der es den Mächtigen erspart, einen Beweis für ihre Fähigkeiten zu erbringen, nachzudenken und einen Plan zu haben. Sie müssen bloß den Code eintippen und abheben.

Der ugandische Staatschef Yoweri Museveni erklärte mit ähnlichen Worten einmal das Grundproblem Afrikas. Es sei zu schön und warm dort, sagte er, es wachse zu viel auf den Bäumen und in der Erde. Das verleite die Menschen dazu, nur für den Tag zu leben. Nur wer weiß, dass ein kalter Winter kommt, muss planen, Vorräte anlegen, Fleisch einsalzen und Kleider weben. Natürliche Knappheit zwinge dazu, Geräte zu erfinden und sich arbeitsteilig zu organisieren. Das wiederum brauche Berechenbarkeit. Deswegen führe der Weg vom natürlichen Mangel langfristig zu Demokratie und Rechtsstaat.

In Rumsfelds „Krieg der Kulturen“ passt diese These jetzt nicht mehr so gut hinein. Aber sie hat was für sich.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.