Was uns der Film „Import-Export“ über die Welt lehrt

Sibylle Hamann

Hollywood weiß, wie man aufregende Geschichten erzählt. Am besten, man siedelt sie im nächsten Jahrtausend an, bei irgendwelchen Maschinenmenschen. Oder im vorigen Jahrtausend, bei den alten Römern. Je weiter weg, desto besser. Es gibt aber auch Künstler, die die alleraufregendsten Geschichten ganz in der Nähe entdecken, an der Straßenbahnstation, beim Gemüsehändler oder im Krankenhaus um die Ecke. Ulrich Seidl ist so einer.

Sein Film „Import- Export“, der derzeit in den Kinos läuft, ist ein Glücksfall für Menschen, die die Welt begreifen wollen. Denn er ist – auch wenn er das gar nicht sein will – ein präzises Lehrstück über eines der ganz großen Themen der Gegenwart: die weltweite Arbeitsmigration. Die Hauptfigur Olga, eine ukrainische Krankenschwester, packt eine Reisetasche, lässt ihr Baby schweren Herzens bei der Oma zurück und steigt in den Zug nach Wien, um dort Geld zu verdienen, erst als Kindermädchen, dann als Putzfrau in der Geriatrie. Das macht sie zu einer von insgesamt 200 Millionen Menschen auf der Welt, die heute im Ausland arbeiten, um ihre Familien durchzubringen.

200 Millionen! Gemeinsam mit jenen Angehörigen, die sie ernähren, wäre das die drittgrößte Nation der Erde. Die geschätzten 250 Milliarden Euro, die sie jährlich nach Hause überweisen, sind, global gesehen, dreimal so viel wie alle Entwicklungshilfegelder zusammengerechnet. Doch Journalismus und Politik haben es bisher nicht geschafft, dieses Thema in seiner Größe, Kraft und Gewalt auch nur annähernd zu begreifen.

Dabei gibt es neue Entwicklungen, deren vielschichtige Folgen wir noch kaum ahnen. Zum Beispiel: Erstmals in der Geschichte sind die Arbeitsmigranten mehrheitlich weiblich. Waren es früher Bauarbeiter oder Seeleute, die zum Abschied winkten und versprachen, bald Geld zu schicken, sind es heute Kindermädchen, Putzfrauen, Krankenschwestern, Pflegerinnen. Und das werden immer mehr – denn in unseren alternden Gesellschaften wird mehr gepflegt als gebaut werden müssen. Die arbeitslosen Bauarbeiter hingegen bleiben zu Hause. Sie schupfen entweder den Haushalt, bis die Mama wiederkommt – oder trinken ihren Frust nieder.

In manchen Gegenden Osteuropas ist der Mangel an jungen Frauen bereits ein Riesenproblem. In Ländern wie den Philippinen diskutiert man, was es bedeutet, wenn eine ganze Generation von Kindern ohne Mutter aufwächst. Denn wer in den USA oder in Saudi-Arabien lebt, um fremde Kinder zu versorgen, kann nicht oft heimkommen, um die eigenen zu sehen – und erstickt das quälende schlechte Gewissen mit teuren Geschenken. Überall schließlich, wo ambitionierte Frauen weggehen, ziehen andere Frauen aus noch ärmeren Ländern nach – um die Arbeit zu erledigen, die sonst liegenbleibt.

Es sind globale Netzwerke aus Gefühlen, Beziehungen, Abhängigkeiten und Heimweh, die sich mittlerweile um der Erdball spannen. Das ist nicht gut und nicht schlecht. Es zu verherrlichen oder zu verdammen hat wenig Sinn. Es zu verhindern ist unmöglich. Was uns hilft, ist allenfalls: Ein bisschen mehr darüber zu erfahren. Im Kino oder im Leben.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.