Die Masse weiß viel, aber alles kriegt auch sie nicht hin.

Sibylle Hamann

Wenn eine wissenschaftliche These bei RTL bis ins Hautabendprogramm vorgedrungen ist, kann man wohl sagen: Sie hat es geschafft. Der fesche Günter Jauch wird sich ihrer annehmen, eine Show samt Gewinnspiel und Promis draus machen, und am Ende kennt sich jeder habwegs aus. Gut so.

Die These, um die es diesmal ging, ist schon seit Jahren ein Dauerbrenner in der amerikanischen Populärwissenschaft: Die Weisheit der Vielen. Ernsthafte Ökonomen und halbernsthafte Trendexperten, Vernetzungstheoretiker und Marktforscher sind fasziniert von der Tatsache, dass normale Durchschnittsmenschen in ihrer Gesamtheit oft mehr wissen und bessere, richtigere Entscheidungen treffen als der allergescheiteste Experte (vorausgesetzt bloß, jeder entscheidet für sich, unbeeinflusst von Kampagnen, Massenhysterie und Gruppendruck). Wissen in der modernen Gesellschaft sei verästelt, auf abermillionen Köpfe verteilt, und beruhe auf abermillionen unterschiedlichen Erfahrungen, lautet die These. Man müsse bloß so viele Einzelexpertisen wie möglich zusammenführen – dann komme man der maximalen Klugheit am nächsten.

Das ist eine schöne Idee. Sie funktioniert in der Demokratie nicht immer. Aber sie funktioniert beim Publikumsjoker in der „Millionenshow“ (der hilfreicher ist als der Telefonjoker), beim Online-Nachschlagewerk Wikipedia oder bei der Software Linux. Sie funktioniert, wenn Unternehmen ihre Produkte von ihren Kunden verbessern lassen, sei es im Autodesign oder bei der richtigen Mischung von Frühstücksflocken. Doch anderswo funktionert sie nicht.

Ein Lehrbeispiel dafür ist die Geschichte von Threadless.com. Das ist eine große Onlinefirma, die, um 15 Dollar das Stück, T-Shirts verkauft. Der Clou: Das Design stammt ausschließlich von Normalmenschen. Jeder, der will, macht einen Entwurf und stellt ein Foto online; jeder der will, kann alles, was er will, bewerten; die bestbewerteten Modelle gehen dann in die Massenproduktion. Der Phantasie sind theoretisch keine Grenzen gesetzt, die Beteiligung ist enorm. Bloß eines überraschte die Firmenchefs: Trotz abertausender Entwürfe sahen die T-Shirts, die sie produzierten, am Ende stets recht ähnlich aus. Sie waren allesamt hübsch, aber nicht rasend originell.

Die Ursache fand sich bei genauerem Hinschauen: Wirklich geniale Entwürfe kriegen stets begeisterte Spitzennoten, aber genauso viel entrüstete Ablehnung. Im Durchschnitt landen sie damit immer bloß im Mittelfeld. Im Durchschnitt siegt, was allen ein bisschen gefällt – weil es allen vertraut vorkommt. Coole T-Shirts lassen sich nach diesem lauen Prinzip freilich keine herstellen. Erst als die Chefs jene Entwürfe herauspickten, die am meisten polarisierten, hatten sie die wahren Verkaufsschlager entdeckt.

Was wir, RTL und Günter Jauch davon lernen können? Die Weisheit der Vielen ist gut für Wikipedia. Sie taugt dazu, etwas zu verbessern, das es schon gibt. Aber sie wird nicht leisten können, was die Menschheit ab und zu braucht: Die kühne Idee. Das Unerhörte. Etwas wirklich Neues. Wikipedia erfunden hätte sie zum Beispiel nie.

 

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