… und sie ist jung wie eh und je. Man muss sie bloß lesen.

Sibylle Hamann

Heute hätte Simone de Beauvoir Geburtstag. Den hundertsten. Aus den Würdigungen ist viel Ehrfurcht herauszulesen. Man hat sie in die Galerie der großen Philosophen eingereiht, in die illustre Runde jener wenigen Menschen, die die Welt allein dadurch veränderten, dass sie nachgedacht, ihre Gedanken aufgeschrieben und andere zum Denken gebracht haben. Simone de Beauvoir ist heute ein Klassiker. (Eine Klassikerin? Eine klasse Frau? Beides.)

In Zeiten einhelliger posthumer Ehererbietung muss man dran erinnern, dass die allermeisten Klassiker zu ihrer Zeit keine Klassiker waren, sondern Provokateure. Und dass man Frauen das Ansinnen, das althergebrachte Denken auf den Kopf zu stellen, stets noch ein bisschen übler nimmt als Männern. Als „Das andere Geschlecht“ erschien, im Jahr 1949, war Simone de Beauvoir 41 Jahre alt. Sie wurde in Paris auf der Straße angepöbelt und im Kaffehaus beschimpft. Eine Männerfresserin sei sie, ein Brechmittel. „Ein ein armes Geschöpf, neurotisch, verschmäht, enttäuscht, enterbt, ein Mannweib, unbefriedigt, neidisch, eine mit Minderwertigkeitskomplexen behaftete, von Ressentiments zerfleischte Tante“, erinnerte sie sich später an die Anfeindungen.

Das Paris des Jahres 1949 fühlt sich im Jahr 2008 weit weg an, von der Hutmode bis zur Politik und Populärkultur. Umso seltsamer, wie vertraut und zeitgeistig der Tonfall dieser Schmähungen klingt. Was sind die Lieblingsattribute, mit denen man „die Feministin“ heute belegt? Sexbesessen und frigide; unmoralisch und verklemmt; egoistisch-materialistisch und eifernd-missionarisch; an maßloser Selbstüberschätzung und an maßlosem Selbsthass leidend – meistens alles gleichzeitig, so widersprüchlich das im logischen Detail auch sein mag.

Das Unerhörte, das Allerunerhörteste an einer Frau wie Simone de Beauvoir war allerdings, dass all diese Vokabel meilenweit an ihr vorbeizielten. Sie war, within sichtbar, eine so intellektuelle wie lebenspralle Frau, die sich sowohl an der Arbeit als auch an Menschen berauschte, stets angetrieben von unendlicher Neugierde auf die Welt. Von Ressentiment, von Frust war da keine Spur. Sie war eine kühle Denkerin, mutig, nüchtern und gelassen, präzise im Beobachten und Formulieren, doch stets mit der notwendigen Selbstdistanz.

Wahrscheinlich ist es genau das, was für gestandene Mannsbilder am schwersten zu ertragen ist: Zu ahnen, dass eine feministische Weltsicht keine Verirrung ist, die einer persönlichen Kränkung oder einer Hormonaufwallung entspringt. Dass man sie weder als herzige Koketterie abtun kann, noch als verzweifeltes Haschen um ein bisschen männliche Aufmerksamkeit. Sondern dass sie womöglich das Ergebnis von logischem Denken ist, von Erfahrung, Empirie und Analyse. „Einen Wutausbruch, den Aufschrei einer verwundeten Seele hätten sie mit gerührter Herablassung aufgenommen“, schrieb de Beauvoir über die Männer. „Sie verzeihen mir aber meine Objektivität nicht.“

Dieser Klarsicht ist wenig hinzuzufügen. Wie den siebenhundert eng bedruckten Seiten, die den Titel „Das andere Geschlecht“ tragen. Bis heute nicht.

 

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