Vorratshaltung kann manchmal auch gefährlich sein

Sibylle Hamann

Vorratshaltung ist nicht mehr sehr angesagt. Gemüsekeller mit verstaubten Marmeladegläsern kommen nur noch in Kinderbüchern vor, die Tiefkühltruhe hat ihre glanzvolle Zeit, die Siebzigerjahre, längst hinter sich. Statt dem Vorratsprinzip huldigen wir heute eher dem Prinzip Raffen und Wegschmeißen. Weil eh fast alles geschenkt ist. Weil Geiz geil ist und Nachdenken fad.

Bloß wenn es um Daten geht, ist plötzlich alles ganz anders. Da wird gehortet, gespeichert, eingekocht und weiterverwurstet, was das Zeug hält. Private Festplatten sind mit runtergeladenem Zeug voll, das ähnlich häufig wieder geöffnet wird wie einst die staubigen Marmeladegläser. Der Staat macht es ebenso. „Vorratsdatenspeicherung“ heißt das, und wird demnächstüberall in der EU Gesetz: Der Innenminister rafft Telefon- und Mailverbindungsdaten zusammen, so viel er kriegen kann, wahllos über alles und jeden. Es ist im Prinzip dasselbe was ein Messie tut: Immer nur her mit allem – für irgendwas kann mans sicher mal brauchen, irgendwann.

Was beim Messie persönlich tragisch, aber harmlos ist, ist beim Staat heikler. Doch seltsamerweise stört das niemanden. So geizig der Durchschnittskonsument sonst stets ist – mit Daten wirft er hemmungslos um sich, als wäre er Dagobert Duck im Geldspeicher. Hier ein Schokoriegel umsonst, dort ein Haarschampoo, zehn Prozent billiger – und schon verrät er sowohl dem Möbelhaus als auch dem Drogieriemarkt bereitwillig, wo er wohnt, was es mag, und was er so tut den ganzen Tag.

Jedes Baby, das in einem städtischen Wiener Spital geboren wird, kriegt an seinem ersten Lebenstag ein kiloschweres PR-Paket der Babyindustrie. Die Firma Pampers hätte gern nur ein paar Basisinfos – und schon verteilt sie lebenslang Werbezusendungen, samt einem T-Shirt gratis. Ach wie reizend! sagt da die Mama und füllt im Wochenbett eifrig Datenblätter aus. Dann stellen wir Babyfotos auf die Homepage, machen uns in Hobby-, Schul-, Sex- und Gesundheitsforen wichtig. Und was wir trotz aller Bemühungen immer noch nicht losgeworden sind, verraten wir am Ende eines langen Tages in unserem Blog.

Wir haben ja nichts zu verbergen (außer der Tatsache, dass wir nichts zu sagen haben). Im Gegenteil: Wir wären sogar beleidigt, wenn sich niemand für uns interessiert. Würde sich der Innenminister die Liste unserer Mails und Telefonate nicht per Gesetz holen – die meisten Kunden würden sie mit dem größten Vergnügen wohl selbst auf Facebook online stellen, für einen tollen Ich-hab-nix-zu-verbergen-Bonus von 2 Euro fünfzig.

Keine dieser Informationen hat ein Ablaufdatum. Das unterscheidet sie von der anfangs erwähnten Marmelade. Jede dieser Informationen, egal wie wichtig oder richtig sie ist, bleibt ewig kleben, im Netz oder in irgendeinem Datenspeicher. Sie bleibt, auch wenn wir unsere politischen Ansichten um 180 Grad ändern, wenn wir Sünden abgebüßt, Dummheiten hinter uns gelassen, Krisen überlebt und seltsame Gewohnheiten abgelegt haben. Sie bleibt, auch wenn sich das politische System über Nacht ändert.

Geiz ist kaum irgendwo geil. In der weiten Welt der Daten allerdings schon.

 

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