Österreich verschwendet tagtäglich Talent. Das ist fahrlässig.

Sibylle Hamann

Sie heißen Dragana oder Mohammed. Sie heißen „Kinder mit Migrationshintergrund“ oder „Ausländerkinder“, je nach Weltanschauung. Sie werden in Wien bald die Hälfte der Volksschüler sein, meldet die Statistik Austria. Das ist kein Grund zur Sorge. Das ist kein Grund zum Jubeln. Das ist einfach so.

Interessant wird bloß, was wir aus dieser Tatsache machen – und was aus Dragana und Mohammed wird. Denn wenn sie jetzt die Hälfte der Volksschüler sind, werden sie in dreißig Jahren die Hälfte der Leistungsträger sein. Die Hälfte der Anwältinnen und TV-Moderatoren, der Unternehmerinnen und Ärzte, der Burgschauspieler und Genforscherinnen, der Bundesheeroffiziere und Softwareentwicklerinnen. Zumindest sollten sie das. Wenn in unserer Gesellschaft jene Chancengerechtigkeit herrscht, von der wir so gern reden. Und wenn ausschließlich die Leistung zählt.

Die Rechnung ist, nüchtern betrachtet, ganz einfach: Seit Jahrzenten sind wir es gewohnt, dass sich die bürgerlichen Eliten per Nachwuchs selbst reproduzieren. Der Arzt finanziert seinen Söhnen das Medizinstudium, der Jurist sorgt mit allen Tricks dafür, dass bei der Anwaltsprüfung des Sprösslings nichts schiefgeht, der Unternehmer vererbt seinen Betrieb, der Musiklehrer bringt den Kindern das Geigespielen bei. Und die Schule sorgt dafür, dass jedes Kind sozial bleibt, wo es herkommt.

Damit ist es jedoch vorbei – auch wenn wir uns das noch nicht eingestehen. Die Leistungsträger heute haben sich ihr Berufs- und Privatleben so eingerichtet, dass darin gerade noch ein paar versprengte Einzelkinder Platz haben, mehr nicht. Darüber muss man nicht klagen. Aber man muss erkennen, dass es für die intellektuelle und wirtschaftliche Weiterentwicklung der Gesellschaft nicht reichen wird. Zumal man ja nicht davon ausgehen kann, dass die wenigen Elitensprösslinge, die es noch gibt, zwangsläufig die hellsten sind.

Wenn also etwas weitergehen soll in Österreich, dann muss die schöpferische Energie von sozialen Aufsteigern kommen. Und ginge es vernünftig zu, müsste es an den Rändern der Gesellschaft längst wuseln von Talentsuchern. Es müsste mehrsprachige Krippen geben und Alphabetisierung in der Muttersprache; kostenlose Musik- und Sportangebote, um die Kinder aus den Gettos zu locken; gezielte Einzelförderung und pädagogische Feriencamps; sowie hunderttausende Ermutigungen, für misstrauische Eltern ebenso wie für bockige Kinder. Um Mohammeds mathematische Begabung zu entdecken, das seiner Mutter, die nur das kleine Einmaleins beherrscht, vielleicht verborgen bleibt. Um draufzukommen, was in Dragana alles steckt, wenn sie, jenseits der finsteren Zimmer-Küche-Wohnung, bloß einmal Platz und Ruhe hätte, um zu lesen.

Wie ist es eigentlich möglich, dass Österreich tagtäglich so viel Talent vergeudet? Weil man etwa gar nicht will, dass die Draganas und Mohammeds Anwältinnen werden und TV-Moderatoren, Unternehmerinnen und Ärzte, Burgschauspieler und Genforscherinnen, Bundesheeroffiziere und Softwareexpertinnen? Das ist eine böse Vermutung. Aber vielleicht ist sie nicht ganz falsch.

 

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