Der Irak-Krieg findet nicht nur im Irak statt, sondern auch in Amerika.

Sibylle Hamann

Sie gibt die Helden-Galerien der Gefallenen. Junge, ernste Gesichter sind das, von Buben aus der amerikanischen Provinz. Oft wuchs ihnen noch nicht mal ein Bart. Oft waren sie noch nicht mal alt genug, um legal Alkohol zu trinken – das darf man in den USA erst mit 21. Doch sie waren alt genug, um als Soldaten im Irak zu sterben.

Es gibt seit neustem noch eine andere Galerie, die der Helden-Galerie optisch gleicht. Dieselben jungen, ernsten, bartlosen Gesichter von Buben aus der Provinz. Doch das sind nicht die Gefallenen. Das sind jene, die den Irak-Krieg überlebten und anschließend ihre Freundinnen, Nachbarn, ihre Kinder oder wildfremde Menschen ermordeten. Weil der Krieg in ihnen etwas kaputtgemacht hat.

Diese von der „New York Times“ erstellte Galerie umfasst bisher 121 Namen. Sie war das Ergebnis schwieriger, akribischer Recherchen, denn sie berührt ein Tabu. Über private Kollateralschäden führt die Armee keine Aufzeichnungen. Doch man darf annehmen, dass die 121 Mordfälle nur die sichtbare Spitze eines großen Berges sind. Viele Gewalttaten werden nicht angezeigt. Viele enden nicht tödlich. Andere werden nicht aufgeklärt. Oder sie werden nicht mit dem fernen Krieg in Verbindung gebracht.

In jeder Kleinstadt wird es mittlerweile einen, zwei oder mehr junge Männer geben, die nicht mehr ins normale Leben zurückfinden. Die jedes mal panisch die Waffe zücken, wenn es an der Tür klingelt. Die zuschlagen, weil sie die Nähe anderer Menschen nicht ertragen. Die saufen, sich mit Drogen zudröhnen oder selbstmörderisch Auto fahren, weil sie versuchen, vor ihrer Angst und ihren Erinnerungen davonzulaufen.

Matthew Sepi zum Beispiel, aus Las Vegas. Wenn ihn die Alpträume packten, zog er stets mit seiner AK-47 los, um sich im Tankstellenshop Bier zu kaufen. Als sich ihm zwei Jugendliche in den Weg stellten, mähte er sie nieder. Seine kriegstrainierten Reflexe hatten einen Hinterhalt gewittert, und da schießt man, bevor man fragt. Oder Christopher Lewis, dem eine Bombe in Falluja einen Fuß wegriß. Als er endlich nach Hause kam, knallte er seine zweijährige Tochter an die Wand. Sie hatte in die Hose gemacht.

Wer sich durch die quälende Liste verzweifelter, motivloser Verbrechen liest, beginnt zu ahnen, wie tief sich dieser Krieg mittlerweile durch die amerikanische Gesellschaft gepflügt hat. Die Lokalblätter sind voll von solchen Geschichten. Gerade in der Provinz, wo die Langeweile groß und die Erfolgsoptionen fürs Leben überschaubar sind, gingen überdurchschnitlich viele junge Leute zur Armee. Überdurchschnittlich viele GIs gehören der armutsgefährdeten unteren Mittelklasse an. Überdurchschnittliche viele von ihnen glaubten an George Bush, sein Weltbild, und an das Versprechen amerikanischer Größe.

Die verirrten, gemeingefährlichen Veteranen haben die gemeingefährlichen Verirrungen der großen Politik nun in die hintersten Winkel des Landes getragen. In die Tankstellenshops, auf die Baseballplätze, in die Schlafzimmer. Kein Wunder, dass man auch dort jetzt den Wechsel herbeisehnt.

 

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