Türkinnen dürfen studieren, egal, was sie auf dem Kopf haben. Gut so.

Sibylle Hamann

In diesen Tagen beginnt an den türkischen Universitäten das Sommersemester. Mit Tumulten ist zu rechnen. Junge Frauen, die ein Kopftuch tragen, dürfen jetzt nämlich, erstmals seit zehn Jahren, in den Hörsaal. Und Professoren haben angekündigt, ihnen den Zutritt zu verwehren.

Geächtet zu werden, weil man die falsche Kleidung trägt – das gibt es in islamistischen Fundi-Staaten. Dort ziehen Religionswächter mit Peitschen los, sobald zwischen Rocksaum und Schuh irgendwo ein Strumpf hervorblitzt. Das gibt es in feinen Restaurants, wo Besucher in Badeschlapfen unerwünscht sind. In Moscheen, Synagogen und Kirchen, wo aufreizende Kleidung den religiösen Anstand verletzt. Aber an der Universität? Wo normalerweise (die erwähnten Fundi-Staaten ausgenommen) jedes nur denkbare Outfit zwischen Lederjacke und Hot Pants durchgeht?

Es ist eine aufgeheizte, aber seltsam verdrehte Debatte, die in diesen Tagen geführt wird. Denn es geht ja nicht darum, dass die konservativ-religiöse Regierungspartei der Türkei irgendjemandem Kleidungsvorschriften machen will – im Gegenteil. Sie hat eine Kleidungsvorschrift beseitigt. Und eine Verfassungsänderung beschlossen, die besagt: „Niemandem darf das Recht auf höhere Bildung verwehrt werden“. Also: Auch Frauen nicht, die Kopftuch tragen.

Damit stoßen wir zum emotionalen Kern der Frage vor. Denn diesen Anblick sind die kemalistischen Eliten des Landes nicht gewohnt. Jahrzehntelang blieben sie in den Städten unter ihresgleichen. Sie lebten ihr westliches, weltliches Leben zwischen Universitäten, staatlichen Großunternehmen, Behörden und Kulturbetrieb, und nahmen den großen, rückständigen Rest des Landes gerade noch verächtlich aus den Augenwinkeln wahr. Kopftuchtragende Bauernmädchen kamen in dieser Welt nicht vor. Die trauten sich hier auch kaum jemals hin.

Das hat sich allerdings geändert. Seit Anatolien wirtschaftlich aufblüht und dort eine neue konservative, aufstrebende Mittelschicht entstanden ist, strömen fromme Burschen und Mädchen vom Land massenhaft in höhere Schulen und Universitäten. Diese Mädchen kleideten sich vorher schon züchtig. Neu ist, dass sie jetzt zusätzlich etwas lernen wollen.

Eine Studie des rührigen Instituts ESI rückt die Verhältnisse zurecht: Die Zahl der Türkinnen, die ihren Kopf bedecken, hat in den vergangenen zehn Jahren nicht etwa zu-, sondern abgenommmen. Landesweit trägt heute etwa die Hälfte ein Kopftuch; 12 Prozent die strengere, enger gebundene Version, den sogenannten „Türban“; nur jede hundertste den alles verhüllenden Tschador. 37 Prozent gehen unverschleiert. 1999 waren es erst 27%.

Es mag schon sein, dass das aus dem Blickwinkel eines Istanbuler Szenecafes anders ausschaut. Die Stammgäste dort schauen sich auf der Straße um und fühlen sich, wo sie einst unter sich waren, umzingelt von Menschen, die ihnen fremd erscheinen. Sie spüren Konkurrenz in Bastionen, die sie stets als ihre betrachteten. Das ist neu. Das ist manchmal wahrscheinlich schwer auszuhalten. Aber da müssen sie durch. Denn die Türkei gehört ihnen nicht.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.