Sind die unabhängigen Kosovaren noch dieselben wie die unterdrückten Kosovaren?

Sibylle Hamann

Es war einmal im Kosovo, irgendwann in den Neunzigerjahren. Es war eine grimmige Zeit. Slobodan Milosevic hatte das Autonomiestatut der Provinz aufgehoben. Albaner wurden aus der öffentlichen Verwaltung entfernt, die Schulen von einem Tag auf den anderen „serbisiert“. Selbst in den Spitälern waren Albaner unerwünscht – sowohl als Ärzte, als auch als Patienten. (Man könnte, weil diese Geschichte zwei Seiten hat, auch sagen: Die Albaner fühlten sich unerwünscht und boykottierten das öffentliche Gesundheits- und Schulsystem. Wie auch immer.)

Was dem grimmigen Beginn folgte, war eine märchenhafte Geschichte. Sie verbreitete sich rasant in Europa und wurde tausenfach, mit staunendem Unterton, weitererzählt. Sie handelte davon, wie die stolzen, geknechteten Kosovo-Albaner Schulen in Privathäuseren einrichteten und begannen, die Kinder auf eigene Faust zu unterrichten. Wie die Ärzte, die ihre Jobs verloren hatten, im Geheimen Ambulanzen aufbauten. Und wie die Menschen, die den serbischen Autoritäten aus tiefstem Herzen misstrauten, ihre Angelegenheiten im Dorf selbst in die Hand nahmen. Sich kümmerten um Brücken und Wasserleitungen, um Müll und Kleinkredite, um die Armen und um Sicherheit.

Unter den Exilkosovaren wurde Geld gesammelt, um das alles zu finanzieren. Wer gut verdiente, zahlte mehr als ein armer Schlucker, jeder fünf Prozent seines Einkommens. Es war eine Art Steuer ohne Steuerbescheid und ohne Finanzamt. Insgesamt wuchs so, im Widerstand gegen die Obrigkeit, eine Art selbstorganisierter Untergrundstaat, stets bedroht von Verfolgung, aber sehr lange ganz gewaltfrei.

So etwas schafft man natürlich nur, wenn alle eine ordentliche Portion Idealismus mitbringen, Selbstdiziplin und Unkorrumpierbarkeit. Es braucht Organisationstalent und Unternehmergeist, Zivilcourage und Entschlossenheit, Mut und einen langen Atem. All das brachten die Kosovo-Albaner offenbar mit, damals. Sonst hätte ihr legendenumwobenes Schattensystem nicht funktioniert.

Es ist eine schöne Geschichte. Die, wenn sie wahr ist, bloß noch eine Frage offenlässt: Wo sind all diese Fähigkeiten, die die Kosovaren damals unter Beweis stellten, seither eigentlich geblieben? Das Land, das heute unabhängig ist, schaut, konkret betrachtet, ziemlich schlimm aus. Es hat eine politische Führung, vor der man sich fürchten muss, und eine Verwaltung, die (neben Kambodscha und Kamerun) zu den korruptesten der Welt gehört. Die Hälfte der jungen Leute sind arbeitslos, produziert wird kaum etwas. Die Märkte sind heruntergekommen, die Zivilgesellschaft ist inexistent, die kommunalen Einrichtungen liegen darnieder. Im Sommer liegt der Müll auf den kaputten Straßen, im Winter das Eis. Da geht nichts, aber auch gar nichts weiter, und da ist kaum jemand, der irgendetwas anpackt.

Die UN-Verwaltung war, zugegeben, ziemlich unfähig. Aber brutal unterdrückt hätte sie Mut, Unternehmergeist und Organsiationstalent wahrscheinlich nicht.

Kann es sein, dass manchmal erst der Widerstand das Beste aus den Menschen herausholt?

 

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