Das niedrigere Pensionsalter zaubert Frauen im besten Karrierealter einfach weg.

Sibylle Hamann

Frau Dr. Christine K., in Innsbruck zu Hause, feierte letzte Woche ihren 60. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch! Christine K. erfreut sich bester Gesundheit. Sie ist voll des Tatendrangs, hat einen interessanten Beruf und ihre Leistung wird allseits geschätzt. Herzlichen Glückwunsch also auch ihrem Arbeitgeber: So soll es sein! Engagierte, motivierte Mitarbeiter, die sich jeden Tag freuen, ins Büro zu gehen! Großartig!

Seltsam ist allerdings, dass sich der Arbeitgeber im konkreten Fall gar nicht richtig mitfreuen mag. Der Arbeitgeber ist nämlich die Pensionsversicherungsanstalt, Landesstelle Tirol, und der hat Dr. Christine K., seine erfolgreiche und allseits beliebte Chefärztin, eben in Pension geschickt. Zwangsweise. Und weil die das nicht will, weil sie lieber Chefarztgutachten erstellt statt Pullover zu stricken, landet die Causa jetzt vor Gericht.

Seltsam eigentlich. Predigen uns die Politiker und Pensionsexperten nicht jeden Tag, dass wir uns drauf einstellen müssen, länger zu arbeiten? Dass wir immer länger leben, immer weniger Kinder haben und uns deswegen abgewöhnen sollten, schon mit Anfang fünfzig auf die Frühpension zu schielen, auf Strandbad, Schrebergarten und Kurkonditorei? Die Österreicher hätten eine „kollektive Pensionsneurose“, rügte zum Beispiel Ewald Wetscherek, Chef der Pensionsversicherungsanstalt, im November hier in einem „Presse“-Interview. Damit hat er Recht. Bloß ist er der Chef genau jener Pensionsversicherungsanstalt, die gerade erst die völlig unneurotische Frau Dr. Christine K. zwangspensioniert hat.

Christine K. ist sechzig. Sie hat das gesetzliche Pensionsalter erreicht, das für Frauen eben niedriger ist als für Männer. Bei so einem Satz schwingt mit: Soll sie sich doch freuen, gefälligst. Regelmäßig Geld aufs Konto, entspannt spazieren gehen, während die armen Männer noch fünf Jahre weiterschuften müssen – was regt sich die Alte eigentlich auf? Dass es Frauen gibt, die lieber berufstätig sind als unbedingt notwendig; dass es Frauen gibt, denen Arbeit mehr bedeutet als „ein bisserl was dazuzuverdienen“; und dass die Gesellschaft von ihrer Arbeit profitieren kann – all das ist innerhalb der österreichischen Pensionsneurose, von der auch die Pensionsversicherungsanstalt befallen ist, offenbar unvorstellbar.

Frauen DÜRFEN früher in Pension gehen: Nett klingt das, harmlos, galant. Der Fall Christine K. – und einige andere, die bereits vor Gericht gelandet sind – illustriert jedoch, wie schnell dieses DÜRFEN umschlägt in ein MÜSSEN. In ein Mach-endlich-Platz-aber-dalli. Und während viele Männer mit 50, 55 oder 60 Jahren ansetzen zur letzten lukrativen Beförderung, wenn sie Gehaltssprünge machen, die sich in ihrer Pensionshöhe niederschlagen, wenn sie endlich die Früchte eines langen, anstrengenden Arbeitslebens ernten – dann ist die weibliche Konkurrenz auf einen Schlag verschwunden. Weggezaubert ins Strandbad, in den Schrebergarten, in die Kurkonditorei. Weggezaubert in die Unsichtbarkeit, von einem Zauberspruch, der lautet: „Aber geh, in deinem Alter! Gönn dir doch endlich was!“

 

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