China ist bereit für die große Show. Vorgeführt werden Sport und Menschenrechte – mit unterschiedlicher Begeisterung.

Die Luft könnte besser sein, aber man hat sich bemüht. Die Autos dürfen nur noch abwechselnd fahren – an geraden Tagen jene mit geraden Nummern, an ungeraden Tagen jene mit ungeraden. Die meisten Fabriken im Umkreis der Hauptstadt wurden vorübergehend stillgelegt. Das hat zu Engpässen in den Geschäften geführt, aber die Menschen murren nicht. Es geht schließlich um Großes. Am 18. August, bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele, werden 40.000 Journalisten in der Stadt sein. Beijing ist dann das Zentrum der Welt, und da muss es sich, unterstützt von 100.000 Sonderpolizisten, 300.000 Überwachungskameras und 1,5 Millionen freiwilligen Helfern, von seiner besten Seite zeigen. Auch wenn es weh tut.

Es hat, was die Menschenrechte betrifft, ziemlich wehgetan. „Wenn ihr zu den Spielen kommt, wisst ihr vielleicht nicht, dass die Blumen, das Lächeln, die Harmonie und der Wohlstand auf einem Fundament gebaut wurden, das aus Leid, Tränen, Gefängnisstrafen, Folter und Blut besteht“, schrieben die Rechtsanwälte Teng Biao und Hu Jia vergangenen Herbst in einem offenen Brief. Letzterer wurde im April zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Leute wie er werden dieser Tage aus der Stadt gebracht, zur Umerziehung geschickt oder unter Hausarrest gestellt.

Ironischerweise hat die Zahl der Störenfriede gerade wegen Olympia zugenommen: Um allerorten eilig Sportstadien, Hotels und neue Autobahnen hochzuziehen, wurden, noch brutaler als sonst, Grundstücke enteignet, Häuser niedergerissen, Stadtviertel geräumt und Menschen zwangsweise umgesiedelt. Traditionell pilgern Bürger, wenn sie sich von lokalen Funktionären drangsaliert fühlen, zur Obrigkeit. „Shanglang“ heißt dieses Ritual, bei dem Beschwerdeführer oft wochenlang in der Hauptstadt campieren, bis sie vorgelassen werden. Auch sie wurden nun weggeräumt.

Eigentlich war das anders gemeint. Als das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Spiele an Beijing vergab, zollte man einerseits der wachsenden ökonomischen Macht des Milliardenreichs Tribut. Andererseits hoffte man, damit die Öffnung zum Westen zu beschleunigen. Die chinesische Führung versprach, dass Medien frei berichten würden können. Ob es darüber hinausgehende Zusagen gab, ist unklar – der Vertrag mit dem IOC wurde, anders als Verträge mit anderen Olymiastädten, nie veröffentlicht. „Die Regierungen und Sponsoren hätten China beim Wort nehmen müssen“, merkt „Human Rights Watch“ bitter an. „Sie haben das nicht getan, und China hat ihr Schweigen als Komplizenschaft gedeutet.“

Zumal die chinesische Führung dem Ausland ohnehin eher eine Rolle in der Kulisse zugedacht hat. In erster Linie ist das Mega-Event Olympia eine Machtdemonstration fürs eigene Volk. Deswegen nimmt man es auch nicht tragisch, wenn deutlich weniger Besucher kommen als geplant: Viele der schicken neuen Luxushotels werden leer bleiben. Bei Touristenvisa gibt es neue bürokratische Schikanen, ausländische Künstler dürfen nur auftreten, „wenn sie nicht ethnischen Hass, Obstzönität, Feudalismus oder Aberglauben“ propagieren. So wie Björk, als sie in Shanghai „Free Tibet“ ins Publikum rief.

Niemand hat von den Sportlern ernsthaft verlangt, die Spiele zu boykottieren. Die IOC-Statuten verbieten, sie für politische Propaganda zu nützen. Wenn dennoch ein Sportler sein Grundrecht auf freie Meinungsäußerung nützt und irgendwo eine tibetische Fahne entrollt, wird das eine Gratwanderung – nicht nur für die Ordner, sondern auch für die Medien: Kamera draufhalten oder wegblenden? NBC etwa hat 900 Millionen Dollar für die Übertragungsrechte bezahlt und rechnet mit einer Milliarde an Werbeeinnahmen. Der Sender gehört General Electric, der gerade dabei ist, den chinesischen Markt aufzurollen. Die KP-Führung weiß, was die Ausländer zu verlieren haben.

Eben hat sie sich, in zähen Verhandlungen, das Zugeständnis abringen lassen, dass TV-Stationen den Platz des Himmlischen Friedens studenweise als Hintergrund für ihre Live-Aufsager benützen dürfen. Für Demonstrantionsbilder stehen drei extra dafür abgegrenzte, bewachte und bewilligte Demonstationsparks zur Verfügung. Gut möglich, dass damit alle völlig zufrieden sind.

 

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