Im Augarten tobt ein Kampf um den öffentlichen Raum. Neue Formen der Bürgerbeteiligung werden erprobt. Manchmal spielen Engel mit.

Eine Reportage.

Um das Mieder am Rücken zusammenzuschnüren, ist es am besten, wenn jemand zweiter hilft. Aber sonst sei das gar nicht so schwierig mit der Barocksilhouette: „Taille braucht man gar keine haben, Hauptsache, es gibt ein bisserl Substanz zum Hinauf- und Hinunterschieben.“ Der Hut wird mit Haarnadeln festgesteckt, die Seidenblumengirlanden mit Sicherheitsnadeln. Nur wenn ein besonderes Sonnenschirmchen zum Einsatz kommt, muss sich Raja Schwahn-Reichmann zu dem wackeligen Berg von Zeug hinaufturnen, der oben auf ihrem Kleiderschrank liegt.

Sich für eine Demo anzuziehen, war schon mal einfacher. Aber Raja Schwahn-Reichmann ist eben kein Punk. Sie geht nicht für die antiimperialistischen Koordination demonstrieren, sondern für das josefinische Erlustigungskomitee. Da schaut man in den Spiegel, bevor man das Haus verlässt, und achtet drauf, dass der Protest was hermacht, optisch. Bei dieser Art Demo kommen keine Spruchbänder zum Einsatz, sondern pausbäckige Barockengerln, die die gelernte Bühnenbildnerin mit schwungvollem Strich auf Theaterkulissen gemalt hat. Keine plärrenden Megaphone, sondern Swing vom Plattenspieler. Oder auch Cello, unplugged.

Es geht um den Augarten. Der ist, zunächst einmal, ein ganz normaler Park. … Quadratmeter groß ist er, zentral gelegen, mitten im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Morgens keuchen die Jogger im Kreis. Wenn sie Glück haben, stehen die Sprühregner an den richtig heißen Stellen. Pünktlich um halb zehn dreht eine Gruppe jiddisch sprechender Frauen in züchtigen Kleidern ihre zwei Runden mit den Walking Sticks. Nachmittags kommen die Kinder aus den Kindergärten und holen sich im Awawa ein Eis. Wenn die Jugo-Jungs ihren Ball gegen die Käfigwand donnern, regen sich die Bewohnerinnen im Pensionistenheim auf, das seine Bettlägrigen-Station gleich neben dem Sportplatz hat. Es gibt ein Kinderfreibad, in dem das Regiment herber Gemeindebediensteter herrscht, und einen Gärtner, der auf dem Traktor stets laut schmetternd Arien singt. Wenn die Hunde auf die Blumen pissen, ärgert er sich. Jede Menge Eichkatzerln gibt es auch.

Andererseits ist der Augarten kein normaler Park. Als barocke Anlage steht er unter Denkmalschutz. Einige seiner Bewohner sind für Wien legenden- und stilbildend: Im großen Palais residieren die Wiener Sängerknaben samt Schule und Internat, daneben die Wiener Augartenmanufaktur, wo die Porzellan-Lipizzaner herkommen.

Die Bürger, die rundherum wohnen, sind ebenfalls eigen. Vor Jahren verhinderten sie die Errichtung eines Sportgeländes durch den jüdischen Sportverein Hakoah. Als die Lauder-Chabad-Stiftung hier eine Schule baute, musste sie dem Kulturverein „Aktionsradius Augarten“ vertraglich zusagen, sich nicht weiter aufs Parkgelände auszubreiten (stattdessen stockte die Schule jüngst auf). Es gibt ein regelmäßig tagendes Parkparlament. Der Musiker Otto Lechner, nebenan zu Hause, ist für jeden, der es so will, der Bürgermeister der selbstdeklarierten „Augartenstadt“. Der Schriftsteller Wolf Haas, ebenfalls nebenan zu Hause, siedelte im Augarten seinen Roman „Wie die Tiere“ an, und, vielleicht auch deswegen, begann hier die Bürgerbewegung gegen den Hundekot.

Gegenwärtig gibt es zwei Kampfzonen. Die Firma DCV, deren Vertreter stets freundlich lächelnd bunte Prospekte verteilen, hat einen Mietvertrag für den großen Flakturm abgeschlossen und sein Areal mit einem Zaun markiert. In den letzten Monaten des Dritten Reichs wurde der Flakturm eilig hochgezogen; seit spielende Kinder ein ganzes Munitionsdepot zum Explodieren brachten, klafft oben ein riesiges Loch in der meterdicken Betonwand. Bis vor kurzem lag in der kühlen, gruftartigen Finsternis im Inneren des Turms eine drei Meter hohe Schicht aus Taubenkadavern und Taubenkot. DCV stellt sich vor, dass hier einmal Serverfarmen übereinandergeschlichtet werden, ein surrendes, piekfeines Datencenter, permanent hochleistungsklimatisiert, samt einem gläsernen Büro für 144 Arbeitsplätze obendrauf, und einem riesigen unterirdischen Diesel-Depot fürs Notstromaggregat.

Zweite Frontlinie ist der Augartenspitz, jener Knotenpunkt unmittelbar neben der neuen U-Bahnstation, an dem die die Privatstiftung Pühringer einen Konzertsaal für die Sängerknaben errichten will. Das Filmarchiv bewarb sich, samt ihrem eigenen Privatsponsor, für ein Filmkulturzentrum am selben Ort. Es wurde gerittert und öffentlich schaugekämpft, um die Gunst der Anrainer und politischer Verbündeter gebuhlt – bis im Dezember 2007 der Sängerknabenverein im Wirtschaftsministerium einen Pachtvertrag unterschrieb. Was noch fehlt, ist die Zustimmung des Denkmalamtes für den Abbruch der Mauer und eines barocken Gesindehauses, das dem Konzertsaal im Weg steht.

Dürfen die das? ist die Frage, die sich bei solchen Projekten aufdrängt. Wer entscheidet eigentlich darüber, was auf öffentlichem Raum geschieht, und nach welchen Kriterien? Gewinnt der Feschere, der mit der besten Idee, oder der mit dem meisten Geld? Kaiser Joseph II ist an mitschuld an dieser Verwirrung. „Dem Volk gewidmet als Erlustigungsort“, ließ er in Goldlettern über das mächtige Augarten-Tor schreiben, als er 1775 das kaiserliche Jagdgelände für seine Untertanen öffnete. Aber wer genau ist das Volk? Und welche Art Erlustigung hätte der Kaiser präferiert?

An heißen Wochenenden, wenn jeder, der es sich leisten kann, die Stadt verlässt, eröffnet sich ein anderer Blick auf diese Frage. Dann nämlich nehmen die armen Leute den Park in Besitz. Im Schatten der Mauer zum 20. Bezirk hin, dort, wo es ein bisschen schmuddeliger wird, breiten die türkischen Mamas dann die Picknickdecken und die Tupperschüsserln aus, und rotten sich die alten Männer zu bedächtigen Gesellschaftsspielen zusammen, deren Regeln hierzulande kaum jemand kennt. Erst an den Wochenenden wird deutlich, dass jene Nutzergruppe, für die der Park, mangels Alternativen, die allergrößte Bedeutung hat, die Migranten sind. Bloß kommen deren bescheidene Erlustigungen in den öffentlichen Territorialkämpfen kaum bis gar nicht vor.

Dass der Augarten noch mehr Geheimnisse bergen könnte, vermutet die Stadtsoziologin Cornelia Ehmayer. Sie nennt ihn einen „Ort, an dem verschiedene Identitäten wachsen“, ein „Stück Stadt, das man sich erst erobern muss“, das man jedoch umso schwieriger wieder hergibt, wenn man die Mauer erst einmal überwunden hat. Wer sich die Geschichten einiger handelnden Personen anhört, versteht, was sie damt meinen könnte.

Ernst Kieninger etwa, heute Chef des Filmarchivs, ist in der unmittelbaren Nachbarschaft aufgewachsen. Was heute sein Büro ist, war Anfang der Siebzigerjahre, als er noch mit Rotznase durch die Straßen streifte, eine devastierte Zeile alter Wirtschaftsgebäude, wo ein paar Pensionistinnen in Kittelschürzen ihre Schrebergärten hegten. „Das Tor war immer zugesperrt“, erinnert sich Kieninger, „und ich wollte immer unbedingt wissen, was in dieser wilden, geheimnisvollen Oase eigentlich los ist.“ Als der Schnee einmal sehr hoch lag, enterte er das Gelände. Und ließ nicht locker, bis er 1996 mit dem Filmarchiv hierher übersiedeln konnte. Die Konkurrenz war nicht groß. „Das war eine heruntergekommene Gegend, damals wollte kaum jemand hierher.“

Sein langjähriger Kontrahent, der vor wenigen Wochen verstorbene Sängerknaben-Chef Eugen Jesser, war ebenfalls immer schon da. In den Fünfzigern war er Internatszögling und wohnte in einem der damals noch berüchtigt kargen Schlafsäle im Palais – wenn sein Chor nicht gerade auf Tournee um die Welt reiste. Auch Jesser ist, als Erwachsener, mit hochfliegenden Plänen an die Stätte seiner Pubertät zurückgekehrt. Es gab Momente, in denen ihm die Querelen um seinen Konzertsaal an den Nerven zerrten. „Wenn man uns ganz von diesem Ort vertreiben will, dann soll man es uns ins Gesicht sagen“, sagte er dann bitter.

Brigitte Mang, als Chefin der Bundesgärten Herrin über den Augarten, weiß um diese verschiedenen Gedächtnisschichten und muss sie in ihrer Arbeit stets mitverwalten. „Das ist ein Garten mit Geschichte“, sagt sie. „Man kann ihn gestalten, und versuchen, ihn für verschiedene Menschen nutzbar zu machen. Aber das ist nicht die Donauinsel. Tabula Rasa machen kann man nicht.“

Auch Mang spürt, dass man das, was man im öffentlichen Raum tut, genauer erklären und begründen muss als früher. Es geht schließlich um mehr, seit der Augarten mit der U2 plötzlich ganz nahe an die Stadt gerückt ist. In der Nähe entstehen demnächst ganze neue Stadtviertel, die Immobilienpreise ziehen an, der Nutzungsdruck steigt, die Begehrlichkeiten wachsen, die Ansprüche der Bürger ebenfalls. Doch die Macht der Bundesgartenchefin endet an der Augartenmauer. Die Gebäude verwaltet die Burghauptmannschaft, die dem Wirtschaftsministerium untersteht. Rundherum, für Verkehr, Stadtplanung und Flächenwidmungen, ist nicht der Bund, sondern die Gemeinde zuständig. Nicht immer weiß die eine Hand, was der andere tut. Einen Masterplan, der alle kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Eigenarten der Umgebung erhebt und zusammenführt, gibt es nicht.

Der Raumplaner Reinhard Seiß erkennt darin ein typisches Muster: In Wien stelle man sich die Frage nach dem Sinn und nach den Bedürfnissen der Bürger meist erst hinterher, sagt er. Das sei nicht sehr vernünftig – „denn der Bürgerprotest ist immer umso starker, je später die Bürger einbezogen werden“. Überdies sei die Angst völlig unbegründet – „denn wenn Bürger dann doch noch mitreden, ist das Ergebnis stets besser“. Seiß denkt an Wien Mitte, an die Baumgartner Höhe, an den Bacherpark. Und an den Yppenplatz, wo heute, ginge es nach dem Willen der Obrigkeit, heute ein Hochhaus samt Tiefgarage stünde.

Auch im Augarten zog man erst die Notbremse, als der Konflikt schon eskalierte. Einstimmig gab der Gemeinderat ein „Leitbild“ in Auftrag – alle beteiligten Ämter, Institutionen, Firmen und Anrainervereine sollten sich an einem Tisch zusammensetzen und gemeinsam überlegen, was der Augarten eigentlich sein soll, für wen er da ist, und wie er mittelfristig aussehen könnte. Die Ergebnisse hängen heute, im Lindenhain vor dem Flakturm, in der prallen Sonne und warten auf Kommentierung durch das Volk. Es sind Schautafeln mit Karten, die mögliche neue Gartentore zeigen, neue Wege durch bisher abgezäuntes Gelände, neue Ideen für die Nutzung bisher ungenutzter Flächen, und neue Verkehrsideen für die Umgebung. Die Texte haben viele Sternchen, das sind Anmerkungen und Fußnoten, die verraten, dass man sich selten einig war.

Das Leitbild hat einiges an farbigen Filzstifte verbraucht, bunten Kärtchen, Sandwiches und Nerven. Nicht immer fiel es den Beteiligten leicht, aus ihren gewohnten Rollen zu schlüpfen. Wer seine professionelle Liebe in die Hege und Pflege von Blumen steckt, dem müssen Mensch und Tier samt deren Trampelbeinen als natürliche Feinde erscheinen. Wer einen kulturellen Bildungsauftrag spürt, dem erscheinen alle anderen schnell als Banausen. Bürger, die sich in der Aufmüpfigkeitsgeste am wohlsten fühlen, müssen erst ihr Misstrauen ablegen. Und Stadtväter, die überzeugt sind, am besten zu wissen, was für das Volk gut ist, müssen üben, sich widersprechen zu lassen. „Seien Sie doch froh, dass Sie überhaupt mitreden dürfen“, entfährt es, vielsagend, einmal Klaus Vatter, dem mächtigen Leiter der Magistratsabteilung 21A.

Es gibt Momente, in denen die Phantasie auf Touren kommt. Waren dort, wo heute abgezirkelte Blumenrabatten stehen, nicht früher einmal die Gemüsebeete für die Versorgung der kaiserlichen Familie in der Hofburg? Wie wärs, wenn Bürger, gemeinschaftlich organsieriert, im Augarten wieder Radieschen und Salat anbauen könnten? Vielleicht bringt man dabei sogar die ballspielenden Kids mit Migrationshintergrund mit den Bewohnerinnen des Pensionistenheims zusammen? Doch quietscht dann doch immer wieder jäh die Phantasiebremse. Man freue sich über Ideen, sagen die Ämter. Man werde sich prüfen. Was als „machbar“ eingeordnet wird und was nicht, liegt am Ende wieder bei ihnen.

Besonders schwer zu erklären ist, dass der umkämpfte Augartenspitz von vornherein aus der Diskussion ausgeklammert wurde. Die Vertreterin der Sängerknaben argumentiert sich tapfer lächelnd durch die Gruppendynamik, doch ihr Arbeitgeber hat klargestellt, dass das Leitbild für die Entscheidung, ob und wie der Konzertsaal gebaut wird, keine Rolle spielt. Was tun wir hier überhaupt? fragen da die Bürgerinitiativen.

Über ein Parkkonzept zu reden, aber dabei den wichtigsten, der Stadt und der U-Bahn zugewandten Zugang auszulassen – das finden auch Stadtplaner wie Silvin Seelich schwierig. Die Kulturachse im Park brauche den Anschluss an das Wirtschaftsleben an der Taborstraße, und müsse sich, auch symbolisch, für die entscheidenden demographischen Gruppen öffnen: die jungen Gebildeten, die in großer Zahl hierherziehen, sowie die aufstiegswilligen Zuwanderer. Der geplante Konzertsaal wäre das Gegenteil dieser Idee – nämlich ein Riegel zwischen Garten und Stadt.

Die U-Bahn spuckt auch in diesen Tagen laufend Menschen aus der Station Taborstraße. Wo man den Eingang zum Augarten sucht, schwirren derzeit allerdings bloß die Fruchtfliegen – denn da steht, keck auf einer Empore, eine Müllsammelstelle, samt Plastikflaschenbox und Biotonne. Das barocke Pfötnerhaus allerdings, das ebenfalls abgerissen werden soll, hat allerdings eben erst um viel Geld einen neuen Blitzableiter montiert bekommen.

Der umstrittene Bauplatz dahinter hat sich inzwischen in einen Nicht-Ort verwandelt, an dem immer seltsamere Dinge geschehen. Die Bäume, die zum Fällen markiert wurden, sind mit roten Schleifen, die Absperrungsbänder mit Fähnchen geschmückt. Die Barockengerln halten die Stellung, und wenn man zum richtigen Zeitpunkt hier ist, schwirren ein paar Frauen in wallenden Röcken durchs Gestrüpp und schenken Sekt aus. Manchmal legt man Samtkissen auf Paletten und macht Picknick mit Radieschen und Musik. Anrainer haben ihre Topfpflanzen hier eingegraben und Topinambur gesät. Ab und zu kommen Leute vom Bundesgartenamt mit Pritschenwagen vorbei, um den Krempel wegzuräumen, im Angesicht von Raja Schwahn-Reichmanns Dekolletee hat sich dann aber doch keiner so richtig getraut. Vielleicht, sagt Raja, geschieht ja ein Wunder, und es taucht in diesem hortus obscurus eine weltweit einzigartige Tierart auf, dann sei jedes Bauvorhaben erledigt.

Nichts ist entschieden im Augarten, und wer weiß, vielleicht wir noch die Topinambur-Ernte im Herbst.

 

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