Der Selbstmord eines Teenagers hat die chinesische Parteiautorität durcheinandergebracht

Sibylle Hamann

Vier junge Leute saßen abends am Flussufer. Wang war 16 Jahre alt, ihr Freund Liu 18. Chen trug ein bisschen mehr Flaum auf der Oberlippe und war, mit 21, wohl der coolste. Seit ein paar Wochen hatte er eine neue Freundin, Li Shufei hieß sie, 17. Sie taten, was man so tut, wenn die Pubertät das Gehirn verwüstet: Stundenlang abhängen und Alkohol trinken. Das wird im südwestchinesischen Weng’an nicht viel anders sein als in Wels.

Irgendwann, es war schon spät, soll Li Shufei in den Fluss gesprungen sein, von plötzlichem Weltschmerz gepackt. Irgendwer wird später erzählen, sie habe sich gekränkt, weil die Eltern ihren großen Bruder bevorzugten. Die beiden Burschen sagen, sie seien dem Mädchen hinterhergesprungen. Obwohl der eine nicht schwimmen kann, und der andere eben bei einem Autounfall sein Bein verletzt hatte. Sie strampelten wild im Wasser herum, dann riefen sie, verwirrt, panisch und wohl noch immer betrunken, am Handy die Polizei. Viel später fischte man Li aus dem Wasser. Sie war tot.

So geht die offizielle Version der Nachricht. Doch die Eltern glaubten den Behörden nicht. Sie beschwerten sich über den rüden Tonfall, in dem sie abgefertigt wurden. Da ist doch was faul, dachten sie. Man verheimlicht uns etwas. Die Obrigkeit hält uns für dumm, verachtet uns, schiebt uns beiseite. Die Nachbarn rotteten sich zusammen. Das Mädchen sei brutal vergewaltigt und ermordet worden, erzählte man einander, vom Sprössling eines hohen Parteifunktionärs, und diese Bluttat werde jetzt vertuscht. Die Menschen von Weng’an zogen vor die lokale Parteizentrale, 30.000 waren sie inzwischen, sie wurden sehr böse, warfen Autos um, steckten das Gebäude in Brand. Auf Youtube gibt es verwackelte Videos davon.

Hier klingt eine wummernde Basslinie an, die unter der gesamten chinesischen Geschichte liegt. Sie geht so: Untertanen zählen nicht. Die da oben nehmen sich, was sie wollen, und wer unten stört, wird aus dem Weg geräumt. Sind ja eh genügend Chinesen da. Kommt auf einen mehr oder weniger nicht an, auf ein Mädchen schon gar nicht. So war das im feudalen Kaiserreich, so war das bei allen Langen Märschen und Großen Sprüngen, und so ist das, bis heute, bei allen von oben verordneten Modernisierungen, wenn man schnell ein paar Dörfer plattwalzt, um ein Kraftwerk, eine Autobahn oder ein Olympiastadion zu bauen. Sind ja bloß Menschen.

Doch dann geschah in Weng’an etwas, das aus dem Fall Li Shufei eine wichtige chinesische Geschichte macht. Das Fernsehen durfte über den Volksaufstand berichten. Der lokale Parteisekretär, der Polizeichef und zwei andere hohe Tiere wurden gefeuert. Die Obrigkeit von Weng’an sei korrupt gewesen, sagt der Minister für öffentliche Sicherheit, sie habe früher schon bei der Umsiedlung von Migranten Gewalt angewendet, und zum eigenen Vorteil Häuser niederreißen lassen. Das dürfe nicht sein. Der lange unterdrückte Ärger der Untertanen sei berechtigt.

Man weiß immer noch nicht genau, was mit dem traurigen Mädchen Li, neulich am Flussufer, eigentlich passiert ist. Aber sie hat China ein bisschen verändert.

 

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