Die urbane Legende vom Onkel Kriegsverbrecher war zu schön, um wahr zu sein.

Sibylle Hamann

Er war hier, er war ganz nah. Es ist durch meine Straße gegangen, hat bei meinem Markststandl eingekauft, hat vielleicht genau den Paradeiser berührt, den ich später gegessen habe, und hat in meinem Stammbeisl seinen Slibowitz gekippt. Er ist, erzählt Richard Lugner, durch mein Einkaufszentrum gegangen, viel mehr hab ich eigentlich nicht beizutragen, ich wollte bloß melden, dass er komisch ausgeschaut hat. Wand an Wand haben wir gewohnt, erzählt die Hausmeisterin in der Märzstraße, er war im Kinderzimmer meiner Enkeltochter, zwölf Quadratmeter mit Blümchenbordüre, Erdgeschoß straßenseitig, ganz hinten am Gang. Ich hab ihn atmen gehört, aber geschnarcht hat er nicht. Er hat mich getröstet. Er hat das Küchenkastl repariert. Er hat Millionenshow geschaut, war rücksichtsvoll und immer sauber.

Er hat – wie es bei Schneewittchen und den sieben Zwergen heißt – in meinem Sesselchen gesessen, aus meinem Schüsselchen gelöffelt und in meinem Bettchen geschlafen.

Er hat mir den Nacken massiert. Ich hab seine Hände gespürt. Er hat sie mir auf den Bauch gelegt. Mir ist warm geworden. Ich bin wehrlos neben ihm gelegen. Es war mir so nah, dass ich seinen Atem spüren konnte. Das Böse hatte mich in der Hand; wenn es gewollt hätte, hätte es jederzeit zudrücken können. Er hat mir Kräutertee eingeflößt – das hätte auch ganz was anderes sein können, dann ginge es mir heute nimmer gut. Wir haben über meine Unfruchtbarkeit gesprochen, über meine Ängste, meine Potenzprobleme, ich hab ihm intimste Geheimnisse offenbart, die ich nichtmal meiner Mama erzähle. Ich hab mich ihm ausgeliefert, das Böse hätte mir wehtun, mich vernichten können, wenn es gewollt hätte. Aber das hat es nicht getan. Es hat mich verschont. Ich lebe noch.

Die Geschichte, die nach der Verhaftung Radovan Karadzics in den Zinshäusern hinter dem Wiener Westbahnhof kursierte, war eine klassische, prächtige urbane Legende, mit allen Zutaten, die seit jeher zu so etwas dazugehören: Verbrechen und Strafe, Mord und Flucht, Täuschung der Obrigkeit, Verkleidung und Scharlatanerie. Es war daher beinahe schmerzhaft, dabei zuzuschauen, wie die Legende zerbröselt.

Man hätte sie so gern geglaubt – nicht nur die Hausmeisterin und die Kellner im schummrigen Café Lara, sondern alle; die Zeitungskonsumenten, die die Märzstraße bloß vom Durchfahren kennen; die Polizisten, die sich plötzlich erinnern, auch ganz nah dran gewesen zu sein; die Journalisten. Da sind wir über Stock und Stein, durch bosnische und montenegrinische Dörfer gerumpelt, um den weltweit gesuchten Kriegsverbrecher in seinem Versteck aufzuspüren – und dann hätte es gereicht, einen Euro siebzig in einen Straßenbahnfahrschein zu investieren und in den Neunundvierziger einzusteigen. Seltsam war diese Szene, kaum inszenierbar in ihrer verblüffenden Banalität, aber doch nah genug am Denkmöglichen, um nicht sofort als Lüge entlarvt zu werden.

So böse kann das Böse gar nicht sein, dass wir ihm nicht doch noch ein bisserl Kraft und Bedeutung abgewinnen könnten. Und sei es bloß das eitle, wohlige Gefühl, ihm arschknapp entronnen zu sein.

 

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