Die TV-Serie „24“ war das ideologische Unterfutter für die Ära Bush. Beide drehen die letzte Runde.

Sibylle Hamann

Jack Bauer jagt wieder. Seit vergangener Woche läuft die sechste Staffel der einst vieldiskutierten Fernsehserie auf Pro 7, und wir dürfen davon ausgehen, dass es nicht mehr viele Fortsetzungen geben wird. Ein bisschen alt schaut er ja schon aus, der ewig unausgeschlafene Super-Sonderagent, der Amerika an jeweils einem einzigen langen Arbeitstag vor der sicheren Vernichtung bewahren muss. Vor einem Terrorattentat, vor einem Anschlag mit Nervengas, einem tödlichen Virus oder vor dem dritten Weltkrieg. Er tut das auf einem viergeteilten Bildschirm, in Pseudo-Echtzeit, und wird dabei von Wackelkameras abgefilmt.

Interessant an der Serie war nicht so sehr, dem Hauptdarsteller Kiefer Sutherland dabei zuzusehen, wie er schlecht gelaunt durch unterirdische Gänge hetzt, von Hubschraubern baumelt oder sich durch geschlossene Fenster stürzt. Nein, das eigentlich Spannende war, was „24“ über den geistigen Zustand Amerikas in der Ära Bush verriet. Hollywood hatte immer schon ein feines Gespür dafür, was die Massen bewegt und welche Ängste und Sehnsüchte die Amerikaner in der Nacht wachhalten. Weil sich dieses Gespür direkt in kommerziellen Erfolg übersetzen lassen muss, ist es oft treffsicherer als jenes vieler politischer Kommentatoren.

Jack Bauers Amerika also: Das ist ein Land, das sich von der Welt überfordert fühlt. In jeder Ritze hat sich Paranoia festgesetzt. Das Gute, das historisch Richtige, das für einen Amerikaner in fast allen Phasen der Geschichte eindeutig erkennbar war, versteckt sich neuerdings hinter stets neuen Verschwörungen. Das einzige, das die Nation da noch retten kann, ist ein echter, richtiger Mann, der nicht viele Worte braucht, um sich zurechtzufinden. Sondern bloß einen innerern, von Testosteron betriebenen moralischen Kompass.

Folter ist ein zentrales Motiv, das die Serie durchzieht, und wie das Thema in allen Details behandelt wird, liest es sich rückwirkend wie ein Rechtfertigungssermon für Abu Ghraib und Guantanamo. „24“ erklärte den Amerikanern, warum es manchmal notwendig ist, Regeln zu brechen: Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen, und man müsse stets abwägen zwischen dem Schaden für den Einzelnen (eine Brandwunde) und dem Nutzen (die Rettung der Welt).

Vor allem aber wurde die Lüge verbreitet, dass Folter wirkt.

Kurz nach dem 22. September 2001 startete die Serie im rechtspopulistischen TV-Sender Fox. Die Produzenten haben aus ihrem neokonservativen Weltbild nie ein Geheimnis gemacht. Die Handlungsstränge, die sie sich ausdachten, waren das ideologische Unterfutter für den Krieg gegen den Terror, und Jack Bauer wurde, über all die Jahre, zum Schutzengel der Macht. Er ist der Überirdische, den der Präsident stets am Handy anruft, wenn er gar nicht mehr weiter weiß. George Bush hat angeblich gern zugeschaut. Gut möglich, dass er sich manchmal gewünscht hat, seine Berater würden endlich Jack Bauers Telefonnummer rausrücken.

Schauen auch Sie sich das an – als zeithistorisches Dokument über eine weltgeschichtliche Epoche, die demnächst zu Ende gehen wird. Hoffentlich.

 

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