Im Stuwerviertel sind jene Wähler zu Hause, die die SPÖ den Freiheitlichen abjagen will.

Eine Reportage

Wenn Renate Fuchsjäger morgens ihr Fotostudio aufsperrt, sind sie stets schon da, zu Hunderten. Sie krabbeln die Mauerritzen entlang, die Stiegen zur Eingangstür hinauf, und besetzen die gerahmten Schaukästen. Kleine, behaarte grau-orangefarbene Raupen. „Rot werden sie, wenn man draufsteigt“, sagt Frau Fuchsjäger und steigt kurzentschlossen auf eine drauf. Ekelhaft ist das, jeden Morgen, bis man alle weggeputzt hat, bis Mittag ist eh wieder alles voll. Die Hausverwalterin von nebenan wirft einen angewiderten Blick auf das Gewusel. Nein, so eine Sorte Raupen hat sie noch nie gesehen. Die waren noch nie da. Die sind neu, auch für die Hausverwalterin, und kennt sich aus in der Branche. Der Baum ist schuld, sagt sie. Ganz sicher, wer denn sonst? Der gehört weg. Sag ich doch schon die ganze Zeit.

Gut, dass der Bezirksvorsteher grade an der Ecke steht. Gerhard Kubik heißt der und ist ein langer, drahtiger Kerl, der die Statur für einen Leichtathleten hätte, würde er nicht eine Marlboro nach der anderen verheizen. Kubik war einmal eine der Zukunftshoffnungen der Wiener SPÖ. Jetzt ist er für die orangefarbenen Raupen zuständig. „Nein, vom Baum kommen die nicht“, lautet sein Urteil, „weil sonst wären auf dem Baum ja auch Raupen drauf.“ Das klingt nicht unlogisch. Aber es ist nicht nicht das, was die Hausverwalterin hören will. Sie klemmt ihren Beutel unter den Arm und zieht ab. Man hat auf ihre Meinung nichts gegeben, ihre Erfahrungen nicht gewürdigt, ihr nicht zuhören wollen. Und ihren trotzigen Schritten sieht man an, dass das in ihrem Leben wohl nicht zum ersten mal passiert.

Es steht sich gut an dieser lauschigen Ecke. Die Alleebäume spenden Schatten. Von Autos wird man kaum mehr gestört, seit der Bezirksvorsteher mitten auf der Stuwerstraße eine Betonbarriere hat hinstellen lassen. Jetzt können die Freier nicht mehr stundenlang um den Häuserblock kreisen, denn das Stuwerviertel ist allseits bekannt für den illegalen Straßenstrich. Frau Fuchsjäger hat einen Besen in der Hand und kehrt den Gehstieg. Aus ihren Schaukästen lächeln blonde Kinder mit Zahnlücken neben Frauen mit sorgsam drapiertem Seidenschleier. Wer vorbeigeht, grüßt. „Das war immer eine Gegend, in dem man einander gekannt hat“, erklärt Kubik. „Das ist immer noch so. Auch wenns heute andere Menschen sind, die einander grüßen.“

Das Stuwerviertel ist eines der ärmeren Viertel von Wien. Es liegt neben Prater und Donau, neuerdings fährt nicht nur die U1, sondern auch die U2 direkt hierher. Das Herz des Grätzels bilden Zinshäuser mit Substandard-Wohnungen. An der Venediger Au stehen ein paar Villen, Richtung Donau große Gemeindebauten. Es ist ein zentraler und gleichzeitig peripherer Ort, der stets ein Seismograph für gesellschaftliche Umwälzungen war. In den Achtzigerjahren kamen die Polen und der Schwarzmarkt, später die Russen und Georgier. Prostitution war immer schon da, wechselte allerdings immer wieder das Erscheinungsbild. In den Neunzigerjahren war das Stuwerviertel eine Hochburg von Jörg Haiders FPÖ. In vielen Sprengeln hatte sie die relative, in manchen sogar die absolute Mehrheit.

„Na selbstverständlich sind es die frustrierten SPÖler, die uns groß gemacht haben“, sagt Pepi Wagner, ein freiheitliches Urgestein. „In der Haider-Zeit, als ich stellvertretender Bezirksvorsteher war, sind sie vor meinem Büro Schlange gestanden, weil bei den Roten nie jemand das Telefon abgehoben hat.“ Dass die SPÖ nun offenbar beschlossen hat, dem Volk in der EU-Frage aufs Maul zu schauen, entlockt dem Pensionisten ein gequältes Lächeln. „Die haben sich schon immer bei uns abgeschaut, wie man mit den Leuten umgeht.“

Den Menschen zuhören: Da stößt ein Politiker an Orten wie dem Stuwerviertel zunächst auf die Angst, übrigzubleiben – und die Wut, übriggeblieben zu sein. Pepi Wagner geht hinüber zum Vorgartenmarkt. Der döst. Es gibt Fußballleiberln aus Polyester, heruntergelassene Rollos, das Gemüse ist nicht mehr das frischeste. Das Marktlokal, wo früher der legendäre Herr Zeilinger residierte, wurde vor vier Jahren von der resoluten Frau Maria übernommen, einer gebürtigen Kroatin. Doch auch die kriegt, so sehr sie sich auch anstrengt, die Stimmung nicht mehr in die Höhe. Neidig seien sie, die Leute. „Kaum ist einer bei der Tür draußen, wird auch schon bösartig geredet über ihn.“ Demnächst wolle am Markt ein Geschäft für Tiernahrung aufmachen und ein Schlüsseldienst, aber bevor die noch da seien, würden sie schon schlechtgemacht. Frau Maria hätte gern, gemeinsam mit den anderen Standlern, wieder einmal einen Heurigen organisiert, gegrillt, Musik bestellt – aber davon will keiner etwas hören.

Es ist die einheimische Unterklasse, die Maria meint, wenn sie erzählt, dass „die Menschen immer ärmer werden. Zwei Euro zwanzig für ein Bier – das will kaum noch wer zahlen.“ Ihre Stammkunden jammern über den Euro, die Scheidung, die Alimente, den ehemaligen Chef. Seit die Sandler vom funkelnagelneuen Bahnhof Praterstern vertrieben wurden, sind auch die hier am Vorgartenmarkt, samt ihrer großen Hunde. Lang, sagt Frau Maria, gehe das nicht mehr gut.

Pepi Wagner hört sich alles nickend an. Immerhin kann er die Schuldfrage gleich an die SPÖ weiterleiten: Das Marktamt beute die Standler aus, die EU treibe die Lebensmittelpreise in die Höhe, und die Wiener Stadtplanung bewilligt immer neue Einkaufszentren. Zuletzt jenes im Stadion, wo die U2 direkt hinführt. „Die SPÖ hat das einheimische Kleingewerbe zugrundegerichtet“, sagt Wagner. „Nur wer ein Dönerstandl aufsperren will, wird umworben. Das ist Absicht, denn das sind, nach dem kompletten Bevölkerungsaustausch, ja die neuen Wähler der SPÖ“.

Bezirksvorsteher Kubik bestreitet das gar nicht. Weder dass viele der neuen SPÖ-Mitglieder Migrationshintergrund haben. Noch, dass viele Migranten Geschäfte aufsperren. Neben der leeren, verstaubten Auslage einer verlassenen Parfümerie gibt es wadenlange Kleider nach türkischem Geschmack zu kaufen. Neben dem Schuster, der schon seit Jahren nicht mehr hier war, hat ein Callshop aufgesperrt. Niemand hat sich die Mühe gemacht, die alten Schilder abzumontieren – sie hängen da wie Gedenktafeln des Wandels. Kubik wird von seinen Wählern oft darauf angesprochen, wütend, anklagend. „Und, ist das Obst beim Türken schlechter?“ antwortet er dann. Die Migranten hätten die Nahversorgung gerettet, sagt Kubik, die sei heute besser als vor zehn Jahren. „Ein Österreicher tut sich das doch gar nicht mehr an.“ Am Max-Winter-Platz zeigt er auf die traditionelle Kaffee-Konditorei. Auch die wird nicht mehr von der Familie Sauter geführt, sondern von einem Mann mit arabischem Namen. Cremeschnitten und Krapfen gibt es immer noch.

Die Dinge ändern sich im Stuwerviertel. Die Hautfarbe der Prostituierten zum Beispiel: „Früher war das die Mizzi aus Mistelbach, heute kommen die alle aus Afrika und beuten unser Asylsystem aus“, sagt Pepi Wagner. „Das ist doch ein Unterschied!“ Gebaut wird ebenfalls. Am Max-Winter-Platz, wo ein Freibad stand, wird heute, mit EU-Fördergeld, ein Wasserspielplatz errichtet. Früher regten sich die Anrainer über das Gekreische der plantschenden Kinder auf, jetzt darüber, dass man ihnen das Bad wegnimmt. Die alte Molkerei, vor Jahrzehnten ein wichtiger Arbeitgeber, ist heute eine Fachhochschule samt Studentenheim. Einst empörte man sich über die Milchwagen, die um vier Uhr früh ausfuhren, heute über die Studenten, die spätabends in den Schanigärten sitzen.

Die jungen Zuzügler haben Lokale und Immobilienentwickler hergelockt. Überall werden Wohnungen saniert und Dachböden ausgebaut. Die Preise ziehen spürbar an, und die Alteingesessenen fühlen sich ein drittes Mal abgehängt: Zuerst beobachtete man bitter, dass jeder, der den Aufstieg schaffte, wegzog. Dann fühlte man sich von den Ausländern, die herzogen, deklassiert. Und jetzt, wo die besseren Leute wieder kommen, kann man mit ihnen nicht mehr mithalten. Dass die Neuen dann auch noch behaupten, sie fänden gerade die Ausländer in der Gegend interessant, klingt dann nur noch wie Hohn.

Symptomatisch für diesen Zwiespalt ist die Sache mit dem Einundzwanziger. Klar freut es viele, dass die U2 jetzt da ist. In vier Minuten ist man auf der Hauptuni, in drei Minuten beim Stadion. Aber die Pensionisten, denen der Weg zur einzigen U-Bahn-Station zu weit ist, müssen seither zu Hause bleiben – denn die Straßenbahnlinie 21 wurde eingestellt. Grüne und FPÖ mussten die Wut der Menschen bloß noch aufsammeln, für die SPÖ war es ein Eigentor. Denn wer in den Sechzigerjahren mit kleinen Kindern in die stolzen Gemeindebauten am Handelskai zog, ist heute 70 Jahre alt, allein – und fühlt sich von der Moderne abgehängt, weil er jetzt den Weg zum Orthopäden in der Venediger Au nicht mehr schafft. „Das war nicht lustig“, sagt Kubik über die Wogen des Zorns, die ihm entgegenschwappten. Jetzt werden zumindest die Busverbildungen ausgebaut.

Verdrängt zu werden aus eigenem Gelände, und dabei alleingelassen zu werden von den eigenen Leuten – das ist das Grundmotiv, von dem sich die FPÖ in diesem Milieu ernährt. Zum Beispiel, erläuert Pepi Wagner, gibt es das „Waschküchenproblem“: Die Ausländer im Gemeindebau, die auch dann noch als Ausländer gelten, wenn sie Österreicher sind, haben große Familien. Zusätzlich sammeln sie noch die Wäsche ihrer zahlreichen Verwandten, die in Zinswohnungen leben, ein, und belegen damit ständig die Waschüküchen, die eigentlich der ganzen Hausgemeinschaft gehören und über die Betriebskosten abgerechnet werden. „Wie kommen unsere Leute dazu?“, fragt er entrüstet.

Es gibt eine FPÖ-Lösung für das Waschküchenproblem: Ausländer raus aus dem Gemeindebau. Andere Lösungen wären: Vielleicht die Betriebskostenabrechnung umstellen? Eine Kostenbeteiligung einführen, Regeln aushandeln? Aber dafür bräuchte es Menschen, die sich zuständig fühlen und Verantwortung übernehmen. Genau das hat ihnen die SPÖ in vielen Jahrzehnten abgewöhnt. Wer einst in den Gemeindebau zog, dem wurde versprochen, dass sich die Partei um alles kümmert. Da war eine Hausbesorgerin, da war der Parteikassier. Wer sich aufregen wollte über lärmende Kinder oder schadhafte Küchenfliesen, wusste, wo.

Doch der Parteifunktionäre wohnt heute nicht mehr hier, und statt dem Hausbesorger kommen Arbeiter der Gebäudereinigungsfirma. „Das hat uns sehr wehgetan“, gibt Gerhard Kubik zu. Der Hausmeister fehlt seiner Partei als Blitzableiter, als kleine, stets präsente Ordnungsinstanz.

Irgendwie ahnt er wohl, dass er den Hausmeister jetzt selber spielen muss, wenn er nicht will, dass ihm die FPÖ die Rolle abjagt.

 

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