Bei den Konservativen findet soeben eine Kulturrevolution statt: Die arbeitende Frau ist das neue Rolemodel, die Hausfrau darf gehen.

Ein Kommentar

Das Idealbild konservativer Familienpolitik zu beschreiben, war bis vor kurzem sehr einfach. Da gab es die treusorgende Ehefrau und Mutter, die sich rechtzeitig vor Ostern der Osterdekoration widmet, sich um Zahnspangen und Zeckenimpfungen kümmert, mit den Nachbarinnen Kuchenrezepte austauscht und Hausaufgaben korrigiert. Wenn der Gatte, der sich draußen im rauen, kalten Wind der Geschäftswelt beweisen muss, abends erschöpft heimkommt, ist das Nest warm und das Bier gekühlt, das Kind gekämmt und das Abendessen fast fertig. Er ist zuständig fürs Geld, sie für die Gefühle; beide sind komplementäre Hälften, die erst gemeinsam richtig gut sind. „Ohne meine Frau hätte ich das alles nicht geschafft“, sagten alte, wohlhabende Herren am Ende ihrer Karrieren, mit Tränen der Dankbarkeit in den Augen, und das entsprach der Wahrheit.

Die Ehe als arbeitsteilige ökonomische Einheit, die lebenslang hält: Dieses Idealbild war hartnäckig. Es war das persönliche Lebens- und Erfolgsmodell fast aller konservativen Politiker der älteren Generation. Es wurde mit Zähnen und Klauen verteidigt – selbst wenn das, siehe Thomas Klestil, nur um den Preis jahrelanger Verlogenheit möglich war. Und es blieb stets die Richtschnur für konkrete Gesetze. Der Vater sollte in seiner Ernährerrolle gestärkt werden: mit dem Alleinverdienerabsetzbetrag, der kostenlosen Mitversicherung, mit einem Familien- oder Ehegattensplitting im Steuerrecht. Der Ehefrau hingegen wollte man helfen, möglichst viel Zeit daheim zu verbringen, und propagierte Erziehungsgeld statt Kinderkrippen, und Halbtags- statt Ganztagsschulen.

Die Sorge um alle, denen das Idealleben nicht so recht gelingen wollte -AlleinerzieherInnen, Geschiedene, arbeitende Mütter, Doppelverdiener- oder Patchworkfamilien – überließ man bereitwillig der Linken. Je weniger man sich mit so etwas beschäftige, desto seltener finde es statt, lautete die Hoffnung. Es sollten einfach mehr Menschen so leben, wie man selbst gelebt hatte. Dann werde alles wieder gut.

In Deutschland war es Familienministerin Ursula von der Leyen, die auszog, um ihrer Partei diese Lebenslüge auszutreiben und der CDU eine wirklichkeitsnähere, nüchternere Familienpolitik aufzuzwingen. Anfangs rannte sie dabei gegen Betonwände. Erst später verriet sie, was den Ausschlag gab: Es war jener Moment, als die alten Honoratioren an ihre eigenen Töchter und Schwiegertöchter dachten – Alleinerziehende, Geschiedene, arbeitende Mütter, Frauen in Doppelverdiener- oder Patchworkfamilien; allesamt alleingelassen mit den Widersprüchen und Unvereinbarkeitsproblemen, die ihnen die Politik ihrer Väter aufgehalst hatte. Erst da war der Bann gebrochen. Auch Andreas Khol, Chefideologe der ÖVP und Patriarch der alten Schule, gab bei der Präsentation unseres Buches (1) zu: Er halte das traditionelle Familienideal hoch und habe es stets gelebt. Von seinen eigenen sechs Kindern lebe es allerdings kein einziges.

Damit ist die Welle der Wirklichkeit über die Konservativen hereingeschwappt, und sowohl in Deutschland als auch in Österreich geht Ballast über Bord, den sich nicht einmal die regierenden Sozialdemokraten anzugreifen getraut hatten. Das neue Elterngeld in Deutschland ist einkommensabhängig – und belohnt nicht mehr die Hausfrau, die auf Ausbildung und Berufstätigkeit verzichtet hat, sondern die gut verdienende Mutter, die Energie in ihre Karriere investiert hat und so rasch wie möglich wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehrt. Änliches gilt für die steuerliche Absetzbarkeit von Kinderbetreuung. Das neue deutsche Unterhaltsrecht verlangt von Geschiedenen, ob mit oder ohne Kinder, nach angemesser Frist wieder Arbeit zu suchen – de facto wird damit die Ehe als langfristige Versorgungsinstitution abgeschafft. Der großflächige Ausbau von Krippen und Kindergärten schließlich bricht mit einem ehernen konservativen Glaubensgrundsatz: Dass Mamas Fürsorge stets das beste sei fürs Kind.

In linken Ohren mag das alles nicht besonders revolutionär klingen. Für Konservative jedoch kommt es einer „kopernikanische Wende“ gleich, wie von der Leyen es nannte. Und es scheint, als schicke sich Staatssekretärin Christine Marek an, in Österreich deren Rolle zu übernehmen.

Dass die alten konservativen Herren die Welle über sich drüberschwappen lassen, ohne einen Mucks zu machen, ist ein gutes Zeichen. Wahrscheinlich wissen auch sie längst, wie ineffizient das Hausfrauenideal im Grunde ist: Frauen mit großem Aufwand in Schulen und Universitäten auszubilden, um sie später für die Hausaufgabenbetreuung und die Auswahl der Osterdekoration abzustellen, ist, volkswirtschaftlich gesehen, eine gigantische Verschwendung von Ressourcen. In Zeiten, in denen jede zweite Ehe auseinandergeht, ist es hochriskant bis fahrlässig, Menschen zu ermuntern, ihre gesamte ökonomische und soziale Lebensplanung vom Gelingen einer einzigen Beziehung abhängig machen. Und gerade für Familien mit Kindern erhöhen sich Lebensstandard und Sicherheit drastisch, wenn sie nicht bloß von einem Einkommen leben müssen.

Die nackte Wahrheit, der die Konservativen derzeit ins Gesicht starren, lautet: Die klassische Ernährer-Ehe ist ein Auslaufmodell. Mittelfristig führt kein Weg daran vorbei, dass jeder Mensch, ob Mann oder Frau, einen Beruf lernt, ökonomisch auf eigenen Beinen steht, selbst versichert ist und eigene Ansprüche auf Versorgung im Alter erwirbt. Das mag ein paar romantische Illusionen zerstören. Doch man kann die alten Herren beruhigen: Es tut fast gar nicht weh.

 

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