Alles ist schlimm, und es kommt noch viel schlimmer, glauben die Österreicher. Warum eigentlich?

Sibylle Hamann

Ein Ethnologe aus einem fernen Land, der sich vom regnerischen Wetter seinen Forschungsaufenthalt nicht verderben lässt, lernt in diesen Tagen viel. An jeder Straßenecke stolpert er über Dreiecksständer, die verraten, was das Volk bewegt. „Sicherheit“ wird ihnen da versprochen, „Schutz“, und wieder „Sicherheit“. Was kann er daraus ableiten? Dass es recht verzagte, unsichere Leute sein müssen, die hier leben. Bedroht von allen Seiten, gebeutelt von Angst. Wahrscheinlich handelt es sich um ein notleidendes, zerrüttetes Land, bedroht von Krieg und Krisen, knapp am Zusammenbruch entlang taumelnd. Transnistrien vielleicht? Simbabwe gar?

Würde sich der Forscher, von bangem Mitleid erfasst, in diese Arbeitshypothese vertiefen – er würde auf Studien und Umfragen stoßen, die sie klar bestätigen. Nur 12% der Landesbewohner sind mit ihrem Arbeitsplatz zufrieden. 74% geht es finanziell schlechter als im letzten Jahr, nur 8% sagen, sie könnten sich heute mehr leisten als damals. 67% glauben, der Lebensstandard werde weiter abrutschen, und selbst am großen Horizont der nächsten zwanzig Jahre erscheint kein Silberstreif: Nur 23% der Menschen meinen, es werde sich bis dahin bessern. Nicht einmal die Jungen, so gut ausgebildet wie noch keine Generation vor ihnen, kann Hoffnung schöpfen. Sie gibt sich demselben Fatalismus hin.

Womöglich, denkt sich der Ethnologe, gab es hier vor kurzem erst einen Totalkollaps, samt Verlust aller Werte und Ersparnisse, der die Menschen traumatisiert hat. Denn die Sorge, dass alles, was sie umgibt, in Gefahr ist, begleitet die Menschen offenbar auf Schritt und Tritt: 55% glauben, sie würden künftig nicht mehr die bestmögliche Gesundheitsversorgung bekommen. Nur wenige trauen noch dem Pensionssystem, die Schulen sind ohnehin unten durch. Es muss also ein wild-kapitalistisches Land sein, ohne staatliche Infrastuktur, ohne soziale Fürsorge, ohne jedes Sicherheitsnetz. Die USA vielleicht, wo man bei Geburt eines Kindes schon daran denken muss, wie man ihm dereinst das College bezahlt? Wo man sich nicht traut, zum Arzt zu gehen, aus Angst, mit der falschen Diagnose könnte man aus der Krankenversicherung fliegen?

Nein. Das Angst-Land heißt Österreich. Die Menschen, deren Furcht hier bedient und kultiviert wird, haben die vierthöchste Kaufkraft in Europa, ihr Lebensstandard gehört zu den höchsten weltweit, das Sozialsystem zu den umfassendsten und verlässlichsten überhaupt. Nicht einmal die (relativ) hohe Inflation kann etwas daran ändern, dass der Durchschnittsösterreicher sich um 2% mehr leisten kann als im Vorjahr. Im historischen Vergleich ist von „arm“ ohnehin keine Rede: Selbst für das neuerdings ach so teure Benzin muss man heute bloß noch halb so lang arbeiten wie in den Sechzigerjahren.

Spätestens hier kriegt der Ethnologe die Krise, rauft sich die Haare, zerreißt seine Datenblätter und verzweifelt an seiner Urteilsfähigkeit. Denn egal welches Heimatland es ist, in das er nach seinem Forschungsaufenthalt zurückkehren wird: Er kann mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass es ihm dort schlechter geht.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.