Muss man reich sein, um sich gesundes Essen leisten zu können? Nein.

Sibylle Hamann

Man kann sich das eigentlich recht lustig vorstellen. Karl-Heinz kommt von der Arbeit nach Hause (von welcher eigentlich?), freut sich auf einen lauschig-gediegenen Abend daheim, wirft erwartungsfroh seine Aktentasche aufs Sofa und bekommt von seiner Gattin mit stolzem Lächeln Brot und Wasser serviert. Kostbares Wasser aus der Hochquell-Wasserleitung, selbst gezapft, und selbstgebackenes Brot aus handgeschrotetem Korn. Handgeschrotet von der Gattin höchstpersönlich, denn Fiona ist auch nur eine Frau wie alle anderen. Auch sie weiß ganz genau, wie viel ein halber gestaubter Wecken beim Anker neuerdings kostet, ein Wahnsinn ist das, sie hat das flink im Kopf nachgerechnet und festgestellt: Selber schroten und selber backen, im neuen kristallverzierten Heißluftbackrohr, kommt da viel, viel billiger. Insbesondere dann, wenn einem, wenns ein bisserl mühsam wird, liebenswürdiges günstiges Personal zur Hand geht.

Auch über die Kosten-Nutzen-Rechnung beim Salat hat Fiona nachgedacht. Sie ist eine vife Geschäftsfrau, bei der Kapitalvermehrung mindestens ebenso erfolgreich wie ihr Gatte, da macht ihr niemand was vor. Man muss beim Dachgarten-Apartment bloß von Anfang an ein sonniges Eckerl fürs Gemüsebeet einplanen, in mittelmäßiger Innenstadtlage kann der Quadratmeter nicht viel mehr als 9.000 oder 10.000 Euro kosten. Dazu noch 1,50 Euro für die Samenpackung aus dem Blumengroßmarkt, eine Sprinkleranlage sowie eine Gartenkralle aus der neuen Bauhaus-Frühjahrs-Kollektion. Und schon hat man wieder 89 Cent gespart, jenen Wucherpreis, den die kaltherzige Kapitalistin unten am Marktstand neuerdings für ein Häuptl verlangt.

„Wasser ist gesund“, nickt Fiona ihrem zweifelnd dreinblickenden Gatten aufmunternd zu. „Du weißt: Sparen muss jeder, egal ob arm oder reich.“ So weit, so lustig.

Menschen wie Fiona machen es einem leicht. Da kann man wild mit dem Zeigefinger fuchteln, Spott und Hohn kübelweise ausgießen, und alle Anwälte der kleinen Leute gefallen sich dabei, die abgehobene Luxus-Tussi auf den Boden der Wirklichkeit zurückzuholen. Gesundes Essen muss man sich erst einmal leisten können! wird sie dieser Tage von allen Seiten belehrt. Bio ist schrecklich teuer! Wer arm ist, wird dazu gezwungen, ungesund zu essen, weil nur ungesundes Futter billig ist!

Das ist jedoch, mit Verlaub, eine Lüge.

Um das festzustellen, genügt ein Besuch im nächstgelegenen Supermarkt und ein Blick in die Einkaufswagerln jener Menschen, die ganz offensichtlich nicht der Zielgruppe von Fionas Bademöbelkollektion angehören. In diesen Einkaufswagerln liegen nur selten Karotten (1,29 Euro das Kilo) oder Kartoffeln (0,99 Cent). Sondern, viel häufiger, Fernsehsnacks und Tiefkühlpizza, Chickennuggets und Kartoffelchips, Schoko-Knusper-Frückstücksflocken und Zuckersprudel in der Plastik-Zweiliterflasche. Arme-Leute-Essen mag billig ausschauen. Gemessen daran, was drin ist, ist es jedoch unverschämt teuer.

„Indem man gesunde Nahrung kauft und den ganzen Junk weglässt, kann man einiges an Geld sparen“, sagt Fiona. Sie hat recht. Im übrigen auch damit, dass Wasser gesund ist.

 

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