Was Manager und Politiker von Franz Müntefering lernen können

Sibylle Hamann

Besonders sexy ist er nicht. Schmal ist er, tiefe Falten haben sich zwischen Nase und Kinn durch sein Gesicht gegraben, die Haare sind schütter. Er trägt eine spinnenbeindürre Brille und die Frisur eines gealterten Staubsaugervertretes. Und doch muss Franz Müntefering, der neue alte SPD-Chef, irgendetwas haben, das seine Leute elektrisiert. Monatelang waren die Parteifunktionäre verwirrt, ratlos, ängstlich. Seit Münte wieder da ist, fühlen sie sich, als sei der lang vermisste Erziehungsberechtigte endlich nach Hause gekommen. Er wird streng sein, er wird schimpfen, aber sie wissen, dass er es gut meint. Er ist wieder da, und alles wird gut.

„Es gibt keinen anderen Politiker in der SPD, der allein mit der Kraft seiner Worte so viel zu bewegen vermag“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“. Die Konkurrenz von der „Frankfurter Allgemeinen“ nennt Müntefering eine „Sphinx, von Freund und Feind gefürchtet, von den Medien verehrt“. Warum bloß? Vielleicht lohnt es sich, darüber kurz nachzudenken.

Wir wissen, dass „Münte“ gern einen roten Schal trägt, ein Freund schneller Entscheidungen ist und knappe, klare Worte mag. Politiker brauchen „ein heißes Herz und klare Kante“, sagte er einmal. Was wir noch wissen: Dass er sich vor neun Monaten, mit ein paar seiner knappen, klaren Worte, von der Politik verabschiedete und ins Privatleben zurückzog. Seine Frau war krebskrank, er wollte bei ihr sein. So einfach ist das, wenn man ein Leben hat und weiß, was zählt.

Würde sich ein geschmeidiger Durchschnittsmanager, in der Politik oder in der Privatwirtschaft, mit ähnlichen Gedanken tragen, es ginge in seinem Kopf sofort ein schrill tönender Karriere-Warn-Alarm los: Kurz mal aussteigen, sich Zeit nehmen für Privates, sich um den Onkel, die Freundin, das neugeborene oder halbwüchsige Kind kümmern, das einen braucht: Niemals! Nicht mal dran denken! Der totale Karrierekiller ist das! Dranbleiben muss man, nicht locker lassen, beweisen, dass man permanent unverzichtbar ist, und täglich auch noch um Mitternacht verfügbar. Wer das Spiel nicht ernst genug nimmt, wer sich nicht mit Haut und Haaren der Arbeit verschreibt, wer es nicht fertigbringt, seine Privatspähre in die schmalen Ritzen zu zwängen, die der Blackberry dafür vorgesehen hat, der hat im Business und in der Politik ausgespielt. Also: Weiterhetzen, noch mal schnell die Haare ölen, Gefühle wegsperren, und niemals, niemals auf die Idee kommen, dass es draußen noch ein Leben gibt.

Menschen wie Müntefering führen uns vor, dass es auch anders geht. Da sitzt jetzt einer an der SPD-Spitze, der bewiesen hat, dass er zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden kann. Einer, der sich von den Ritualen geliehener Bedeutung nicht forttreiben lässt und seinen eigenen Kompass hat. Auf den man sich verlassen kann, wenn es wirklich drauf ankommt. Was, insgesamt, schon ziemlich viel ist für einen guten Politiker.

Ankepetra Müntefering ist im Juli gestorben. Franz Müntefering war bei ihr. Jetzt ist er wieder in der Politik. Man muss ihn nicht wählen. Aber man kann sich wünschen, dass sein Beispiel Schule macht.

 

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