Erst wenn in der Politik alles hin ist, kommen Frauen dran. In Ruanda zum Beispiel.

Sibylle Hamann

Jetzt hat es also endlich ein Land geschafft. Es war nicht Island, nicht Norwegen und auch sonst keines der üblichen Verdächtigen, in denen normalerweise der „Genderwahnsinn“ wütet. Nein: Das erste Land der Welt, das eine Mehrheit weiblicher Parlamentsabgeordneter hat, ist Ruanda. Jener fruchtbare, furchtbare Kleinstaat im ostafrikanischen Hochland, dessen Namen die Welt erst kennt, seit er 1994 Schauplatz eines Völkermords war. Das kommt unerwartet. Doch es taugt dazu, ein paar allgemeingültige Regeln im politischen Geschäft zu illustrieren.

Wenn Frauen irgendwo auf der Welt unvermittelt in Machtpositionen vordringen, bedeutet das üblicherweise eines von zwei Dingen. Entweder: Dass es mit der Macht der jeweiligen Institution gar nicht so weit her ist. Wo es nichts zu bestimmen gibt, kann man Frauen leicht bestimmen lassen, ohne dass es wehtut. So ist das zum Beispiel im kubanischen Parlament, das bisher, mit 43 Prozent Frauenanteil, auf Platz zwei der globalen Statistik liegt. Oder es bedeutet: Dass eine Krise passiert ist, in der sich die bisherige Machtelite völlig diskreditiert hat, und dass sie sich aus der Verantwortung wegducken will. Wenn sich die Herren beim Regieren allesamt die Hände schmutzig gemacht haben und die Köpfe einziehen – dann sehen sie meistens den idealen Zeitpunkt gekommen, um Frauen in die erste Reihe voranzuschicken.

Beides trifft wohl in Ruanda zu. Und so weit das entfernt ist – ein Echo dieser politischen Gesetzmäßigkeit lässt sich auch in zivileren Regionen noch hören.

Auch in Europa kommen Frauen üblicherweise erst dann zum Zug, wenn die bisherigen Machthaber nicht mehr weiterwissen. Wenn es darum geht, Parteien aus einem Schlamassel herauszuführen oder voraussehbare Durststrecken zu überwinden, kurz: in Gemengelagen, in denen kaum etwas zu gewinnen ist. Margaret Thatcher musste erst auf eine Wahlniederlage ihrer Partei warten, bis sie zur Nummer eins bei den britischen Konservativen aufsteigen konnte. Angela Merkel übernahm eine CDU, die von einem Spendenskandal gebeutelt und vom Machtverlust geschockt war. Ihr teilte man die unangenehme Aufgabe zu, mit Langzeitkanzler Helmut Kohl und seinem System abzurechnen. „Susanne, geh du voran“, rief einst Jörg Haider Susanne Riess-Passer zu, und schickte sie vor, um sich einen Weg durch die Dauerdemontrationen und die internationale Isolation zu bahnen.

Frauen sollen aufräumen, einspringen, trösten, die Verletzen am Straßenrand einsammeln, und alle maroden Kämpfer behutsam wieder aufpäppeln – selbstlos und altruistisch, wie sie angeblich sind. Wenn die Trümmer beseitigt sind, die Krise ausgestanden und das Schiff wieder auf Kurs ist, haben sie normalerweise ihre Schuldigkeit getan und dürfen wieder beiseite treten, Platz machen, und das Ruder den Männern zurückgeben, die inzwischen zu Kräften gekommen sind.

Überraschend eigentlich, dass sich inmitten des Trümmerhaufens der österreichischen politischen Kultur derzeit keiner auf das Trümmerfrauen-Gesetz besinnt. Schaden fürs Land wäre es keiner. Aber die glauben alle offenbar immer noch, es laufe eh alles prächtig.

 

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