Nachwuchs-Fimemacher Arman Riahi über Migranten und den ORF – und die Frage, warum die beiden so schwer zusammenkommen. Ein Gespräch.

Falter: Herr Riahi, was ist das?

Riahi: Das ist die Ausländer-TV-Box. Die hab ich erfunden. Eine technische Innovation.

Was kann die?

Sie macht Ausländer sichtbar, wenn man sie an den Fernseher anschließt. Sie ist eine Art Umwandlungsgerät, das jede x-beliebige Sendung von ihrem klassisch weißen, künstlichen, weltfremden Erscheinungsbild befreit und auf einen Schlag farbenfroher, vielfältiger, realitätsnäher und weltoffener macht.

Und wozu braucht man die?

Die braucht man speziell, wenn man ORF schaut. Weil der ORF einfach nicht in der Lage ist, unsere Gesellschaft so zu zeigen, wie sie ist. Das ORF-Österreich ist eine Scheinwelt; ein Land, in dem Migration niemals stattgefunden hat. Dort wird nicht nur die erste, sondern mittlerweile schon die dritte Generation von Neo-Österreichern beharrlich ignoriert.

Kann man jede Sendung durch diese Box laufen lassen?

Klar. Die Sportnachrichten, die Talkshows, den Wetterbericht. Statt frisch gekocht würde öfters frisch gegrillt. Der Mundl wäre ein Ümit im Gemeindebau. Bei den Kuppelshows wären ab und zu Afrikanerinnen dabei. Und bei der Millionenshow gäbs ein paar andere Fragen, wenn man nicht selbstverständlich voraussetzen würde, dass alle Kandidaten in Österreich aufgewachsen sind. Und eine junge Türkin hätte Nachmittags eine eigene Talkshow. In der würde über kulturell gemischte Beziehungen geredet, aber nicht nur. Sondern auch über Immobilienpreise und Astrologie.

Und die Nachrichtensprecherin würde Kopftuch tragen?

Das Kopftuch wird völlig überbewertet. Natürlich ist es ein Zeichen für Patriarchat und Unterdrückung, aber es gibt auch Frauen, die es aus anderen Gründen tragen, und ich sehe nicht ein, warum die keine Chance haben dürfen, in Redaktionen oder sonstwo zu arbeiten. Das ist nicht fair. Es geht darum, Vielfalt und Veränderung sichtbar zu machen. Das fängt bei der äußeren Erscheinung der Moderatoren an, hört aber dort nicht auf.

Die Box haben Sie im Auftrag des ORF erfunden?

Der ORF hat gemerkt, dass er die letzten 15, 20 Jahre etwas verschlafen hat. Ihnen entgeht eine komplette Gesellschaftsschicht. Migranten schauen kaum mehr ORF. Es gibt über Satellit eine riesige Auswahl an Programmen, die aus ihrer Heimat kommen, oder aus Deutschland. Dort gibts allein 10 türkische Sender von Türken für Türken, auf türkisch und deutsch. Das schauen die Leute. Und fehlen dann dem ORF bei der Quote.

Sie schauen nicht zu, weil sie sich im Programm nicht wiederfinden?

Ja. Die Migranten der zweiten Generation sind erwachsen, werden älter, gestalten und reden in der Gesellschaft mit – und kommen im öffentlich-rechtlichen Fersehen trotzdem nicht vor. Das stimmt doch etwas nicht. Der ORF ahnt das, deswegen hat er Konzepte gesucht.

Und wie hat dem ORF Ihre Idee, die Box, gefallen?

Sehr. Es war ihnen von allen Konzepten, die sie bekommen haben, am sympathischsten. Und das wars dann. Wir haben nichts mehr von ihnen gehört.

Es ist hat auch ein bisserl eine radikale Idee. Wenn man sie ernst nimmt, würde es bedeuten, jede Sendung umzukrempeln.

Ich wollte halt keine Tschuschensendung machen, für die Tschuschenecke. Es würde viel mehr bringen, wenn einfach mehr Menschen der zweiten Generation dort arbeiten, ihre Expertise und ihr Lebensgefühl einbringen, und zwar in alle Ecken der Redaktion. Das würde die Themenvielfalt schlagartig vergrößern. Vielleicht funktionieren dann plötzlich auch die Jugendsendungen.

Junge Migranten drängen offenbar nicht in den ORF. Warum?

Sie fangen damit an, jetzt gerade. Aber bisher fehlen die Role Models. Dass einer wie ich den Ferseher aufdreht und denkt: Da schau, der schaut aus wie ich, da will ich auch hin. Jetzt, im Sommer, hat der ORF endlich angefangen, Moderatoren mit Migrationshintergrund zu casten. Nach vierzig Jahren Einwanderung!

Der Ausländer im Fersehen – in welchen Klischees kommt der vor?

Es gibt zwei. Erstens ist der der Täter: Er sprengt sich irgendwo mit Bomben in die Luft, oder er schlägt und unterdrückt seine Familie. Das zweite Klischeebild ist das der geschundenen Frau mit Kopftuch, die nicht aus dem Haus gehen darf. Das wars. Mehr krieg ich eigentlich über die islamische Kultur nicht mit, wenn ich fernsehe. Im Ausländer-Diskurs darf es immer nur Täter und Opfer geben.

Meist ist mit „Ausländer“ der konservative anatolische Bauer gemeint. Sie stammen aus einer linken persischen Intellektuellenfamilie. Fühlt man sich da trotzdem mitgemeint?

Doch, schon. Ich war ja auch der kleine Perser mit der Schlabberhose auf dem Skateboard. Egal, ob man die Sprache beherrt – man wird trotzdem in die Ausländerkiste gesteckt.

Nervt das? Oder kränkt es?

Eine Mischung aus allem. Ich bin wütend, dass der Lärm von wenigen dummen Leuten das übertönt, was in diesem Land positives wächst. Anderseits hab ichs satt, mir diese Klischees jeden Tag zu geben.

Ist es eigentlich wichtig, wo man sich zugehörig fühlt?

Ich bin so eine Zwischengeneration: Ich verstehe meine Eltern sehr gut, aber ich bin hier aufgewachsen und weiß genau, wie es hier läuft. Aber dass wir deswegen zwischen allen Stühlen sitzen und furchtbar leiden, verloren im Kuturkonflikt zwischen Österreich und Iran, der Türkei, Serbien oder sonstwo – das ist wieder so ein Klischee. Das stimmt nicht. Ich bin vollkommen glücklich, dass ich eine zweite Kultur in meinem Leben habe, und glaube fest daran, dass das Vorteile bringt. Eine größere Sensibilität bei manchen Themen, zum Beispiel.

Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, ist also oft nur eine Unterstellung? Eine Projektion von Leuten, die für sich selbst Eindeutigkeit brauchen?

Man sucht immer die Verallgemeinerung. „Wir“und „die anderen“: Da werden oft kleine Missverständnisse aufgeblasen zu riesigen kulturellen Differenzen. Als mein Bruder (Arasch Riahi, Anm.) seinen Film „Exile Family Movie“ gedreht hat, sind Leute ihn zugestürzt und haben gesagt: Wahnsinn! Jetzt verstehe ich endlich, wie ihr euch fühlt!

Ist diese Überraschung nicht eigentlich seltsam? Ausländer leben ja nicht in einem abgeschiedenen Bergdorf, man könnte jederzeit mit euch reden…

Genau das tut eben keiner. Wies dem Ausländer in der Nachbarwohnung geht, ist ein riesiges schwarzes schwarzes Loch, beim Intellektuellen ebenso wie beim Arbeiter. Das ist kein schichtenabhängiges Phänomen. Das passiert jedem. Mir auch. Und ich meine eben, das Fernsehen könnte dazu beitragen, die Leute neugierig zu machen. Ich hab früher immer die Sendung mit der Maus angeschaut. Da kriegt man was erklärt, dann denkt man sich: aha, geht hinaus, probiert es aus und fragt weiter. So etwas brauchen wir. Muss ja nicht mit Maus sein. Obwohl: Warum eigentlich nicht?

Was hält den ORF eigentlich davon ab?

Riahi: Das ORF-Programm ist eine de letzten Bastionen für das Wir-Ihr-Schema. Wenn Ausländer auf dem Schirm auftauchen, dann heißt das für die Menschen: Jetzt ist auch noch die letzte Bastion eingenommen, jetzt geht unsere schöne Republik zu Grunde. Als nächstes kommen Fundmentalismus und Kopftuchzwang.

Man unterstellt Migranten, bewusst oder unbewusst, sie verfolgen eine eigene Agenda?

Ja. Aber ich will ja nicht die Welt erobern, sondern bloß das Fensehen besser machen. Das österreichische.

Zur Person

Arman Riahi, 27, ist Regisseur und Drehbuchautor. Unter anderem arbeitete er für die „Sendung ohne Namen“ und „Sunshine Airlines“. Derzeit arbeitet er an „Neue Wiener“, einem Doku-Magazin über seinen Freundeskreis, das am Oktober auf Web-TV läuft (neuewiener.tv)

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.