Was sagt Elfriede Jelinek dazu, dass Sport jetzt zur Landesverteidigung gehört?

Sibylle Hamann

Den meisten Österreichern wird eine kleine Verschiebung in unserer neuen Regierung gar nicht aufgefallen sein: Für den Sport ist ab sofort nicht mehr das Bundeskanzleramt zuständig, sondern das Verteidigungsministerium. Das ist keine sehr aufregende Mitteilung. Außer man überlegt, was wohl Elfriede Jelinek dazu meint.

Die hat ja immer schon vermutet, dass Sport eine Art Krieg ist. In ihrem grandiosen „Sportstück“ lässt sie Knochen krachen, Sehnen reißen und Adern platzen. Von „gut betonierter Körpermasse“ erzählt sie, „Güteklasse A“, die sich zurichten lässt, um kollektiv Leistung zu bringen. Im Sport, wie Jelinek ihn seziert, verschmilzt die Natur (der Körper) mit der Maschine, und beide zusammen verschmelzen mit dem höheren Zweck, der Huldigung der Nation. „Siegermaterial“ heißt es in Sportberichten, so wie Generäle über „Menschenmateral“ verfügen.

„Der Sinn des Sports ist, dass es den Menschen nichts mehr ausmacht, sterben zu müssen, weil sie ja ohnehin für den raschen Verzehr erzeugt scheinen“, heißt es im „Sportstück“. Als es vor zehn Jahren am Burgtheater uraufgeführt wurde, brüllten antike Chöre einander nieder, bis zur totalen Erschöpfung. Es war ein mitreißendes, quälend intensives Erlebnis, an das sich jeder, der dort war, wohl noch heute erinnert. Das Thema war Österreich.

In Frankreich resortiert Sport bei Jugend und Gesundheit – da kriegt das Paket den Beigeschmack von nationalem Kräftigungs- und Aufmunterungsprogramm nach dem Motto „Fit mach mit“. In Finnland gehört Sport zum Unterricht, was vielleicht eine weitere Erklärung dafür ist, warum die finnischen Schüler und Schülerinnen stets alle Bildungsvergleiche gewinnen und noch dazu gern zur Schule gehen. Deutschland hat den Sport im Innenministerium, also bei der Polizei angesiedelt – da stellt man sich gleich Zirkeltraining unter behördlicher Aufsicht vor. In Griechenland hingegen gehört Sport zur Kultur. Da könnte man antiken Wurzeln nachspüren, vielleicht liegt die Verbindung aber schlicht daran, dass die antiken Speerwerfer so oft auf Vasen gemalt wurden.

In Großbritannien schließlich ist das Medienministerium zuständig. Mit mäßigem Erfolg, hat doch Großbritannien das europaweit größte Problem mit der Zahl fettleibiger Kinder. Bösartig könnte man anmerken: Kein Wunder, wenn sogar die Regierung meint, Sport hätte etwas mit Fernsehen zu tun.

Den Sport der Landesverteidigung zuzuteilen, wie es Östereich nun tut, ist europaweit ein Unikum. Bloß die Schweiz tut das genauso. Was zur Vermutung verleitet, diese Gemeinsamkeit könnte irgendwie an der völkerrechtlichen Neutralität liegen.

Und das passt am Ende dann doch ganz gut zusammen. Denn wer ist eigentlich der Feind, gegen den man sein ganzes Waffenarsenal in Stellung bringt, gegen den man tarnen, täuschen und trainieren muss, jeden Tag? In einem neutralen Land, umgeben von Freunden, kann das nur der innere Schweinehund sein.

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